Vorwort zur zweiten Auflage

 

                 Trotz der für ein theologisches Lehrbuch ungewöhnlich hohen Auflage und des Rückgangs der Zahl der Theologiestudenten ist eine Neuauflage meines Werkes »Der Glaube der Kirche«, das ich während meiner Tätigkeit als Gastprofessor in den Vereinigten Staaten von Nordamerika verfaßt habe, erforderlich geworden. Sie erscheint nicht mehr in dem bisherigen Verlag Max Hueber. Dieser Verlag hat sowohl meine seit 1937 in fünfter bis sechster Auftage in acht Teilbänden erschienene Katholische Dogmatik als auch das nun zur Neuausgabe anstehende Buch »Der Glaube der Kirche« verlegt. Der Verlag hat sich jedoch seit mehreren Jahren völlig auf Sprachprobleme konzentriert und die zahlreichen von ihm betreuten theologischen Monographien und Serien-Werke an andere Verlage abgegeben. Der derzeitige Verlagsbesitzer Ernst Hueber ist zudem im April 1977 nach langer Krankheit verstorben. Die Neuausgabe hat der seit einer Reihe von Jahren immer mehr zur wissenschaftlich-theologischen Literatur hingewandte EOS Verlag im Missionskloster St. Ottilien unter der Leitung von Dr. P, Bernhard Sirch OSB übernommen.

Die auf sechs Bände zu je etwa 300 Seiten aufgeteilte amerikanische Fassung meines Werkes »Der Glaube der Kirche«, seit 1968 zuerst in New York im Verlag Sheed and Ward erschienen, liegt nunmehr je nach Band in vierter, zweiter oder dritter Auflage vor, sowohl in New York bzw. Kansas, als auch in London, hier in einem gleichnamigen Verlag.

Gegenüber der bisherigen Gestalt des Werkes treten einige wichtige Änderungen ein. Sie sind sowohl äußerer als auch sachlich-inhaltlicher Art. Das Werk

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wird nicht mehr in zwei großen, ziemlich unhandlichen Bänden herauskommen, vielmehr soll es in sieben kleineren Bänden erscheinen, von denen jeder eine gewisse Selbständigkeit aufweist, die aber alle in ihrer Gedankenführung einen Zusammenhang derart haben, daß sie unter christologischem Aspekt stehen. Durch diese Aufnahme oder vielmehr Weiterführung der christologischen Sicht ist die Einheit des ganzen Werkes gesichert. Es wird in etwa eineinhalb Jahren in allen Bänden vorliegen. Das Werk könnte natürlich auch in ekklesiologischer Sicht verfaßt werden. Dies bedeutete jedoch keinen allzu großen Unterschied zur Christozentrik des Buches, denn Christus ist uns zugänglich in der Kirche. Insofern sind christozentrische und ekklesiale Sicht engstens miteinander verbunden. Wenn das Buch christozentrisch verfaßt sein soll, so bedeutet dies keineswegs, daß es gewissermaßen nur ein Christusbuch wird. Es wird vielmehr in dem Werk jeder Traktat behandelt, der üblicherweise in einem dogmatischen Lehrbuch besprochen wird. Aber jeder Traktat wird in christologischer Perspektive dargeboten, Eine besondere Aufmerksamkeit ist der Ekklesiologie, natürlich auch unter christologischem Aspekt zugewandt. In ihr werden zugleich die Sakramente, besprochen, die Taufe und die Firmung als Eingangs-sakramente in das Volk Gottes, die Eucharistie als das Zentralgeschehen, die Priesterweihe als die Bestellung des Vorstehers der Eucharistiefeier und zugleich der sonstigen, dem Amtsträger zukommenden Aufgaben innerhalb der Kirche. Über Maria wird nicht in einem eigenen Traktat, sondern nach dem Vorbild des Zweiten Vatikanischen Konzils in einem Kapitel der Ekkle-siologie gehandeil werden, da sie ja der Typus der Kirche ist und außerdem das Vorbild für jeden christusgläubigen Menschen. Das Sakrament der Kran-

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kensalbung wird ebenfalls im Rahmen der Kirchenlehre dargeboten werden; denn es ist zwar nach dem Konzil zu benennen als Krankenölung, aber es soll gerade dazu dienen, daß das kranke Glied der Kirche wieder gesund wird oder aber den letzten Schritt in die Vollendung vollbringt.

Die Buße. die sakramentale und die nichtsakramentale, steht im Dienste der ecciesia semper reformanda.

Das Sakrament der Ehe wird im Zusammenhang mit der von den Menschen zu leistenden Wirksamkeit in unserer Welt interpretiert werden.

Es wird also keine eigene Sakramentenlehre geben. Darin gleicht die Neuauflage genau der bisherigen Auflage. Ich nehme an, daß diese Einordnung der Sakramente in die Lehre von der Kirche, in die Ekklesiologie nicht als ein Verlust empfunden wird. Durch eine solche Einordnung kommen nämlich die Sakramente genau dorthin, wo sie im Glauben des Christen den Sitz im Leben haben, um ein Wort des evangelischen Theologen H. Gunkel zu verwenden. Die Sakramente erscheinen so als konkrete Ausgestaltungen der Sa-kramentalität der Kirche überhaupt. In ihnen erhebt sich die kirchliche Sakramentalität zu besonderen Höhepunkten und leistet dem Menschen Hilfe in hervorragenden Situationen seines Lebens. Zugleich stellt sie sich selbst, namentlich im Sakrament der Eucharistie, als die von Christus nicht nur gestiftete, sondern von ihm durchlebte und auch vom Heiligen Geist durchwirkte Gemeinschaft dar.

Keine geringfügige Änderung dürfte es bedeuten. daß von Gott dem Dreieinigen nicht wie in der 1. Auflage im Rahmen der Christologie, sondern in dem Passus »Gott der Eine und Dreieinige« (ohne Vernachlässigung der christozentrischen Perspektive) gesprochen wird. Auch die Einordnung der Trinitätslehre

 

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in die Christologie in der früheren Auflage war nicht, wie ein Rezensent gemeint hat, eine mechanische Umstellung. sondern betraf die Akzentuierung, die Gewichtsverteilung, die Perspektive, das, was das II. Vat. Konzil die hierarchia veritatum nennt. Die jetzige Ordnung wird nicht einfachhin den traditionellen Charakter der Reihenfolge wieder aufnehmen, sondern den Zusammenhang und den Geschehnischarakter der Trinitäts-offenbarung deutlicher werden lassen.

Man kann die Frage stellen, ob bei der großen Zahl von theologischen Veröffentlichungen ein neues Lehrbuch überhaupt nötig ist. Diese Frage wurde in einem umfangreichen Heft der in Rom erscheinenden Zeitschrift »Seminarium« mit dem Untertitel »commentarii pro seminariis, vocationibus ecciesiasticis, universitatibus« im Jahrgang 16 der Nova series Nr. 2 April/Juni Nummer '76 ausführlich behandelt. Ich selbst habe darin die angeschnittene Frage besprochen auf Seite 263 — 293. Ich darf auch einen etwas längeren Text Augustins aus der in der Bibliothek der Kirchenväter 1935 gebrachten Übersetzung des Augustinischen Werkes De Trinitate (S. 7 f.) vorlegen:

     »Jeder, der mein Werk liest, möge mit mir weitergehen. Wenn er aber selber meine Überzeugung nicht teilen kann, möge er mit mir weitersuchen und, wo er einen Irrtum seinerseits erkennt, wieder zu meinem Werke zurückkehren, wo er einen Irrtum meinerseits erkennt, soll er mich zur Ordnung rufen. So wollen wir gemeinsam auf dem Wege der Liebe einhergehen . . . Ein solches von Ehrfurcht getragenes und Zuverlässigkeit verbürgendes Übereinkommen möchte ich vor dem Herrn unserm Gott mit allen Lesern meiner Werke schließen. . . für alle meine Schriften, besonders aber für dieses Werk über die Einheit der Dreieinigkeit, des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes . . . Wenn also jemand beim Lesen sagt, das ist nicht gut dargelegt, da Ich es nicht verstehe, so trifft er mit seinem Tadel meine Darstellungsweise, nicht aber den Glauben; vielleicht hätte es wirklich lichtvoller gesagt werden können. Indes gilt, daß kein Mensch jemals so sprechen kann. daß er in al-

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lem von allen verstanden wird. Wenn also jemandem an meiner Abhandlung etwas mißfällt, so sehe er zu, ob er andere, die sich mit solchen Gegenständen und Fragen beschäftigt haben, versteht, während er nur mich nicht versteht. Ist es so, dann soll er mein Buch beiseite legen . . . und seine Mühe lieber jenen zuwenden, die er versteht. Nicht soll er jedoch deshalb glauben, ich hätte schweigen sollen, weil ich nicht so verständlich und so lichtvoll wie jene, die er versteht, zu reden vermag. Denn es kommen nicht alle Werke aller Schriftsteller in aller Hände... Es kann nämlich vorkommen, daß manche, die dieses mein Werk zu verstehen vermögen, von jenen klareren Werken nichts erfahren, aber doch wenigstens auf dieses unser Buch stoßen. Deshalb ist es von Nutzen, wenn über die gleichen Fragen mehrere Bücher von mehreren in verschiedener Darstellungsweise verfaßt werden, nicht in verschiedenem Glauben, damit die dargestellte Sache zu vielen gelange, zu den einen auf diese, zu den anderen auf jene Weise ... Wenn bei der Lektüre des Buches jemand sagt. ich verstehe zwar, was gemeint ist, aber es ist nicht richtig ausgedrückt, der möge ruhig seine Anschauung festhalten und die meinige widerlegen, wenn er kann. Wenn er dies in Liebe und Wahrheit tut, und es mich. sofern ich noch am Leben bin, wissen läßt, werde ich gerade daraus reiche Frucht für meine Bemühungen empfangen. Kann er seine Erkenntnis mir nicht mehr zukommen lassen, so ist es doch mein Wunsch und Wille, daß er sie allen, die er erreichen kann. zuteil werden läßt.«

     Die christologische Grundausrichtung bringt es naturgemäß mit sich, daß in dem Werke das personale Moment, die Begegnung des Lesers mit Gott, immer wieder durchdringt. Hierüber hat u.a. Eugen Biser in verschiedenen seiner Werke, zuletzt in einem Aufsatz des Klerusblattes 1978 S. 1-5 gehandelt. Der hier vorgelegte Gedanke ist auf Seite 3 zu finden. Er betont dabei, daß die Menschheit in den Wirren unserer Zeit eine dreifache neue Erkenntnis gewonnen hat, nämlich die Erkenntnis von der Mitmenschlichkeit, von der Bedeutung des Friedens und von der Sprache. Er fügt noch hinzu, daß auch ein neues Verständnis des Todes zutage getreten ist. Hierbei legt er besonderes Gewicht auf das neue Verständnis der Sprache. Sie wird,

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wie er glaubt, nun nicht mehr nur als Mitteilungsinstrument anerkannt und verwendet. Er stellt die Frage, was es denn mit der offenbarenden Selbstzusage Gottes in Wirklichkeit für eine Bewandtnis habe. Mit der Besinnung auf das Wort, auf das Wort der Offenbarung und das Wort des Glaubens, ist nach seiner Überzeugung in der nachkonziliaren Phase und in ihr in ganz besonderer Weise ein bis dahin nur schlecht oder gar nicht bestelltes Feld der Theologie erschlossen worden, nämlich das Feld der dialogischen Beziehungen. Es ist den Menschen in einer neuen Weise zu Bewußtsein gekommen, was es um das Offenbarungswort Gottes ist. In diesem Zusammenhang ist die Theologie Rudolf Bultmanns unterzubringen, insbesondere seine These von der existentialen Interpretation der Heiligen Schrift. Schon der evangelische Theologe aus dem pietistischen Raum Johann Alfred Bengel hat das Verhältnis des Lesers zu der Heiligen Schrift in dem Worte zusammengefaßt: »te totum applica ad textum — rem totam applica ad te.«

Selbstverständlich ist für diese neue Auflage sowie für die erste das Zweite Vatikanische Konzil von grundsätzlicher Bedeutung. Es fragt sich dabei allerdings, welchen Verpflichtungsgrad die Aussagen des Konzils haben. Diese Frage kommt daher, daß das Konzil nach der Meinung des einberufenden Papstes Johannes XXIII. ein Pastoral-, d. h. aber zugleich, kein dogmatisches Konzil sein sollte. Daraus ergibt sich, wie während des Konzils mehrfach hervortrat, die Frage, ob das Konzil überhaupt Dogmen aufgestellt hat. Diesbezüglich bildeten sich zwei Gruppen von Konzilsvätern. Die eine, die kleinere Gruppe, war der Meinung, daß das Konzil überhaupt keine Lehren darbiete (soweit es nicht schon bestehende Lehren vorträgt), sondern nur pastorale Anweisungen. Das Konzil führe auf

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dem Felde der Lehre nicht über das hinaus, was die vorausgehenden Konzilien aussagten, seine eigentliche Bedeutung liege ausschließlich auf der Ebene der praktischen Verwirklichung. Mit dieser Vorstellung hängt es naturgemäß zusammen, daß ein Widerspruch gegen eine Konzilsaussage als solche auf keinen Fall einen Widerspruch gegen eine Lehre in sich schließen kann. Für die Praxis der nachkonziliaren Zeit ist diese Situation von großer Bedeutung.

Demgegenüber wurde von anderen die These vertreten, daß die konziliaren Aussagen einfach deswegen, weil sie konziliare Aussagen seien und daher von der höchsten Autorität in der Kirche garantiert würden, die Ebene des Dogmas erreichen, ohne daß dies formal zum Ausdruck kommt. Für die Diskussion in dieser Frage ist ein Satz des Papstes Paul VI. in einer Rede zur letzten öffentlichen Sitzung des Konzils am 7. 12. 1965 von großer Bedeutung. Er lautet: »Jetzt aber ist zu beachten, daß die Kirche in ihrem Lehramt zwar keine Hauptlehre durch außerordentliche dogmatische Bestimmungen definieren wollte, daß aber nichtsdestoweniger sehr viele Fragen mit ihrer Autorität als Glaubenslehren vorgelegt werden, nach deren Norm die heutigen Menschen ihr Gewissen zu bilden und die Art ihres Handelns zu bestimmen gehalten sind.« Mit diesen Worten wird vom Papste abgelehnt, daß es sich um formale Dogmen handelt. Zugleich aber wird hervorgehoben, daß die Vatikanischen Aussagen einen Verpflichtungsgrad haben, welcher in der höchsten Autorität der Kirche begründet ist. Man darf wohl sagen, der Unterschied zwischen einem formalen Dogma und der Glaubensverpflichtung, die der Papst Konzilsaussagen beimißt, liegt mehr im Formalmethodischen als im Inhaltlichen. In der Tat wird ja auch die Aussage des Konzils über die Kirche eine

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dogmatische Konstitution genannt. Das Gleiche gilt von der Constitutio über die göttliche Offenbarung. Es kommt dazu, daß um die richtige, dem Sachverhalt entsprechende Formulierung Jahre lang gerungen worden ist. Diese Mühe wäre unverständlich, wenn es sich nicht um echte Überzeugungen und um eine echte Verkündigung der obersten kirchlichen Autorität handeln würde. Man kann also nicht mit Berufung auf den rein pastoralen Charakter des Konzils unbesorgt Thesen vertreten, die den Konzilsäußerungen widersprechen, ohne mit dem kirchlichen Glauben in Widerspruch zu geraten, oder einfachhin unbesorgt und undifferenziert behaupten, das II. Vat. Konzil bringe keine (neuen) Glaubensaussagen.

Der Papst hat ebenso wie das Konzil selbst mehrfach auf die im Konzil hervorgetretene Bedeutung der Auslegung der Heiligen Schrift für die Theologie hingewiesen. Dies ist ein Moment von besonderer Tragweite für jede kommende Theologie. Es wird nämlich gesagt, daß das Studium des Heiligen Buches geradezu Seele der ganzen Theologie sei. Das ist, wie sich nicht leugnen läßt, eine Verschiebung der Gewichte, welche den theologischen Disziplinen zukommen, und zwar eine Verschiebung des Hauptgewichtes auf die Exegese, weg also von der bisher in die Mitte des ganzen theologischen Studiums gestellten Dogmatik. Diese Betonung der Exegese legt nahe, daß der Aufbau der Dogmatik in ihren einzelnen Kapiteln nicht mehr, wie es bisher vielfach üblich war, von einem kirchlichen Lehrsatz ausgeht, der dann durch die Heilige Schrift und die Überlieferung bewiesen und näher erklärt werden soll, sondern daß die Exegese selbst bzw. die Heilige Schrift jeweils den Ausgang eines Aussagekomplexes bildet, daß sich daran die Entfaltung der Schriftaussage in der Geschichte der Kirche

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anschließt und daß die Darstellung der kirchlichen Lehre, die auf der Heiligen Schrift und auf der kirchlichen Überlieferung basiert, das Ende eines solchen Gedankenganges darstellt. Auf diese Weise wird das Werden der kirchlichen Lehre von vorneherein sichtbar. Dabei werden auch die Schwierigkeiten, die Umwege, die Neuansätze, die zu der endgültigen kirchlichen Lehre geführt haben, verdeutlicht.

Dieses Vorgehen hat auch den Vorteil, daß nicht nur jene Lehren zur Darstellung kommen, für welche es kirchliche Entscheidungen gibt, sondern das Gesamt der in der Heiligen Schrift und in der kirchlichen Überlieferung niedergelegten göttlichen Offenbarung.

Es ist noch folgendes hinzuzufügen: Auch bei einer endgültigen oder vorläufigen kirchlichen Aussage über den Inhalt der Offenbarung ist die theologische Bemühung noch nicht an das Ende gekommen. Ganz abgesehen davon ist auch eine kirchliche Verkündigung eine Aussage, die der Hermeneutik bedarf. Weil sich im geistigen Bereich nie eine Aussage in einem vollkommenen, absolut eindeutigen oder erschöpfenden Sinne machen läßt, so muß man betonen, daß jede kirchliche Lehre offen ist für die Zukunft. Was durch Spiritualität, durch die Anforderungen der Zeit, durch die theologische Wissenschaft bei der Interpretation der kirchlichen Lehre an tieferem Glaubensverständnis zutage gefördert wird, läßt sich nicht von vorneherein sagen. Es ergibt sich für die Theologie die Situation, daß sie nie an ein Ende kommt, auch wenn sie sich noch so sehr um das Verständnis der Offenbarung bemüht. Sie nimmt ihren Ausgang in der Offenbarung, vielmehr von dem sich offenbarenden Gott und bewegt sich auf die Wiederkunft Christi zu oder vielmehr: durch den erhöhten Christus im Heiligen Geist auf die Ankunft bei dem sich unverhüllt zeigen-

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 den und den Menschen sich endgültig zusagenden Gott.

Das vorliegende Werk befleißigt sich einer verständlichen Sprache. Es vermeidet also die heute vielfach übliche, komplizierte, mit unzähligen Fremdwörtern ausgestattete Darstellung der Theologie, welche es einem nicht fachlich Gebildeten unmöglich macht, das Dargestellte zu verstehen, Die Sprache soll nicht eine Mauer sein, die sich zwischen dem Autor und dem Leser aufbaut, sondern eine Brücke, die vom Autor oder vielmehr von dessen Werk zum Leser hinführt, auf der der Leser auch wieder ohne allzugroße Schwierigkeit zu dem Autor oder zu dem von ihm geschaffenen Werk zurückfindet. Dabei wird die Wissenschaftlichkeit nicht außer acht gelassen. Dogmatik kann nicht ein reines Erbauungsbuch sein, aber sie soll ein Buch des Glaubensverstehens sein.

Wenn heute weithin behauptet wird, daß die Sprache der altkirchlichen Konzilien, ja auch jene der Heiligen Schrift, den heutigen Menschen nicht mehr oder nicht ohne weiteres verständlich sei, so ist daran ein Wahrheitskern. Man darf jedoch nicht übersehen, daß diese Schwierigkeit eine soeben angedeutete Parallele in der heutigen Erfahrung hat, da die derzeitige theologische Sprache in nicht wenigen ihrer Erscheinungen nur einem kleinen Kreis von Fachleuten zugänglich ist, während sie doch die mit Recht oder Unrecht als unverständlich bezeichnete altkirchliche »griechisch-philosophische« Sprachform ablösen will. Der Hauptgrund für die behauptete Unzugänglichkeit altkirchlicher theologischer Aussagen für den heutigen Menschen liegt in dem ausgesagten Inhalt, nicht in der Sprachgestalt. Wer nur noch im Horizont des technisch-industriellen Zeitalters denkt oder denken kann, wird weder verstehen noch für bedenkenswert

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 halten, was im metaphysischen Horizont der alten Zeit gesagt wurde, von Einzelaussagen wie z. B. Trinität, Menschwerdung Gottes, Fortleben nach dem Tode, Auferstehung von den Toten usw. ganz zu schweigen.

Es darf vielleicht noch etwas betont werden: Bald nach dem Erscheinen der ersten Auflage wurde ich von einem mittelamerikanischen Theologen gefragt, ob ich mit der Übertragung in das Spanische, und zwar in das in Südamerika gesprochene Spanische einverstanden sei. In das europäische Spanische wurde das Werk gleich nach seinem Erscheinen ohnehin übersetzt. Ich bejahte diese Frage, erhielt aber nach längerer Zeit die Mitteilung, daß eine Kommission südamerikanischer Theologen die Sache beraten habe und zu dem Ergebnis gekommen sei, daß das Werk nicht in das südamerikanische Spanisch übersetzt werden könne, weil man dort eine Theologie der Befreiung brauche. Ich werde also ersucht, so hieß es in dem Schreiben, eine Theologie der Befreiung zu schreiben. Ich mußte infolge der Vielfältigkeit der Problematik leider antworten, daß ich mich zur Durchführung eines so weittragenden und wichtigen Vorhabens infolge schwieriger anderer Engagements zur Zeit nicht im Stande sehe (siehe zu der Problematik z. B. Wilhelm Kasch, Wie frei macht die Theologie der Freiheit? in: Politische Studien, 238 Jahrg. 29, 1978, 135-148; Internationale Theologenkommission (K. Leh-mann u. a.), Theologie der Befreiung, Einsiedeln 1977).

Noch ein Wort der Selbstkritik: Eine allseits befriedigende Lösung, an welcher Stelle von Christus, an welcher Stelle von Gott dem Einen und Dreieinigen gesprochen werden soll, ist unmöglich. Die Interpretation Jesu Christi setzt die göttliche Dreieinigkeit voraus, die Interpretation der göttlichen Dreieinigkeit setzt jedoch die Erscheinung und auch die Verkündi-

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  gung Jesu Christi voraus. Die beiden Glaubenswahrheiten greifen also so ineinander, daß die eine die andere stützt und trägt und verständlich macht. Bei der jetzt von mir vorgenommenen Ordnung ist naturgemäß unerläßlich, auch schon bei der Interpretation des Dreieinigen Gottes immer wieder von Jesus Christus, von seinem Existenzsinn und seinem Wesen zu sprechen. Es soll dies jedoch nur insoweit im Trinitätstraktat geschehen, als es für dessen Verständnis unerläßlich ist, so daß die Hauptdarstellung Jesu Christi nach wie vor einen eigenen Traktat erfordert.

Nun möge also das Werk in seiner neuen Gestalt den Weg gehen und den Lesern hilfreich sein. Als Leser denke ich mir sowohl die für die Theologie Interessierten als auch die Theologie Studierenden und bis zu einem gewissen Grade auch die, die sich in das Lehramt der Theologie einzuarbeiten versuchen.

Ohne vielfältige Hilfen hätte ich nicht den Mut gehabt und auch nicht die Zeit aufgebracht, einer Neuauflage näher zu treten. Meine früheren Helfer für die Lesung von Korrekturen und die Herstellung der Register konnten nicht mehr mitwirken, da sie entweder gestorben sind oder durch Übernahme von Hauptberufen völlig beansprucht werden. Um so herzlicher danke ich meiner früheren, inzwischen in den Ruhestand getretenen, aber immer noch hilfreichen Sekretärin, Frl. Lilly Kuhnert, und für manche in nachbarlicher Verbundenheit geleisteten Schreibstunden Frau Dorle Buchbauer, ebenso meiner Nichte, Fräulein Elisabeth Hölzl. Ganz besonderen Dank schulde ich dem EOS Verlag in St.Ottilien, dessen Leiter, Herr Dr. theol. Bernhard Sirch OSB, den Mut, die Geduld und die Energie hatte, welche für die Veröffentlichung erforderlich waren und sind.

Gauting, Weihnachten 1978       Michael Schmaus

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