29. ABSCHNITT

 

Das Problem der Dogmenentwicklung

1. Kapitel

 

Gründe für die Dogmenentwicklung  

Mit neuer Schärfe kehrt die Frage wieder, wie sich die im Dogma vorgelegte Aussagegestalt der Offenbarung zu der ursprünglichen, in der Schrift gegebenen Aussage verhält. Die evangelische Theologie, welche selbst kein Dogma in dem angegebenen Sinne kennt, fürchtet vielfach, dass das katholische Dogma eine Verfälschung der Schrift oder eine der Schrift widersprechende Neuerung bedeutet. Insbesondere wird dies von den marianischen Dogmen behauptet. Dieses Problem wird nunmehr im Zusammenhang mit der Darstellung der Entwicklung erörtert.

Es ist nicht zu bezweifeln, dass es eine Dogmenentwicklung im Sinne einer Verkündigungs- und Glaubensgeschichte gibt. Denn es gibt Glaubenswahrheiten, die einmal nicht ausdrücklich von der Kirche verkündet oder in anderen Vorstellungen, Begriffen und Ideen vorgelegt wurden oder überhaupt nicht ausdrücklich bekannt waren. Es lässt sich nicht leugnen, dass dem hl. Augustinus manche Dogmen, die in den späteren Jahrhunderten entstanden sind, unbekannt waren, um nur ein Beispiel zu nennen. Von sämtlichen, in der Kirche vorhandenen Dogmen, auch von denjenigen, die die evangelische Kirche ihrerseits an-

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erkennt, muss man bekennen, dass sie in der vorliegenden Gestalt nicht genau in der Heiligen Schrift zu finden sind, vielfach so sehr nur im Prinzip, dass ohne den Einsatz einer wissenschaftlich-theologischen Methode und des kirchlichen Lehramts, d. h, ohne eine besondere Einwirkung des Heiligen Geistes auf die Kirche oder deren Glieder die später als Dogma verkündete Wahrheit nicht gesehen würde. Das gilt auch von den alten Dogmen von Nikaia, von Chalkedon und Ephesus. Diese letzte Tatsache ist für das ökumenische Gespräch von besonderem Gewicht, weil die genannten Konzilien auch weithin von Protestanten angenommen werden.

Der Widerstand gegen alles Neue in der Kirche, gegen neue Weisen der Glaubensaussagen, gegen neue Lebensformen, kann zu einem sterilen Konservatismus führen, der sich bis an die Grenze der Häresie zu entwickeln vermag. Er ist das Zeichen einer geistigen Erstarrung. Auf der anderen Seite kann die Freude an dem Neuen zu einer Fortschrittlichkeit führen, die sich wiederum der Häresie nähert. So werden die Vertreter beider Richtungen über die Glaubensgrenze hinausgehen. Die Dogmenentwicklung steht jenseits eines unfruchtbaren Konservatismus und jenseits einer den Glauben auflösenden Progressivität.

Wie verhält sich also der spätere Glaube und die spätere Gtaubensverkündigung zu dem früheren Glauben und der ursprünglichen Glaubensverkündigung? Stellt das spätere nur eine neue Wahrheitserkenntnis oder eine neue Wahrheit dar? Nur eine neue Gestalt der alten Wahrheit oder die Entdeckung einer neuen? Diese Unterscheidung ist oft nicht von vornherein leicht zu vollziehen.

 

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