4.
Kapitel
Wortstufen
in der menschlichen Erfahrung
Wir
können in der Alltagserfahrung verschiedene Wortfunktionen, Wortgestalten und
Wortstufen unterscheiden. Die wichtigsten sind die Stufe der Aussage, des
Ausdrucks, die Stufe der Preisung und der Rühmung (Doxologie), die Stufe des
Anrufes, die Stufe des Befehls, die Stufe der Proklamation, die Stufe des
Ausrufes, endlich die Stufe der Selbstmitteilung. Diese Stufen können nicht
scharf voneinander getrennt, müssen aber dennoch voneinander unterschieden
werden. Das Wort der Aussage erfüllt eine belehrende, informierende Funktion.
Es ist jenes Wort, welches der Lehrer in der Schule, der Katechet im
Religionsunterricht, welches das öffentliche Informationsmittel in seinen
Berichten bietet. Es muß genau sein. Es zielt auf die Zustimmung, auf die Überzeugung
des Hörers. Es schafft Bewußtseinsgemeinschaft. Es dient der Formierung der
gebildeten Gesellschaft, der Gesellschaft also, deren Angehörige über die Vorgänge
der heutigen Welt Bescheid wissen und sich daher sachkundig in ihr zu bewegen
verstehen. Der heutige Mensch empfindet allerdings die Wahrheit in ihrer unverhüllten
Gestalt oft hart und bitter und ist nicht selten versucht, sie abzulehnen oder
an ihr vorbeizusehen, wenn sie mit seinen eigenen Erfahrungen und Wünschen
nicht übereinstimmt. So kann das Wort als Wahrheitsaussage Skepsis erzeugen.
Dieser Gefahr vermag es zu entgehen, wenn die Aussage spüren läßt, daß sie
nicht nur mit dem Kopfe erdacht, sondern aus dem Hintergrunde der Erfahrung und
aus der Wärme des Herzens hevorgewachsen ist.
60
Infolge
der Unvollkommenheit und Unvollendbarkeit alles Menschlichen sind auch alle
Aussagen des Menschen unvollkommen, ja vom Wesen her unvollendbar. Dies hat zur
Folge, daß es immer und notwendig bis zu einem gewissen Grade vom guten Willen
des Hörers abhängt, wie er einen Bericht oder eine Darlegung aufnimmt.
Derartiges gilt im besonderen Maße von allen Aussagen über das Menschliche, während
die angedeutete Gefahr in den Aussagen über naturgesetzliche Vorgänge zurücktritt.
Die
Wortgestalt des Anrufes und des Aufrufes wendet sich an den Willen. Dem Aufruf
entspricht die Bereitschaft, der Gehorsam. Das Wort, das Gehorsam erwartet und
fordert, darf indes nicht rein voluntaristisch geboten werden. Ein solches Wort
wäre des Menschen unwürdig. Damit die Menschenwürde gewahrt bleibt, muß auch
in einem solchen Worte ein Sinn investiert und erspürbar sein, wenngleich er
verborgen sein kann und daher nicht jedem zugänglich zu sein braucht. Vor allem
muß auch in einem derartigen Anruf die Liebe wirksam und erfahrbar bleiben.
Denn jeder Anruf und Befehl dient, falls er die Würde des Menschen achtet, der
Entfaltung des Angerufenen. Jeder Gehorsam dient, falls er menschenwürdig ist,
jener Bewegung, in welcher der Mensch zu sich selbst kommt, also der
Menschwerdung in individueller und kollektiver Hinsicht. Ein Anruf ohne jegliche
Liebe, ein Gebot um des Gebotes willen, ist eine menschenunwürdige Diktatur.
Sie wecken nicht Leben, sondern töten es. Die wahre Autorität ist darauf
gerichtet, daß sie Autorin, d. h. Urheberin von Leben und Lebensvertiefung ist.
Sie kann ihre Impulse nur dann richtig geben, wenn sie den Freiheitsraum des
Angesprochenen nicht zerstört. Andererseits kann sie nicht davon absehen, durch
Drängen und Mahnen, durch Aufforde-
61
rung
und Gebot den Angerufenen zum rechten Frei-heitsgebrauch, d. h. zur
verantwortlichen Verwirklichung des Rechten, des Wahren und des Guten, letztlich
also der in Gott verwurzelten Menschenwürde zu veranlassen. Ein brutaler, völlig
sinnloser oder liebeleerer Befehl ist ebenso unmenschlich und widermenschlich,
wie der sogenannte Kadavergehorsam unmenschlich und widermenschlich ist, falls
man diesen Ausdruck in seinem eigentlichen Sinne gebraucht.