7.ABSCHNITT
Tragweite der Einheit von Tat und
Wort
in Gottes Offenbarung
1. Kapitel
Das
Problem
Dies
hier zu behandende Problem ist auch wichtig wegen seiner ökumenischen
Bedeutung. Die göttliche Selbsterschließung geschieht in bestimmten,
wissenschaftlich feststellbaren Phasen. Die Einbettung in die Geschichte hat zur
Folge, daß sie selbst geschichtlich faßbar ist. Dies bringt mehrere Probleme
mit sich. Es wird in der heutigen Theologie die Frage verhandelt, ob die
Offenbarung ihrerseits eine geschichtliche Tat oder ein geschichtliches Wort
oder Tat und Wort zugleich ist. Zweifellos gibt, es Tatoffenbarung, so sehr, daß
man von Offenbarungsereignissen sprechen darf. Wir haben schon hingewiesen auf
die Befreiung von ägyptischer Knechtschaft und auf die Wüstenwanderung mit der
Gesetzgebung am Berge Sinai, sowie auf die Gestalt, auf das Leben, auf das
Sterben und auf die Auferstehung Jesu Christi. Wenn man diese Ereignisse in
Erinnerung ruft, kann sich die Vorstellung bilden, daß die Offenbarung primär
durch Gottes Taten geschehen ist und erst sekundär Wortoffenbarung ist.
In
der Tat behauptet der international bekannte evangelische Theologe Wolfhart
Pannenberg, Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, daß er sich
von der Theologie des Wortes abgewandt
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und
zur Theologie der Geschichte hingewandt habe. Aufschlußreich ist die Begründung,
welche Pannenberg für diese seine Wende gibt. Sie liegt darin, daß die seit
der Aufklärung für den Menschen bestimmende Art von Selbständigkeit in der
Theologie des Wortes nicht hinreichend gewährleistet sei. Eine solche Theologie
stehe in der Gefahr, den Menschen zu entmündigen. Das Wort hat trotzdem auch für
Pannenberg insofern eine Bedeutung, als es die Tatoffenbarung ankündigt, als es
eine Weisung gibt und eine Deutung der Tatoffenbarung. Die endgültige
Entscheidung darüber, ob Tatoffenbarung wirklich eine Offenbarung ist, werde
erst am Ende der Zeit gefällt werden können. Bis dahin müßten wir zufrieden
sein, eine provisorische Kenntnis von der göttlichen Selbsterschließung zu
haben. Aber schon in Jesus Christus als einer geschichtlichen Erscheinung sei
das Ende vorausgenommen, am meisten in dem Ostergeschehen, in der Auferweckung
Jesu Christi. Hierüber wird in den Ausführungen über die nachbiblische
Reflexion über die göttliche Offenbarung noch Näheres gesagt. W. Pannenberg
drückt seine Anschauung und ihre Begründung sehr klar in folgendem Text aus
(Stellungnahme zur Diskussion: J. N. Robinson - J. B. Cobb, 285-351): »Die
Frage nach der Offenbarung Gottes, so wie sie auf dem Boden der Aufklärung
gestellt worden ist, sucht nicht nach einer autoritären Instanz, die kritisches
Fragen und eigenes Urteil niederschlägt, sondern nach einer Bekundung göttlicher
Wirklichkeit, wie sie sich dem mündigen Verstehen des Menschen als solche bewährt.
Darum empfinde ich die betonte Unterscheidung von 'Hörern' und 'Sehern' sowie
die Bevorzugung des Hörens vor dem Sehen als mißliche, auch wenn sie sich auf
ein biblisches Wortverständnis beruft. Soweit jemand beim Hören
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vollkommen
abhängig ist von etwas, das außerhalb seiner Kontrolle geschieht, vermag ich
solches Hören nur als Chiffre für jene Preisgabe eigenen Urteils zu verstehen,
die als Unterwerfung unter autoritäre Ansprüche gefordert wird. Ich gestehe,
daß ich aus ähnlichen Gründen der Charakteristik des Glaubens als Gehorsam mißtraue
und ebenso dem berühmten Verbot, hinter das Kerygma nach einer Legitimation
desselben zurückzufragen.« Pannenberg hat Widerspruch erfahren von R. Moltmann.
Dieser wendet sich gegen die These Pannenbergs, daß eine unabgeschlossene
Universalgeschichte trotz ihrer Unabgeschlossenheit schon jetzt in einer Weise
beurteilt werden könne, daß die Besonderheit der Geschichte Jesu als endgültige,
obwohl immer noch antizipatorische Offenbarung in Jesus Christus angesprochen
werden könne. In der Auferstehung Jesu sei nicht das Ende vorweggenommen,
vielmehr sei sie als Verheißung zu verstehen, nicht mehr und nicht weniger.
Näheres
soll über diese beiden Vorstellungen in der Darstellung der heutigen
evangelischen Offenbarungstheologie in Abschnitt 11 gesagt werden. Wenn man die
Frage, ob Offenbarung als Geschichte oder Geschichte als Offenbarung zu
verstehen sei oder als Wort, nicht aufgrund von philosophisch-weltanschaulichen
Überlegungen, sondern aufgrund der Aussagen der Bibel selbst beantworten will,
muß man sagen, daß Offenbarung ein integrales Geschehen von Geschichte und
Wort ist. Auch das Wort ist nicht nur ein bloßes Informationswort, sondern ist
Wortgeschehen (vgl. Dt-Jes 55,10f). Man darf jedoch den Ton auf das Geschehen
legen. Das Wort ist trotz seiner eigenen Wirkkraft eine Interpretation des
Geschehens. Daß in der Auferweckung Jesu die menschliche Zukunft schon
vorweggenommen ist, und sie in die-
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sem
Sinne Verheißung ist, wie Pannenberg andeutet, ist nicht zu leugnen (vgl. 1 Kor
15). So darf man wohl sagen, daß die Ansichten von Pannenberg und Molt-mann
nicht allzuweit voneinander entfernt liegen. Daß aber die Vorwegnahme der
Auferstehung aller eine Hoffnung begründet und nicht ein einfaches Erwarten des
Zukünftigen bedeutet, sondern die Aufforderung zur Bewältigung der auf die
Auferstehung Jesu noch folgenden Geschichte, wird deutlich aus 1 Thess und auch
aus dem Römerbrief, Kapitel 8.