bb)
Das neue Lebensgefühl
Mit
dem neuen Weltgefühl verbindet sich ein tiefgreifender anthropologischer
Subjektivismus. In der entgotteten Welt tritt der Mensch immer mehr und mehr als
Mittelpunkt des geistigen und ethischen Lebens auf. Er wird Massstab und Norm,
wonach alles zu messen und zu werten ist. Dabei wird in erster Linie die
Vernunft, aber auch der menschliche Wille und das menschliche Gefühl als
Grundlage verwendet. Es vollzieht sich ein lange dauernder, aber intensiver
Emanzipationsprozess des Menschen von den früheren Bindungen, insbesondere von
der Bindung an die Kirche, aber auch von der Bindung an bestehende staatliche
und wirtschaftliche Formen (französische Revolution, heutiger Terrorismus). Der
Mensch kann sich in allen Fragen des Lebens selbst helfen, auch in den
Grenzsituationen. Es wäre allerdings unrealistisch, wenn man nicht mit
Nachdruck hervorheben würde, dass die Menschen in ihrem bisherigen, durch
Wissenschaft und Technik genährten Lebensgefühl der Autonomie infolge der
Umweltgefahren, der Begrenzung der Rohstoffe und der Energiekräfte sowie der
Gefahren der Kernenergie und des Verlustes eines tieferen Lebenssinnes, der
Verdunkelung des »Woher« und des »Wohin« verunsichert worden sind. Gerade
die dadurch hervorgerufene Verzweiflung führt nicht wenige zu dem Versuch, mit
Gewalt eine neue Ordnung zu schaffen, welche ihnen künftigen Lebenssinn zu
versprechen scheint.
cc)
Neue Philosophie
An
dieser Entwicklung ist ausser der Naturwissenschaft mit ihren vielen Zweigen
beteiligt die Philosophie im allgemeinen. Immanuel Kant (gest. 1804) hat die
Aufklärung bekanntlich verstanden als den Aus-
75
gang
des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Er forderte auf zu
dem Wagnis, die Vernunft ohne fremde Anleitung zu gebrauchen. Nicht mehr Gott,
sondern die menschliche Vernunft soll das höchste Gesetz des menschlichen
Handelns sein.
Die
Geschichtswissenschaft lehrte, die Relativität aller Wahrheiten und aller
ethischen Normen zu erkennen. Es gab in der durch sie gebotenen Orientierung
nichts Unwandelbares und Festes, sondern nur den immerwährenden Wandel.
Eine
besondere Rolle spielte die Soziologie. Ihr Begründer, Auguste Comte (gest.
1857), erklärte, dass sich das menschliche Erkennen auf Tatsachen beschränken
müsse, welche unsere Sinne darbieten. Was jenseits der Erfahrung liege, sei
verschlossenes Land. Darüber können wir nach ihm keine Aussage machen. Comte
will jedoch zugleich das religiöse Bedürfnis des Menschen befriedigen. Es
entspringt nach seiner Meinung dem Verlangen der Menschen, sich mit allen
Gliedern der Menschheit zu verbinden. An die Stelle des lebendigen Gottes tritt
die Menschheit mit allen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ihr gehörenden
Einzelmenschen. Ihr ist religiöse Verehrung zu weihen. Die Menschheit stellt
sich dar in ihren grossen Männern. Daher gebührt ihnen religiöser Kult. Zu
diesem fühlt sich das menschliche Herz gedrängt. So paradox es klingt: Der
Positivismus Comtes, der sich auf die kontrollierbaren Tatsachen der Erfahrung
zurückziehen will, entthront Gott und vergöttert die Menschen.
76