6. Kapitel

 

Das Dogma — kein neuer Glaubensinhalt

 

Die Formulierung geschieht in einer Sprache, welche dem Missverständnis entzogen sein soll und die Wahrheit zugleich als Gegensatz zum Irrtum erkennen lässt. Es muss allerdings hinzugefügt werden, dass es schwer oder nicht möglich ist, jedes Missverständnis von vorneherein auszuschliessen. In allen Fragen, die den menschlichen Geist, die das wahrhaft Menschliche betreffen, ist jede Formulierung immer wieder der Fehldeutung ausgesetzt, und eine völlig eindeutige Aussage gibt es in diesem Bereiche wesensgemäss nicht. Man darf nur an Worte wie etwa Liebe oder Ehrfurcht oder Glaube oder Hoffnung u.a. psychische Vorgänge denken. Das Dogma wird zwar von den Trägern des kirchlichen Lehramtes verkündet, aber in ihm wird der Glaube des ganzen Gottesvolkes ausgesprochen. Dieses reagiert mit seinem Glaubenssinn gegen die Glaubensgefahr. Wenn die Träger des kirchlichen Lehramtes auch nicht nur die Vollstrecker des Glaubens sind, sondern die von Gott bestellten Hüter und Hirten des Glaubens, so verkünden sie doch nicht einen neuen Glauben, sondern den vom Gottesvolk als Ganzen reflex oder unreflex vollzogenen und gelebten Glauben. Sie sagen nichts anderes, als bisher geglaubt wurde. Aber sie sagen das bisher Geglaubte, das alte Wahre, anders. Sie sind die Sprecher aller übrigen. Ihr Wort ist eine Aufforderung zur Selbstbesinnung aller Angehörigen des Gottesvolkes.

 

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