5. Kapitel

Wort der Selbstmitteilung

 

Die bedeutungsvollste Wortstufe, jene von größter Intensität und Reichweite, stellt das Wort der Selbstmitteilung dar. In ihm erschließt sich das Ich dem Du, so daß das Du das sich ihm erschließende Ich in sein eigenes Leben aufzunehmen vermag und umgekehrt in das Ich eintreten kann. Natürlich erschließt sich das Ich auch in den übrigen Wortgestalten bis zu einem gewissen Grad. Denn jedes Wort ist eine Selbstdarstellung des Sprechenden. Auch im objektiven, ja im objektivistischen Bericht zeigt sich der Berichtende als derjenige, welcher er ist, als ein Redlicher und Glaubwürdiger, als ein Liebender oder ein Heuchler, ein Schamloser und ein Zyniker. Wir sagen oft: So konnte nur dieser oder jener sprechen oder schreiben. Der bloß Berichtende oder Anrufende oder Auffordernde kann indes außerhalb seines Wortes bleiben. Er kann ihm gegenüber geradezu Zuhörer sein. Er vermag sei-

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nem eigenen Wort als Fremder gegenüberzustehen. Auch ein Verworfener kann eine ihm selbst widerliche Heilsbotschaft ansagen. Es ist ähnlich wie mit dem menschlichen Antlitz. Das frömmste Gesicht kann zu einem Verworfenen gehören, das Erdhafteste kann einem Heiligen eigen sein.

Wenn im Worte des Anrufes die Liebe wirksam ist, dann wird mit dem Anruf auch die Kraft mitgeteilt, zu tun, was das Wort will. Denn die Liebe ist schöpferisch, immer und überall. Sie schafft, was sie liebt, wo es noch nicht ist. Sie kräftigt, was sie liebt, wo es schon besteht. Sie erhöht den Angerufenen über sich selbst hinaus zu einer neuen Existenz.

Ein solches Wort der Selbstmitteilung begreift ein schweres Risiko in sich. Es erreicht seinen Sinn und sein Ziel nur, wenn ihm die Antwort zuteil wird: Ich liebe dich wieder. Wenn ihm diese verweigert wird, muß es beschämt und verschüchtert wieder in sich selbst zurückkehren oder vielmehr in denjenigen, der es gesprochen hat, und versinken. Eine zweite Gefahr lauert in einem solchen Wort, nicht diejenige der Zurückweisung und der Ablehnung, der Verhöhnung und Verachtung, sondern jene des Selbstverlustes, der Preisgabe des eigenen Ich und der Vergewaltigung des hörenden Du. Nur wenn im Herzen des Wortes »Ich liebe dich« die Ehrfurcht sitzt, kann diese schwere Gefahr gebannt werden. Der Gefahr des Selbstverlustes kann der Mensch nicht etwa dadurch entgehen, daß er sich in allzu großer Vorsicht oder Sachlichkeit hütet, das Wort der Liebe zu sprechen, um sich nicht preiszugeben. Denn dieses Verhalten ist umgekehrt von der Gefahr der Selbstverschließung bedroht, in welcher der Mensch nur noch um sich selbst kreist und so in seiner individuellen Enge verfangen bleibt. Es ist nicht möglich, im geschichtlichen Le-

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ben jenen schmalen Grat zu finden, auf welchem der Mensch zu gehen vermag, ohne daß ihn auf der einen Seite der Sturz in den Abgrund der Selbstpreisgabe oder auf der anderen Seite der Sturz in den Abgrund der Selbstverschließung bedroht. Er muß sich vielmehr bemühen, zwischen den beiden Abgründen die Selbsthingabe in der Selbstbewahrung und die Selbstbewahrung in der Selbsthingabe zu realisieren, ohne daß ihm die Absicht jemals vollständig gelingt. Erst jener Lebensvollzug, den wir den Himmel, d. h, die Selbstmitteilung Gottes in unmittelbarer Selbstenthüllung und die Antwort des Menschen nennen, wird den Menschen befähigen, ganz bei sich und zugleich ganz beim anderen zu sein.

 

 

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