1. Kapitel

 Das Alte Testament

a) Die Offenbarung durch die Geschichte

In der Berufung Abrahams ist eine bestimmte, aus der ganzen Menschheit herausgenommene menschliche Gruppe gemeint. Von dieser Gruppe aus soll allerdings Rettung auf die ganze Menschheit ausgehen.

Insbesondere aber sind es zwei Ereignisse im Alten Testament, in welchen Gott sich kundgetan hat. Das eine ist die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft, das andere ist die Wanderung durch die Wüste mit der Gesetzgebung am Sinai und die Besitznahme des Gelobten Landes. Von diesen beiden Ereignissen wird im Alten Testament in zahllosen Formen gespro-

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chen. Immer wieder wird das Volk Israel zu Dankbarkeit gegen Gott aufgerufen mit dem Hinweis auf die göttliche Befreiungstat durch den gottgesandten Mose. Diese Befreiung ist ein dem Volke Israel zuteil gewordenes singuläres Ereignis. Erst durch die Befreiung aus Ägypten und durch die Wüstenwanderung sind die vielen Sippen, die zu einem Volk zusammenwachsen mußten, die auch durch den Glauben zunächst verschieden waren, zu einer religiös-politischen Einheit geworden. In dieser Befreiung aus Ägypten hat sich die überlegene Macht Gottes in einer unübersehbaren Weise gezeigt. »Die Befreiung aus Ägypten und die Zusammenfassung der Sippen und Geschlechter wandernder Viehzüchter zu einem sakralen Stammesbund und die Führung während der Wüstenzeit waren es, die sich als die grundlegenden und für alle Zeiten bestimmenden Akte der göttlichen Selbstbezeugung dem israelitischen Volksbewußtsein eingeprägt haben« (W. Eichrodt, Offenbarung und Geschichte im Alten Testament, ThZ 1948, 321-333, zitierte Stelle 322).

Israel existiert also als Volk durch das Bewußtsein und aus dem Bewußtsein, daß der unsagbare Gott zu ihm in Freiheit herabgestiegen ist und in seiner Mitte wirkt. Es weiß sich vor allen anderen Völkern von ihm erwählt. Mit ihm und nur mit ihm schließt Gott ein Bündnis, allerdings nicht im Sinne einer Abschließung gegenüber anderen Völkern. Es gehen Bundesschließungen mit Abraham, Noah, ja mit Adam und Eva voraus, aber sie zielten alle auf den Sinaibund. Das Bundesvolk hat stellvertretende Funktion und soll den anderen Völkern Gottes Herrlichkeit verkünden. Die Heilige Schrift, welche uns die Geschichte dieser Vorgänge bezeugt, will hierbei keinen Geschichtsunterricht im heutigen Sinne geben, sie stellt kein ge-

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schichtliches Protokoll der Ereignisse dar. Ihre Texte sind vielmehr Objektivierungen der realen Gotteserfahrungen,des Glaubens im Volke Israel. Der Mann, der die entscheidenden Vorgänge machte, hieß Mose (Ex 3,1-15). Er erhielt in Midian im westlichen Teil der Wüste den Auftrag, das Volk aus der Herrschaft der Ägypter zu befreien und in das verheißene Land Kanaan zu führen. Auf die Frage des Mose an den Geheimnisvollen, wer denn der Gott sei, der ihm einen so schweren und weittragenden Dienstauftrag erteile, erhielt er eine ebenso seltsame wie aufwühlende Antwort: »Gott sprach zu Mose: ,lch bin, der ich bin'. Und er sprach: So sollst du zu den Söhnen Israels sagen: 'Der hat mich zu euch gesandt'. Und weiter sprach Gott zu Mose: ,So sollst du zu den Söhnen Israels sprechen: Der Herr, der Schutzgott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs schickt mich zu euch. Für ewig ist dies mein Name'.«

Derjenige, der Mose ruft, bekundet und bezeugt sich als jenen, der immer mit Macht in dem von ihm erwählten Volke da ist und da sein wird. Wie er machtvoll mit den Vätern war, wird er auch die verheißene Zukunft für sein Volk schaffen. Die Antwort an Mose begreift demgemäß die Kontinuität des göttlichen Wirkens in sich, garantiert dadurch die Zuverlässigkeit Gottes und verbürgt die glückhafte Zukunft. Es wurde gesagt, daß er der Gott der Väter sei, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, welcher zu Mose spricht. Das Volk Israel wird sich im Beginn seiner Existenz seiner geheimnisvollen Vorgeschichte bewußt, indem es auf die Anfänge der Patriarchen zurückblickt. Wie immer in der Heiligen Schrift die Geschichte der Patriarchen geschildert werden mag, es handelt sich dabei um das Glaubenszeugnis von der heilschaffenden göttlichen Führung. Als Gott den Ab-

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raham aus seiner Heimat wegrief, schloß er einen Bund mit ihm, welcher die Verheißung einer großen Nachkommenschaft in sich barg. Dieser Bund war eine Vorgestalt und die Einleitung des Sinaibundes. Die von Abraham sich ableitenden Sippen wußten sich in einer besonderen Weise von Gott geleitet und geführt. Der göttliche Schutz und die göttliche Planung werden in der Heiligen Schrift in jenen Vorstellungsweisen und Bildern dargeboten, welche der Zeit entsprachen. Die hohen Zahlen in den Altersangaben sind wohl als Symbole der Kontinuität der heilshaften, göttlichen Vorsehung zu verstehen. Die Erfahrungen, welche Israel in der Zeit der Bundesschließung mit Gott machte, und die dieser vorausgehende Geschichte der Patriarchen zeigen ihm, daß es eine von dem Sinne und der Existenz aller Völker verschiedene Sinnhaftigkeit und Existenz hat. Es steht in einer einzigartigen Weise in Beziehung zu Gott. Dies hat schwerwiegende Folgen: Weder der einzelne noch das Volk kann bestehen, wenn nur der eigene Wille als Norm des Verhaltens befolgt wird. Der Bestand der Familie, der Sippe und des ganzen Volkes ist nur dann gewährleistet, wenn die Weisungen Gottes befolgt werden.

b) Die Offenbarung durch das Wort Gottes

Mit der Tatoffenbarung Gottes verbindet sich im Alten Testament auf das innigste die Wortoffenbarung. Diese beiden Modi von Offenbarung lassen sich für das Verständnis der alttestamentlichen Texte über die Selbstoffenbarung Gottes nicht voneinander trennen. Man kann sagen, daß die Wortoffenbarung die Tatoffenbarung interpretiert. Sie ist ein göttliches Sprechen, in welchem Gott sich den Menschen kundgibt,

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ankündigt und das es auf das vergangene göttliche Ereignis zurückweist. So ist auch die göttliche Wortoffenbarung ähnlich wie die Tatoffenbarung immer gegenwärtig. Sie ist immer ein Anruf, wie wir schon gezeigt haben, Gottes an den Menschen. Das Wort der Offenbarung ist viel mehr als eine bloße Information, es nimmt teil an der Tathaftigkeit der von Gott gewirkten Offenbarungsereignisse. Offenbarungswort und Tatoffenbarung binden sich zu einem unlöslichen Ganzen.

c) Uroffenbarung?

Am Schlusse der Darstellung der alttestamentlichen Gottesoffenbarung soll noch kurz der Frage nachgegangen werden, ob es eine Uroffenbarung gibt. Während in der früheren Theologie diese Frage im allgemeinen bejaht wurde, stößt sie heute auf ernsten Widerstand. Es wird nämlich geltend gemacht, daß die Uroffenbarung nicht beweisbar ist und daß es schwer vorstellbar sei, wie eine derartige Uroffenbarung sich durch die Jahrhunderttausende in der menschlichen Geschichte habe erhalten können.

Hierzu ist folgendes zu sagen: Schon in den ersten Versen der Genesis wird betont, daß der Mensch als Gleichnis und Ebenbild Gottes geschaffen ist. Ferner wird die göttliche Verheißung eines kommenden Retters bezeugt. Zweifellos handelt es sich hierbei um eine Offenbarung, die einen Hinweis auf Christus, den Messias, den Helfer, den Retter, in sich schließt. Man wird daher die Uroffenbarung schon aus diesem Grunde nicht gut leugnen können. Außerdem dürfte der Einwand von den Jahrhunderttausenden, die zwischen dieser Uroffenbarung und ihrer späteren Erfüllung liegen, kein ernstzunehmendes Gewicht haben.

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Man darf ja nicht übersehen, daß im Grunde genommen der Heilige Geist es ist, der das einmal Gesagte in den Herzen der Menschen immer gegenwärtig hält, so daß es auch unter der Einwirkung der Sünde nie vergessen werden kann. In den Hoffnungen und Erwartungen der Menschheit zeigt sich wenigstens ahnungsweise an, was ihnen einmal mit auf den Weg gegeben worden ist. Wenn die Uroffenbarung in diesem Sinne verstanden wird, so wird sie nicht aufgrund der in der Schöpfung selbst liegenden, also aufgrund der sog. natürlichen Offenbarung behauptet. Es handelt sich vielmehr um eine Offenbarung, welche in der durch Jesus Christus bezeichneten Dimension liegt.

 

d) Die späteren alttestamentlichen Bücher

In der Weisheitsliteratur wird die Offenbarung Gottes mehr als in den geschichtlichen Büchern des Alten Testamentes als Belehrung verstanden. Es wird Gewicht darauf gelegt, daß Gott den Menschen Anweisungen gibt, wie er sich verhalten soll. Diese Belehrung geht allerdings über eine reine unterrichts-mäßige Information hinaus. Sie drängt immer auf das rechte menschliche Handeln. Das Gleiche gilt vom Buche Job und von manchen Psalmen (z. B. Ps 8).

Eine besondere Rolle spielt die jüdische Apokalyptik. Sie ist in manchen Bereichen verwandt mit den prophetischen Büchern. Es wird in der apokalyptischen Literatur das Geheimnis des Weltlaufes, insbesondere das Geheimnis der letzten Zeit und des Weltendes enthüllt. Diese Offenbarung ist stark realistisch gefärbt. Sie weist über die jetzige Welt hinaus auf eine kommende Zeit. Im Neuen Testament finden sich manche Anklänge an die apokalyptische Literatur der vorchristlichen Ära.

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Mit besonderem Nachdruck sei hervorgehoben, was die Qumrangemeinde gelehrt hat. Hier geschieht die Offenbarung in der Auslegung des durch Mose gegebenen Gesetzes. Die Tora enthält verborgene Dinge, die erst nach und nach, nämlich in der Zeit der Qumrangemeinde offenbart werden. Nach der Lehrmeinung der Rabbinen ist das Offenbarungsgeschehen eingeengt auf Mose. Durch Mose ist es abgeschlossen. Aber es bedarf der Erklärung. Nach der Zerstörung des Tempels ging die Verwaltung und Auslegung der Moseoffenbarung auf die Schriftgelehrten über. Die Offenbarung ist also nicht mehr unmittelbar erlebte Selbstmitteilung Gottes, sondern eine in der Tora aufgeschriebene sittliche Norm.

 

 

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