2. Kapitel

Das Neue Testament:

Die Christusoffenbarung als Einheit von

Geschichte und Wort

a) Christus selbst

Im Neuen Testament begegnet uns ebenso wie im Alten die Offenbarung Gottes als Selbstmitteilung des sich Offenbarenden und als Mitteilung über bestimmte Inhalte oder Sachverhalte. Auch hier liegt der Ton auf dem Geschehen, vor allem auf den Wundern (Glaubet den Werken, wenn ihr schon mir nicht glaubt), insbesondere naturgemäß auf dem Kreuzestode und der

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Auferstehung Jesu Christi, welche durch die Jünger als Selbsterweis Gottes bezeugt und in ihrer Heilshaftigkeit aufgeschlossen werden. Jesus ist der neue und endgültige, unüberholbare (eschatologische) Offenbarer Gottes. Er steht in der Mitte der ganzen neutestamentlichen Botschaft, sowie er überhaupt die Mitte des ganzen geschichtlichen Verlaufes ist, wenn man diesen in offenbarungs- und heilsgeschichtlicher Perspektive betrachtet.

Was Gott (Jahwe) ist und wirkt, wird ersichtlich und erkennbar durch das Sein, das Leben und das Wirken Jesu. Er gibt nicht nur eine Wortbelehrung über Gott sondern zeigt Gott durch sein geschichtliches Handeln, so sehr, daß, wer ihn sieht, Gott sieht. Dies schließt in sich, daß er im Seinsbereich Gottes selbst lebt, ohne mit Gott einfachhin identisch zu sein. (Genaueres Bd. II dieses Werkes in der Lehre von Gott dem Einen und Dreieinigen.) Da der Heilige Geist das Verständnis Christi erschließt, hat die Christusoffenbarung trinitarische Struktur. Man kann die Heilsordnung Gottes nur dann als volles Realgeschehen annehmen, wenn ihr ein innergöttlicher Vorgang als Ermöglichungsgrund entspricht.

Alle vorausgehenden Offenbarungen sind offene oder verborgene Hindeutungen auf Jesus Christus. Er ist nicht nur der Offenbarer Gottes, sondern er ist die Offenbarung Gottes selbst. Wer ihn sieht, der sieht den Vater.

Christus gerät mit seiner Verkündigung in realen Widerspruch zu den jüdischen Volksführern, weil er mit dem Anspruch auftritt, die letzte endgültige, entscheidende, eschatotogische Botschaft zu verkündigen, der Gesandte des Vaters zu sein, ja im Namen des Vaters selbst autoritativ zu sprechen. Er diskutiert nicht mit den Rabbinen, er streitet nicht wie ein Theo-

 

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loge über bestimmte Gesetzesauslegungen, sondern bringt Neues und fordert die Befolgung dessen, was er bringt, mit unerbittlicher Verpflichtung. Diese neue Offenbarung strömt nicht aus einem historisch erklärbaren und ableitbaren Selbstbewußtsein Jesu. Seine Offenbarung ist für diejenigen seiner Hörer, die sich ihr verschließen, schon Gericht. Den Armen, den Notleidenden, den Unwissenden, den Bedrückten wird die Offenbarung des Heiles zuteil. Es wird von ihm ein Reich angesagt, in welches gerade den genannten menschlichen Gruppen der Zugang offensteht, den Reichen, den Satten, den Überklugen aber, den Selbstgefälligen der Zutritt verwehrt wird. Ja, Jesus geht soweit in seiner Aussage, daß er erklärt: Niemand kennt den Vater als der Sohn, niemand kennt den Sohn als der Vater. Diese Botschaft des Mattäus-evangeliums mußte den Zeitgenossen, welche ihren Gott als Jahwe und den immer in der Geschichte Wirkenden und als den immer Gegenwärtigen, welche seine Machttaten kennen, welche seine Herrlichkeit sehen durften, einfachhin als Häresie vorkommen.

Insbesondere aber wird die Stellung Jesu zu den Traditionen, die sich an das mosaische Gesetz und dessen Erklärungen angeschlossen haben, Anstoß erregen. Er behauptet zwar, daß er das Gesetz bis auf den letzten Buchstaben erfüllen wolle und daß nicht ein Jota vom Gesetz abgebrochen werde, äußert sich aber kritisch zu den menschlichen Traditionen, die sich mit dem von Mose gegebenen und letztlich von Gott stammenden Gesetz verbunden haben. Er ist davon überzeugt, daß das Gesetz Gottes in seiner Urgestalt im Dienste des menschlichen Heiles steht, wendet sich aber gegen jene Auslegungen des Gesetzes, die listige Umgehungen sind, oder aber die den Menschen Schaden zufügen. So heilt er zum Beispiel auch am

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Sabbat, obwohl die Pharisäer daran Anstoß nehmen (Schierse).

Auch das neutestamentliche Gesetz ist nicht eine Information, sondern ist ein Anspruch Gottes an den Menschen. Er stellt Impulse dar, welche immer lebendig bleiben, die auch dann, wenn das Wort Gottes schriftlich fixiert wird, nicht aufhören, den Menschen herauszurufen aus seiner Selbstgefälligkeit und aus seiner Selbstgerechtigkeit, um sich dem Reiche Gottes im Glauben und in der Umkehr zuzuwenden.

b) Paulus

Paulus nimmt die Offenbarungslehre der Weisheitsliteratur und die jüdische Apokalyptik wieder auf. Röm 1,19 spricht er von der Offenbarung Gottes, die allen Menschen durch den Charakter der Welt als Schöpfung Gottes zuteil wird. Aber er führt die Offenbarung in das Mysterium von Kreuz und Auferstehung hinein und zwar nicht nur als vergangene Ereignisse, auf die wir von der Gegenwart aus zurückblicken, sondern als fortwirkende Geschehnisse, in denen Jesus Christus immer wieder von neuem die Menschen anspricht. Er betont freilich, daß auf den alttestamentlichen Gläubigen eine Decke liegt, die verhindert, daß sie die wahre Offenbarung zu erkennen vermögen (2 Kor 3,15). Großes Gewicht legt er auf die geschriebene Offenbarung des Gesetzes, im Gegensatz zu ekstatischen Erlebnissen (2 Kor 2,14 - 4,6). Die Verkündigung deutet er als Offenbarung des Wortes, dem Glauben entgegengebracht wird (Röm 9). Weit entfernt ist auch er von der Ansicht, daß die Predigt bloß eine Vermehrung des Wissens über göttliche Dinge ist. Sie zielt vielmehr auf eine Umkehr, nämlich auf die Hingabe an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus und an den

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Vater im Heiligen Geist. Auf diesem Wege und nur auf diesem Wege erreicht der Mensch das Heil.

Besonders hervorgehoben muß werden der starke Bezug, den Paulus dem Offenbarungsgeschehen bei der Wiederkunft Jesu Christi und dem Gerichte zuspricht. Die Christusoffenbarung hat nach ihm eine zweifache Stufe: die Auferstehung und die Wiederkunft (Röm 2,5). Die schon im Evangelium geschehene Offenbarung gewinnt ihren Abschluß erst durch die Parusie (Röm 1.17 f; 2 Thess 1,7; 1 Kor 1,7). Der Abschluß steht also noch aus. Paulus versucht, den Hörern die Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, welche mit dieser Zeitspanne, insbesondere mit dem Ausbleiben der Parusie gegeben sind, und fordert sie auf zur Wachsamkeit angesichts der Wiederkunft Jesu Christi in der Zukunft. Er entspricht damit der Aufforderung Jesu Christi selbst (1 Thess 5,1 ff». Gerade die Erwartung der Parusie begründet die Hoffnung des Christen, die sich durch nichts, durch keine Heimsuchungen und Schicksale, durch keine geschichtlichen Folterungen erschüttern läßt (Röm 8).

In den sicher echten und in den Paulus zugeschriebenen Briefen kommt ebenso wie im Johannesevangelium der Bezug Jesu Christi zur Gesamtschöpfung deutlich zum Ausdruck. Man darf geradezu sagen: Jesus ist nicht bloß die Mitte der Geschichte, so daß diese eine Heilsgeschichte wird, sondern die Mitte der ganzen Schöpfung. Er ist nicht etwa nachträglich in den Schöpfungsplan Gottes aufgenommen worden, sondern dessen Herzstück. Nach den Texten, die uns in den Paulus zugeschriebenen Schriften begegnen, ist der Mensch Jesus der erste Schöpfungsgedanke des Vaters. Alles übrige wird nur um seinetwillen erdacht und geplant. Die Wett, und zwar sowohl der Kosmos als auch die Geschichte, besteht um Christi

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willen. Nicht ist Christus um der Welt willen geplant worden, es ist umgekehrt. Er ist in einem einzigen göttlichen Weltplan als Mitte der Schöpfung und zugleich als der Offenbarer und als die Offenbarung von Gott gewollt und bestimmt worden. Erst durch sein Kommen ist das ewige Gottesgeheimnis als Liebesgeheimnis offenbar geworden. Die Funktion, Offenbarer Gottes zu sein, kann Christus vollbringen, weil er der Grund der göttlichen Schöpfung überhaupt ist. So wurde der menschgewordene Gottessohn in einem einzigen Akt als Zentrum wie auch als Heilbringer der Welt und der Geschichte von Gott gewollt. Er kann der Retter und Helfer sein, weil er die von Gott bestimmte Weltmine ist, aus der heilbringende Kräfte über die ganze Schöpfung hin ausstrahlen. So ist die ganze Schöpfung und in ihr die ganze Menschheit in einer geheimnisvollen, nicht näher bestimmbaren Form durch die Gegenwart Jesu Christi geprägt.

In den Schrifttexten, welche die Schöpfungsbeziehung Christi bezeugen, wird der Zusammenhang zwischen Christus und der Welt näher analysiert. Sie zeigen jedoch, daß die rettende Funktion Jesu grundgelegt ist in seiner Hinordnung auf die Welt. Die Texte betonen die Zusammengehörigkeit der beiden Aspekte. Dabei fällt der Ton mehr auf die heilsgeschichtlich-offenbarende als auf die ontologisch-ursächliche Sicht. Die paulinischen Briefe führen in dieser Hinsicht eine ebenso deutliche Sprache wie die johanneischen Schriften. Im ersten Korintherbrief, einem seiner Hauptbriefe, schreibt Paulus (1 Kor 8,5 f.): »Wenn es auch sogenannte Götter gibt, sei es im Himmel, sei es auf Erden, wie es viele Götter und Herren gibt, so existiert für uns nur ein einziger Gott, der Vater, aus dem alles ist und in dem wir sind, und ein einziger Herr Jesus Christus, in dem alles ist und wir durch ihn.« Die

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aufschlußreichsten Texte finden sich freilich im Kolosserbrief, im Epheserbrief und im Hebräerbrief. Der Kolosserbrief sagt (1,15-20): »Dieser (Christus) ist das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung, denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, ob Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten. Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor allem, und alles hat in ihm seinen Bestand. Er ist das Haupt des Leibes der Kirche, er ist der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe. Denn es war Gottes Ratschluß, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen, durch ihn alles mit sich zu versöhnen, sei es auf Erden, sei es im Himmel, dadurch, daß er Frieden stiftete durch sein Blut am Kreuze.« Diese Sätze bezeugen an erster Stelle die heilshafte Offenbarungsfunktion, die Gott durch Jesus Christus vollzieht. Sie sagen aber auch zugleich, wer dieser Jesus ist. Es sei auch auf den großartigen Anfang des Hebräerbriefes mit seiner universalen Sicht verwiesen (vgl. Röm 1,19f). An die Christen in Ephesus ist folgendes Wort gerichtet (Eph 2,10); »Denn sein Schöpfungswerk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott im voraus bereitet hat, daß wir in ihnen wandeln«. In Jesus zeigt sich Gott hinsichtlich seines gesamten Weltplanes. Daher kann man sagen: »Das Geheimnis des ewigen Willens Gottes, das sich vor den Äonen der Geschichte in Gott, dem Schöpfer, verborgen hielt, ist aber jetzt... in Christus Jesus offenbar geworden. Der ewige und in der Schöpfung verborgen wirkende Wille Gottes, den Menschen in Christus wieder aufzurichten, hat sich nun inmitten der Geschichte in Jesus erfüllt. In seinem Tode und in seiner Auferstehung von den Toten hat Gott sein Grundge-

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heimnis mitten in der Welt durchgeführt. So nennt der Apostel im Kolosserbrief auch Jesus Christus ausdrücklich Geheimnis Gottes, das Geschehen seines Kreuzes und seiner Auferstehung Geheimnis Christi« (H. Schlier, Die Zeit der Kirche, Freiburg 1956,300).

c) Das Johannesevangelium

Das Johannesevangelium vertritt die gleiche Bezeugung von Weltbezug Jesu Christi wie das Paulinische Schrifttum. Im Eingangshymnus des Evangeliums heißt es (Joh 1,31): »Alles ist durch dieses (Wort) geworden, ohne dieses ist nichts geworden. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt hat ihn nicht erkannt« (Joh 1,10). Die Welt, der Kosmos wird von Johannes als der geschaffene Daseinsraum des Menschen verstanden (Joh 1,10; 9,5; 12,25; 13,1; 16,21; 17,11.13.15; 1 Joh 4,17). Johannes redet nur um der Offenbarung Gottes in Christi willen von der Welt. Sie wird als die notwendige Voraussetzung und als der Bereich für das offenbarungsgeschichtliche Handeln Gottes in Christus und für das geschichtliche Handeln des Menschen gesehen. Ein und derselbe Christus ist der Schöpfungsgrund der Welt und Gottes Offenbarung in ihr. Ja, er ist darüber hinaus nicht nur der Offenbarer Gottes, sondern auch die Offenbarung Gottes. Wer ihn sieht, der sieht den Vater. Er vollbringt seine Offenbarungsaufgabe nicht im fremden, sondern in seinem eigenen Bereich, in seinem Eigentum. Zwischen seinen beiden Funktionen besteht trotz ihrer Qualitätsverschiedenheit die lebendige Kontinuität (J. Blank, Krisis, Untersuchungen zur johanneischen Christologie und Eschatologie, 1964).

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d) Endgültigkeit der Christusoffenbarung

Wenn Christus, theologisch gesehen, Sinn und Aufgipfelung des Kosmos und der Geschichte ist, dann ist alles ein Weg zu ihm oder eine Folge von ihm. Was vor ihm liegt, ist seine Vorgeschichte. Er selbst bedeutet den absoluten Höhepunkt in dem seit Jahrmiliarden voranschreitenden Entwicklungsgang der Schöpfung. Über ihn hinaus wird Gott innerhalb der Geschichte keine neuen Weisen der Offenbarung für die gesamte Menschheit vollbringen. Die in ihm erfolgte hat universale Tragweite. Was nach Christus folgt, ist demgemäß unter dem Aspekt der göttlichen Offenbarung zu verstehen als heilshafte Teilnahme an seinem Leben. Es ist nicht nur eine religionsgeschichtliche Phase, sondern die unübertreffbare und unüberhörbare, für die gesamte Schöpfung gültige Vollendung der Offenbarung Gottes. Zugleich freilich ist Christus ein neuer Anfang und die entscheidende Einleitung der absoluten Zukunft. Wenn man mit Recht den Erfüllungscharakter der Ankunft Jesu nachdrücklich herausstellt, darf man doch nicht den ihr eigenen Verheißungscharakter übersehen. In Christus, näherhin in dem auferweckten Herrn, hat die Schöpfung ihr Ziel, die Vergöttlichung, die unbedingte Selbstmitteilung Gottes an die Schöpfung und die Annahme der göttlichen Selbstgewährung von seifen der Schöpfung schon innerhalb des Weltenlaufes erreicht. In unerschöpflicher Dynamik wird dieses Ereignis die Gesamtschöpfung verwandeln.

Für das Johannesevangelium ist charakteristisch, daß es die Gegenwärtigkeit des auferstandenen Herrn mit größtem Nachdruck betont und zugleich den Weg in die Zukunft weist.

Wenn wir die gesamte göttliche Selbsterschließung

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bedenken, müssen wir von Christus den Blick auf die ihm vorausgehende Weltperiode zurückwenden, Wenn wir die Auswirkung der göttlichen Selbsterschließung betrachten, müssen wir aber auch vorwärts schauen, der absoluten Zukunft entgegen. Zugleich begegnen wir Christus in unserer jeweiligen Gegenwart.

Bei dem Blick in die Vergangenheit unterscheiden wir die Selbsterschließung Gottes im göttlichen Handeln und die Selbsterschließung Gottes im göttlichen Wort. In Christus selbst sind Heilstun und Heilsrede auf das Engste miteinander verbunden, Jesus ist in der Totalität seiner Existenz Offenbarer und Offenbarung Gottes. Sein Tun und sein Wort sind Ausdrucksgestalten dessen, was er selbst ist. Man kann Wort und Tun nicht von seiner Person trennen. Aber seine Person wird offenbar im Wort und im Tun.

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