Vorwort zur
zweiten Auflage
Trotz der für ein theologisches
Lehrbuch ungewöhnlich hohen Auflage und des Rückgangs der Zahl der
Theologiestudenten ist eine Neuauflage meines Werkes »Der Glaube der Kirche«,
das ich während meiner Tätigkeit als Gastprofessor in den Vereinigten Staaten
von Nordamerika verfaßt habe, erforderlich geworden. Sie erscheint nicht mehr
in dem bisherigen Verlag Max Hueber. Dieser Verlag hat sowohl meine seit 1937 in
fünfter bis sechster Auftage in acht Teilbänden erschienene Katholische
Dogmatik als auch das nun zur Neuausgabe anstehende Buch »Der Glaube der Kirche«
verlegt. Der Verlag hat sich jedoch seit mehreren Jahren völlig auf
Sprachprobleme konzentriert und die zahlreichen von ihm betreuten theologischen
Monographien und Serien-Werke an andere Verlage abgegeben. Der derzeitige
Verlagsbesitzer Ernst Hueber ist zudem im April 1977 nach langer Krankheit
verstorben. Die Neuausgabe hat der seit einer Reihe von Jahren immer mehr zur
wissenschaftlich-theologischen Literatur hingewandte EOS Verlag im
Missionskloster St. Ottilien unter der Leitung von Dr. P, Bernhard Sirch OSB übernommen.
Die
auf sechs Bände zu je etwa 300 Seiten aufgeteilte amerikanische Fassung meines
Werkes »Der Glaube der Kirche«, seit 1968 zuerst in New York im Verlag Sheed
and Ward erschienen, liegt nunmehr je nach Band in vierter, zweiter oder dritter
Auflage vor, sowohl in New York bzw. Kansas, als auch in London, hier in einem
gleichnamigen Verlag.
Gegenüber
der bisherigen Gestalt des Werkes treten einige wichtige Änderungen ein. Sie
sind sowohl äußerer als auch sachlich-inhaltlicher Art. Das Werk
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wird
nicht mehr in zwei großen, ziemlich unhandlichen Bänden herauskommen, vielmehr
soll es in sieben kleineren Bänden erscheinen, von denen jeder eine gewisse
Selbständigkeit aufweist, die aber alle in ihrer Gedankenführung einen
Zusammenhang derart haben, daß sie unter christologischem Aspekt stehen. Durch
diese Aufnahme oder vielmehr Weiterführung der christologischen Sicht ist die
Einheit des ganzen Werkes gesichert. Es wird in etwa eineinhalb Jahren in allen
Bänden vorliegen. Das Werk könnte natürlich auch in ekklesiologischer Sicht
verfaßt werden. Dies bedeutete jedoch keinen allzu großen Unterschied zur
Christozentrik des Buches, denn Christus ist uns zugänglich in der Kirche.
Insofern sind christozentrische und ekklesiale Sicht engstens miteinander
verbunden. Wenn das Buch christozentrisch verfaßt sein soll, so bedeutet dies
keineswegs, daß es gewissermaßen nur ein Christusbuch wird. Es wird vielmehr
in dem Werk jeder Traktat behandelt, der üblicherweise in einem dogmatischen
Lehrbuch besprochen wird. Aber jeder Traktat wird in christologischer
Perspektive dargeboten, Eine besondere Aufmerksamkeit ist der Ekklesiologie, natürlich
auch unter christologischem Aspekt zugewandt. In ihr werden zugleich die
Sakramente, besprochen, die Taufe und die Firmung als Eingangs-sakramente in das
Volk Gottes, die Eucharistie als das Zentralgeschehen, die Priesterweihe als die
Bestellung des Vorstehers der Eucharistiefeier und zugleich der sonstigen, dem
Amtsträger zukommenden Aufgaben innerhalb der Kirche. Über Maria wird nicht in
einem eigenen Traktat, sondern nach dem Vorbild des Zweiten Vatikanischen
Konzils in einem Kapitel der Ekkle-siologie gehandeil werden, da sie ja der
Typus der Kirche ist und außerdem das Vorbild für jeden christusgläubigen
Menschen. Das Sakrament der Kran-
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kensalbung
wird ebenfalls im Rahmen der Kirchenlehre dargeboten werden; denn es ist zwar
nach dem Konzil zu benennen als Krankenölung, aber es soll gerade dazu dienen,
daß das kranke Glied der Kirche wieder gesund wird oder aber den letzten
Schritt in die Vollendung vollbringt.
Die
Buße. die sakramentale und die nichtsakramentale, steht im Dienste der ecciesia
semper reformanda.
Das
Sakrament der Ehe wird im Zusammenhang mit der von den Menschen zu leistenden
Wirksamkeit in unserer Welt interpretiert werden.
Es
wird also keine eigene Sakramentenlehre geben. Darin gleicht die Neuauflage
genau der bisherigen Auflage. Ich nehme an, daß diese Einordnung der Sakramente
in die Lehre von der Kirche, in die Ekklesiologie nicht als ein Verlust
empfunden wird. Durch eine solche Einordnung kommen nämlich die Sakramente
genau dorthin, wo sie im Glauben des Christen den Sitz im Leben haben, um ein
Wort des evangelischen Theologen H. Gunkel zu verwenden. Die Sakramente
erscheinen so als konkrete Ausgestaltungen der Sa-kramentalität der Kirche überhaupt.
In ihnen erhebt sich die kirchliche Sakramentalität zu besonderen Höhepunkten
und leistet dem Menschen Hilfe in hervorragenden Situationen seines Lebens.
Zugleich stellt sie sich selbst, namentlich im Sakrament der Eucharistie, als
die von Christus nicht nur gestiftete, sondern von ihm durchlebte und auch vom
Heiligen Geist durchwirkte Gemeinschaft dar.
Keine
geringfügige Änderung dürfte es bedeuten. daß von Gott dem Dreieinigen nicht
wie in der 1. Auflage im Rahmen der Christologie, sondern in dem Passus »Gott
der Eine und Dreieinige« (ohne Vernachlässigung der christozentrischen
Perspektive) gesprochen wird. Auch die Einordnung der Trinitätslehre
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in
die
Christologie in der früheren Auflage war nicht, wie ein Rezensent gemeint hat,
eine mechanische Umstellung. sondern betraf die Akzentuierung, die
Gewichtsverteilung, die Perspektive, das, was das II. Vat. Konzil die hierarchia
veritatum nennt. Die jetzige Ordnung wird nicht einfachhin den traditionellen
Charakter der Reihenfolge wieder aufnehmen, sondern den Zusammenhang und den
Geschehnischarakter der Trinitäts-offenbarung deutlicher werden lassen.
Man
kann die Frage stellen, ob bei der großen Zahl von theologischen Veröffentlichungen
ein neues Lehrbuch überhaupt nötig ist. Diese Frage wurde in einem
umfangreichen Heft der in Rom erscheinenden Zeitschrift »Seminarium« mit dem
Untertitel »commentarii pro seminariis, vocationibus ecciesiasticis,
universitatibus« im Jahrgang 16 der Nova series Nr. 2 April/Juni Nummer '76
ausführlich behandelt. Ich selbst habe darin die angeschnittene Frage
besprochen auf Seite 263 — 293. Ich darf auch einen etwas längeren Text
Augustins aus der in der Bibliothek der Kirchenväter 1935 gebrachten Übersetzung
des Augustinischen Werkes De Trinitate (S. 7 f.) vorlegen:
»Jeder, der mein Werk liest, möge
mit mir weitergehen. Wenn er aber selber meine Überzeugung nicht teilen kann, möge
er mit mir weitersuchen und, wo er einen Irrtum seinerseits erkennt, wieder zu
meinem Werke zurückkehren, wo er einen Irrtum meinerseits erkennt, soll er mich
zur Ordnung rufen. So wollen wir gemeinsam auf dem Wege der Liebe einhergehen .
. . Ein solches von Ehrfurcht getragenes und Zuverlässigkeit verbürgendes Übereinkommen
möchte ich vor dem Herrn unserm Gott mit allen Lesern meiner Werke schließen.
. . für alle meine Schriften, besonders aber für dieses Werk über die Einheit
der Dreieinigkeit, des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes . . . Wenn also
jemand beim Lesen sagt, das ist nicht gut dargelegt, da Ich es nicht verstehe,
so trifft er mit seinem Tadel meine Darstellungsweise, nicht aber den Glauben;
vielleicht hätte es wirklich lichtvoller gesagt werden können. Indes gilt, daß
kein Mensch jemals so sprechen kann. daß er in al-
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lem
von allen verstanden wird. Wenn also jemandem an meiner Abhandlung etwas mißfällt,
so sehe er zu, ob er andere, die sich mit solchen Gegenständen und Fragen beschäftigt
haben, versteht, während er nur mich nicht versteht. Ist es so, dann soll er
mein Buch beiseite legen . . . und seine Mühe lieber jenen zuwenden, die er
versteht. Nicht soll er jedoch deshalb glauben, ich hätte schweigen sollen,
weil ich nicht so verständlich und so lichtvoll wie jene, die er versteht, zu
reden vermag. Denn es kommen nicht alle Werke aller Schriftsteller in aller Hände...
Es kann nämlich vorkommen, daß manche, die dieses mein Werk zu verstehen vermögen,
von jenen klareren Werken nichts erfahren, aber doch wenigstens auf dieses unser
Buch stoßen. Deshalb ist es von Nutzen, wenn über die gleichen Fragen mehrere
Bücher von mehreren in verschiedener Darstellungsweise verfaßt werden, nicht
in verschiedenem Glauben, damit die dargestellte Sache zu vielen gelange, zu den
einen auf diese, zu den anderen auf jene Weise ... Wenn bei der Lektüre des
Buches jemand sagt. ich verstehe zwar, was gemeint ist, aber es ist nicht
richtig ausgedrückt, der möge ruhig seine Anschauung festhalten und die
meinige widerlegen, wenn er kann. Wenn er dies in Liebe und Wahrheit tut, und es
mich. sofern ich noch am Leben bin, wissen läßt, werde ich gerade daraus
reiche Frucht für meine Bemühungen empfangen. Kann er seine Erkenntnis mir
nicht mehr zukommen lassen, so ist es doch mein Wunsch und Wille, daß er sie
allen, die er erreichen kann. zuteil werden läßt.«
Die christologische Grundausrichtung
bringt es naturgemäß mit sich, daß in dem Werke das personale Moment, die
Begegnung des Lesers mit Gott, immer wieder durchdringt. Hierüber hat u.a.
Eugen Biser in verschiedenen seiner Werke, zuletzt in einem Aufsatz des
Klerusblattes 1978 S. 1-5 gehandelt. Der hier vorgelegte Gedanke ist auf Seite 3
zu finden. Er betont dabei, daß die Menschheit in den Wirren unserer Zeit eine
dreifache neue Erkenntnis gewonnen hat, nämlich die Erkenntnis von der
Mitmenschlichkeit, von der Bedeutung des Friedens und von der Sprache. Er fügt
noch hinzu, daß auch ein neues Verständnis des Todes zutage getreten ist.
Hierbei legt er besonderes Gewicht auf das neue Verständnis der Sprache. Sie
wird,
XVII
wie
er glaubt, nun nicht mehr nur als Mitteilungsinstrument anerkannt und verwendet.
Er stellt die Frage, was es denn mit der offenbarenden Selbstzusage Gottes in
Wirklichkeit für eine Bewandtnis habe. Mit der Besinnung auf das Wort, auf das
Wort der Offenbarung und das Wort des Glaubens, ist nach seiner Überzeugung in
der nachkonziliaren Phase und in ihr in ganz besonderer Weise ein bis dahin nur
schlecht oder gar nicht bestelltes Feld der Theologie erschlossen worden, nämlich
das Feld der dialogischen Beziehungen. Es ist den Menschen in einer neuen Weise
zu Bewußtsein gekommen, was es um das Offenbarungswort Gottes ist. In diesem
Zusammenhang ist die Theologie Rudolf Bultmanns unterzubringen, insbesondere
seine These von der existentialen Interpretation der Heiligen Schrift. Schon der
evangelische Theologe aus dem pietistischen Raum Johann Alfred Bengel hat das
Verhältnis des Lesers zu der Heiligen Schrift in dem Worte zusammengefaßt: »te
totum applica ad textum — rem totam applica ad te.«
Selbstverständlich
ist für diese neue Auflage sowie für die erste das Zweite Vatikanische Konzil
von grundsätzlicher Bedeutung. Es fragt sich dabei allerdings, welchen
Verpflichtungsgrad die Aussagen des Konzils haben. Diese Frage kommt daher, daß
das Konzil nach der Meinung des einberufenden Papstes Johannes XXIII. ein
Pastoral-, d. h. aber zugleich, kein dogmatisches Konzil sein sollte. Daraus
ergibt sich, wie während des Konzils mehrfach hervortrat, die Frage, ob das
Konzil überhaupt Dogmen aufgestellt hat. Diesbezüglich bildeten sich zwei
Gruppen von Konzilsvätern. Die eine, die kleinere Gruppe, war der Meinung, daß
das Konzil überhaupt keine Lehren darbiete (soweit es nicht schon bestehende
Lehren vorträgt), sondern nur pastorale Anweisungen. Das Konzil führe auf
XVIII
dem
Felde der Lehre nicht über das hinaus, was die vorausgehenden Konzilien
aussagten, seine eigentliche Bedeutung liege ausschließlich auf der Ebene der
praktischen Verwirklichung. Mit dieser Vorstellung hängt es naturgemäß
zusammen, daß ein Widerspruch gegen eine Konzilsaussage als solche auf keinen
Fall einen Widerspruch gegen eine Lehre in sich schließen kann. Für die Praxis
der nachkonziliaren Zeit ist diese Situation von großer Bedeutung.
Demgegenüber
wurde von anderen die These vertreten, daß die konziliaren Aussagen einfach
deswegen, weil sie konziliare Aussagen seien und daher von der höchsten Autorität
in der Kirche garantiert würden, die Ebene des Dogmas erreichen, ohne daß dies
formal zum Ausdruck kommt. Für die Diskussion in dieser Frage ist ein Satz des
Papstes Paul VI. in einer Rede zur letzten öffentlichen Sitzung des Konzils am
7. 12. 1965 von großer Bedeutung. Er lautet: »Jetzt aber ist zu beachten, daß
die Kirche in ihrem Lehramt zwar keine Hauptlehre durch außerordentliche
dogmatische Bestimmungen definieren wollte, daß aber nichtsdestoweniger sehr
viele Fragen mit ihrer Autorität als Glaubenslehren vorgelegt werden,
nach deren Norm die heutigen Menschen ihr Gewissen zu bilden und die Art ihres
Handelns zu bestimmen gehalten sind.« Mit diesen Worten wird vom Papste
abgelehnt, daß es sich um formale Dogmen handelt. Zugleich aber wird
hervorgehoben, daß die Vatikanischen Aussagen einen Verpflichtungsgrad haben,
welcher in der höchsten Autorität der Kirche begründet ist. Man darf wohl
sagen, der Unterschied zwischen einem formalen Dogma und der
Glaubensverpflichtung, die der Papst Konzilsaussagen beimißt, liegt mehr im
Formalmethodischen als im Inhaltlichen. In der Tat wird ja auch die Aussage des
Konzils über die Kirche eine
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dogmatische
Konstitution genannt. Das Gleiche gilt von der Constitutio über die göttliche
Offenbarung. Es kommt dazu, daß um die richtige, dem Sachverhalt entsprechende
Formulierung Jahre lang gerungen worden ist. Diese Mühe wäre unverständlich,
wenn es sich nicht um echte Überzeugungen und um eine echte Verkündigung der
obersten kirchlichen Autorität handeln würde. Man kann also nicht mit Berufung
auf den rein pastoralen Charakter des Konzils unbesorgt Thesen vertreten, die
den Konzilsäußerungen widersprechen, ohne mit dem kirchlichen Glauben in
Widerspruch zu geraten, oder einfachhin unbesorgt und undifferenziert behaupten,
das II. Vat. Konzil bringe keine (neuen) Glaubensaussagen.
Der
Papst hat ebenso wie das Konzil selbst mehrfach auf die im Konzil
hervorgetretene Bedeutung der Auslegung der Heiligen Schrift für die Theologie
hingewiesen. Dies ist ein Moment von besonderer Tragweite für jede kommende
Theologie. Es wird nämlich gesagt, daß das Studium des Heiligen Buches
geradezu Seele der ganzen Theologie sei. Das ist, wie sich nicht leugnen läßt,
eine Verschiebung der Gewichte, welche den theologischen Disziplinen zukommen,
und zwar eine Verschiebung des Hauptgewichtes auf die Exegese, weg also von der
bisher in die Mitte des ganzen theologischen Studiums gestellten Dogmatik. Diese
Betonung der Exegese legt nahe, daß der Aufbau der Dogmatik in ihren einzelnen
Kapiteln nicht mehr, wie es bisher vielfach üblich war, von einem kirchlichen
Lehrsatz ausgeht, der dann durch die Heilige Schrift und die Überlieferung
bewiesen und näher erklärt werden soll, sondern daß die Exegese selbst bzw.
die Heilige Schrift jeweils den Ausgang eines Aussagekomplexes bildet, daß sich
daran die Entfaltung der Schriftaussage in der Geschichte der Kirche
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anschließt
und daß die Darstellung der kirchlichen Lehre, die auf der Heiligen Schrift und
auf der kirchlichen Überlieferung basiert, das Ende eines solchen
Gedankenganges darstellt. Auf diese Weise wird das Werden der kirchlichen Lehre
von vorneherein sichtbar. Dabei werden auch die Schwierigkeiten, die Umwege, die
Neuansätze, die zu der endgültigen kirchlichen Lehre geführt haben,
verdeutlicht.
Dieses
Vorgehen hat auch den Vorteil, daß nicht nur jene Lehren zur Darstellung
kommen, für welche es kirchliche Entscheidungen gibt, sondern das Gesamt der in
der Heiligen Schrift und in der kirchlichen Überlieferung niedergelegten göttlichen
Offenbarung.
Es ist noch folgendes hinzuzufügen: Auch bei einer endgültigen oder vorläufigen kirchlichen Aussage über den Inhalt der Offenbarung ist die theologische Bemühung noch nicht an das Ende gekommen. Ganz abgesehen davon ist auch eine kirchliche Verkündigung eine Aussage, die der Hermeneutik bedarf. Weil sich im geistigen Bereich nie eine Aussage in einem vollkommenen, absolut eindeutigen oder erschöpfenden Sinne machen läßt, so muß man betonen, daß jede kirchliche Lehre offen ist für die Zukunft. Was durch Spiritualität, durch die Anforderungen der Zeit, durch die theologische Wissenschaft bei der Interpretation der kirchlichen Lehre an tieferem Glaubensverständnis zutage gefördert wird, läßt sich nicht von vorneherein sagen. Es ergibt sich für die Theologie die Situation, daß sie nie an ein Ende kommt, auch wenn sie sich noch so sehr um das Verständnis der Offenbarung bemüht. Sie nimmt ihren Ausgang in der Offenbarung, vielmehr von dem sich offenbarenden Gott und bewegt sich auf die Wiederkunft Christi zu oder vielmehr: durch den erhöhten Christus im Heiligen Geist auf die Ankunft bei dem sich unverhüllt zeigen-
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den
und den Menschen sich endgültig zusagenden Gott.
Das
vorliegende Werk befleißigt sich einer verständlichen Sprache. Es vermeidet
also die heute vielfach übliche, komplizierte, mit unzähligen Fremdwörtern
ausgestattete Darstellung der Theologie, welche es einem nicht fachlich
Gebildeten unmöglich macht, das Dargestellte zu verstehen, Die Sprache soll
nicht eine Mauer sein, die sich zwischen dem Autor und dem Leser aufbaut,
sondern eine Brücke, die vom Autor oder vielmehr von dessen Werk zum Leser hinführt,
auf der der Leser auch wieder ohne allzugroße Schwierigkeit zu dem Autor oder
zu dem von ihm geschaffenen Werk zurückfindet. Dabei wird die
Wissenschaftlichkeit nicht außer acht gelassen. Dogmatik kann nicht ein reines
Erbauungsbuch sein, aber sie soll ein Buch des Glaubensverstehens sein.
Wenn
heute weithin behauptet wird, daß die Sprache der altkirchlichen Konzilien, ja
auch jene der Heiligen Schrift, den heutigen Menschen nicht mehr oder nicht ohne
weiteres verständlich sei, so ist daran ein Wahrheitskern. Man darf jedoch
nicht übersehen, daß diese Schwierigkeit eine soeben angedeutete Parallele in
der heutigen Erfahrung hat, da die derzeitige theologische Sprache in nicht
wenigen ihrer Erscheinungen nur einem kleinen Kreis von Fachleuten zugänglich
ist, während sie doch die mit Recht oder Unrecht als unverständlich
bezeichnete altkirchliche »griechisch-philosophische« Sprachform ablösen
will. Der Hauptgrund für die behauptete Unzugänglichkeit altkirchlicher
theologischer Aussagen für den heutigen Menschen liegt in dem ausgesagten
Inhalt, nicht in der Sprachgestalt. Wer nur noch im Horizont des
technisch-industriellen Zeitalters denkt oder denken kann, wird weder verstehen
noch für bedenkenswert
XXII
halten,
was im metaphysischen Horizont der alten Zeit gesagt wurde, von Einzelaussagen
wie z. B. Trinität, Menschwerdung Gottes, Fortleben nach dem Tode, Auferstehung
von den Toten usw. ganz zu schweigen.
Es
darf vielleicht noch etwas betont werden: Bald nach dem Erscheinen der ersten
Auflage wurde ich von einem mittelamerikanischen Theologen gefragt, ob ich mit
der Übertragung in das Spanische, und zwar in das in Südamerika gesprochene
Spanische einverstanden sei. In das europäische Spanische wurde das Werk gleich
nach seinem Erscheinen ohnehin übersetzt. Ich bejahte diese Frage, erhielt aber
nach längerer Zeit die Mitteilung, daß eine Kommission südamerikanischer
Theologen die Sache beraten habe und zu dem Ergebnis gekommen sei, daß das Werk
nicht in das südamerikanische Spanisch übersetzt werden könne, weil man dort
eine Theologie der Befreiung brauche. Ich werde also ersucht, so hieß es in dem
Schreiben, eine Theologie der Befreiung zu schreiben. Ich mußte infolge der
Vielfältigkeit der Problematik leider antworten, daß ich mich zur Durchführung
eines so weittragenden und wichtigen Vorhabens infolge schwieriger anderer
Engagements zur Zeit nicht im Stande sehe (siehe zu der Problematik z. B.
Wilhelm Kasch, Wie frei macht die Theologie der Freiheit? in: Politische
Studien, 238 Jahrg. 29, 1978, 135-148; Internationale Theologenkommission (K.
Leh-mann u. a.), Theologie der Befreiung, Einsiedeln 1977).
Noch
ein Wort der Selbstkritik: Eine allseits befriedigende Lösung, an welcher
Stelle von Christus, an welcher Stelle von Gott dem Einen und Dreieinigen
gesprochen werden soll, ist unmöglich. Die Interpretation Jesu Christi setzt
die göttliche Dreieinigkeit voraus, die Interpretation der göttlichen
Dreieinigkeit setzt jedoch die Erscheinung und auch die Verkündi-
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gung
Jesu Christi voraus. Die beiden Glaubenswahrheiten greifen also so ineinander,
daß die eine die andere stützt und trägt und verständlich macht. Bei der
jetzt von mir vorgenommenen Ordnung ist naturgemäß unerläßlich, auch schon
bei der Interpretation des Dreieinigen Gottes immer wieder von Jesus Christus,
von seinem Existenzsinn und seinem Wesen zu sprechen. Es soll dies jedoch nur
insoweit im Trinitätstraktat geschehen, als es für dessen Verständnis unerläßlich
ist, so daß die Hauptdarstellung Jesu Christi nach wie vor einen eigenen
Traktat erfordert.
Nun
möge also das Werk in seiner neuen Gestalt den Weg gehen und den Lesern
hilfreich sein. Als Leser denke ich mir sowohl die für die Theologie
Interessierten als auch die Theologie Studierenden und bis zu einem gewissen
Grade auch die, die sich in das Lehramt der Theologie einzuarbeiten versuchen.
Ohne
vielfältige Hilfen hätte ich nicht den Mut gehabt und auch nicht die Zeit
aufgebracht, einer Neuauflage näher zu treten. Meine früheren Helfer für die
Lesung von Korrekturen und die Herstellung der Register konnten nicht mehr
mitwirken, da sie entweder gestorben sind oder durch Übernahme von Hauptberufen
völlig beansprucht werden. Um so herzlicher danke ich meiner früheren,
inzwischen in den Ruhestand getretenen, aber immer noch hilfreichen Sekretärin,
Frl. Lilly Kuhnert, und für manche in nachbarlicher Verbundenheit geleisteten
Schreibstunden Frau Dorle Buchbauer, ebenso meiner Nichte, Fräulein Elisabeth Hölzl.
Ganz besonderen Dank schulde ich dem EOS Verlag in St.Ottilien, dessen Leiter,
Herr Dr. theol. Bernhard Sirch OSB, den Mut, die Geduld und die Energie hatte,
welche für die Veröffentlichung erforderlich waren und sind.
Gauting,
Weihnachten 1978 Michael Schmaus
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