1. Kapitel

 

Der Begriff des Dogmas

a) Vorchristliche und ausserchristliche Verwendung des Begriffes

 

Das Wort »Dogma« ist im heutigen Sprachgebrauch erst seit dem 18. Jahrhundert üblich. In der vorchristlichen und ausserchristlichen Zeit ist der griechische Ausdruck Dogma in vielfacher Sinngebung, und zwar sowohl im weiteren wie im engeren Sinn, verwendet worden. Man bezeichnete damit einen philosophischen Grundsatz (ein Axiom, einen Lehrsatz), insbesondere eine religiöse Lehre, den Ratschluss Gottes, den Beschluss eines Einzelnen oder einer Versammlung. Im weiteren Sinn werden Dogmen genannt Mythen, Riten, Sätze, Glaubensvorstellungen. Im engeren Sinn ist zum Gebiet des Dogmas nur zu rechnen eine lehrhafte Formulierung von Glaubensaussagen, die eine durch institutionelle Autorität verliehene Verbindlichkeit hat. Den Volksreligionen sind Dogmen fremd. Echte Dogmen treten erst auf in den Universalreligionen, z.B. im Buddhismus oder im Islam.

b) Kirchliche Verwendung

Im Neuen Testament werden die Beschlüsse des sogenannten Apostelkonzils (Apg 16,4) Dogmen ge-

114

nannt. Ferner haben die durch Christus aufgehobenen Satzungen der alttestamentlichen Thora (Eph 2,15; Kol 2,1.14.20f) sowie staatliche Edikte (Lk 2,1; Hebr 11,23; Apg 17,7) diesen Namen. Auch in der Väterzeit fand das Wort die mannigfachsten Bedeutungen. Von den apostolischen Vätern wird es im Sinne von ethischen Weisungen verwendet. Nach Ignatius von Antiochien sind die Dogmen des Herrn und der Apostel gebunden an die kirchliche Autorität. Nach dem Diognetbrief sind die Dogmen keine menschliche Weisheit, sondern Gottes Offenbarung. Eine besondere Bedeutung wird in dieser Frage Vinzenz von Lerinum zugeschrieben. Das Dogma ist für ihn die himmlische Lehre, die ein für allemal geoffenbart und als Glaubensunterlage der Gesamtkirche oder dem Corpus der Vorgesetzten zur Bewahrung und Bewachung übergeben ist. Die Kenntnis des Dogmas muss wachsen, das Dogma selbst aber bleibt unwandelbar. Vinzenz von Lerinum hat einen Dogmenbegriff aufgestellt, welcher in den Texten des 1. Vatikanischen Konzils (ohne den Fachausdruck) sachlich wiederkehrt. Das Konzil sagt nämlich: »Mit göttlichem und katholischem Glauben ist also all das zu glauben, was im geschriebenen oder überlieferten Worte Gottes enthalten ist, und von der Kirche im feierlichen Entscheid oder durch gewöhnliche allgemeine Lehrverkündigung als von Gott geoffenbart zu glauben vorgestellt wird« (DS 3011).

Im 12. und 13. Jahrhundert wurde der Ausdruck articulus fidei im gleichen Sinne wie das Wort Dogma gebraucht. Nach Thomas von Aquin muss die eine Offenbarungswahrheit um des grösseren Verständnisses willen in articuli fidei aufgegliedert werden. Ein solcher articulus schliesst daher drei Momente in sich: Wahrheitscharakter, Heilsbedeutung, Gemeinschaftsbezug,

115

das letzte infolge der kirchlichen Vorlage. Nur eine für das Ganze der Offenbarung wichtige Einzelwahrheit stellt einen Glaubensartikel dar. Besonders stark wird von Thomas die einem Glaubensartikel innewohnende Heilsbedeutung unterstrichen. Die gläubige Bejahung eines solchen schafft darin Ähnlichkeit mit der ersten Wahrheit selbst, auf deren unmittelbare Schau das gläubige Ja zum Glaubensartikel hingeordnet ist.

Nach dem heutigen Sprachgebrauch versteht man unter einem Dogma eine Offenbarungswahrheit, welche vom kirchlichen Lehramt, sei es durch die ordentliche und allgemeine Lehrverkündigung, sei es durch die feierliche Definition des Papstes oder eines Konzils, ausdrücklich als für alle verbindliche, dem Heile dienende Offenbarung vorgelegt ist. Dieser Begriff setzt voraus, dass die Geschichte der Selbsterschliessung Gottes eine Lehre oder vielmehr Lehren enthält. Wenn nicht anerkannt wird, dass es überhaupt eine Wahrheit gibt, kann auch kein Dogma, welches ja der Orthodoxie, nicht in erster Linie der Orthopraxie, wenngleich auch dieser, dient, bestehen.

Man muss unterscheiden zwischen dem Dogma der Kirche und den Dogmen. Das Dogma der Kirche ist das Ganze der kirchlichen Grundwahrheit. Die Einzeldogmen erheben sich aus diesem vorgegebenen Grunddogma wie Bergspitzen aus einem breiten Bergmassiv. Die Einzeldogmen sind lehrhafte Aufgliederungen aus diesem Gesamtdogma. Sie sind vielfach sehr wichtige, aber nicht immer die wichtigsten Glaubenslehren. Das Christentum ist auf jeden Fall mehr als die Summe der einzelnen Dogmen. Diese haben ihre Bedeutung nur als Glieder des Ganzen und an ihrem Orte im Ganzen.

Die ersten den Dogmen ähnliche Glaubensaussagen begegnen uns in den regulae fidei der Heiligen Schrift.

116

So Stellt sich die Christusgemeinde schon in der apostolischen Zeit als Glaubende hinsichtlich des geglaubten Inhaltes dar (Fides qua — Fides quae). Eine solche, aus dem Ganzen ausgegliederte Wahrheit muss für das Ganze um der Autorität des sich offenbarenden Gottes und zugleich um der Autorität der von Christus gewollten Kirche willen, also mit der Fides divina und der Fides catholica, angenommen werden. Das Dogma stellt ein Einzelmoment der Gesamtoffenbarung in einer besonderen Lehrgestalt der Kirche dar. Wir können auch sagen: Das Dogma in diesem Sinn ist die Explikation der Heiligen Schrift in einer besonderen Aussagegestalt durch das kirchliche Lehramt.  

  

Zurück zum Inhaltsverzeichnis