10. ABSCHNITT

 

Offenbarung und Tradition

 

1. Kapitel

Weitergabe der Offenbarung durch die Erstempfänger

 

Sinn und Wesen der Offenbarung blieben unerfüllt, wenn sie beschränkt wäre auf den Erstempfänger. Dieser hatte vielmehr die Aufgabe, das Empfangene weiterzugeben, und zwar zunächst innerhalb seiner eigenen Gruppe, innerhalb seines Volksstammes. Dies mußte natürlich in der von der Gruppe gepflegten Sprache geschehen. Der Erstempfänger mußte die Eindrücke, die er von Gott empfing, übersetzen in seine eigene Sprache, bzw. in die Sprache seiner Gruppe. Wie schon hervorgehoben wurde, hing diese Übersetzung naturgemäß ab von seiner eigenen Sprachkraft, von den sprachlichen Gewohnheiten, von der Alltagssprache, in der er lebte, aber auch von seinem Sinn für Sprachgestaltung. Es lag wie schon gesagt in seiner freien Entscheidung, ob er sich eines Hymnus, einer Geschichte, einer Legende, eines Gedichtes oder irgend einer anderen literarischen Form bediente. Auf jeden Fall muß man betonen, daß kein Mensch imstande ist, die Erfahrungen, die Gott ihn machen ließ, adäquat zum Ausdruck zu bringen. Das Ausgedrückte bleibt immer hinter dem Auszudrücken-

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den zurück. Auf der einen Seite wird erst durch die Sprache lebendig und wirksam, was im inneren Menschen gegenwärtig ist. Auf der anderen Seite aber ist die Sprache nicht mächtig genug, um die Lebendigkeit dessen, was im Sprechenden lebt, zur vollen Darstellung zu bringen.

2. Kapitel

Wesen der Tradition

 

Eine solche Offenbarung würde jedoch eine geschichtliche, zu einer bestimmten Zeit stattgefundene Episode bleiben, wenn sich die Kundgebung Gottes nur auf den Kreis des Erstempfängers beschränkte. Sie kommt zu ihrem vollen Sinn erst, wenn sie hineinreicht in die Zukunft, wenn sie also weitergegeben wird an die kommenden Geschlechter. Dies gehört zu ihrer inneren Tendenz. Eine solche Weitergabe, eine Überlieferung an die Kommenden, erfolgt im Alten Testament durch die Patriarchen und Propheten in den verschiedenen vorchristlichen Gruppen, in der Gruppe der Sadduzäer, der Pharisäer, der Qumrangemeinde, der Apokalyptiker usw. Auf diesem Wege wurde die ursprüngliche Gottesoffenbarung bereichert durch immer neue Erklärungsformen. Sie wurde abgegrenzt gegen Mißverständnisse, gegen falsche Interpretationen, sie wurde auch verteidigt. Die Verteidigung hat sich wie ein Schutzwall um sie gelegt. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Versuche der Interpretation, der Auslegung, der Verteidigung einerseits das

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Altüberlieferte bewahrten und schützten, andererseits aber es auch der Gefahr der Verzerrung, des Mißverständnisses aussetzten.

Hierfür war jedoch ein innerer Schutz gegeben. Dieser innere Schutz war Jahwe selbst. Wie der Name Jahwe sagt, ging er immer mit seinem Volk. Er ist der immer Gegenwärtige, der immer Anwesende, der in seiner Anwesenheit und Gegenwart, in seinem Mitgehen mit dem erwählten Volke immer in Rufweite Lebende, der in seiner Barmherzigkeit und Fürsorge selbst bewahrt, was er dem Volke einmal geschenkt hat, so daß die ursprüngliche Überlieferung immer eine lebendige Macht behält. Derartiges wird vor allem bezeugt durch die Bücher Exodus und Deuteronomium. Solche Bücher sind keine historischen Bücher in unserem gegenwärtigen Sinn, sondern Glaubensbücher, welche die Vergangenheit für den Glaubenden lebendig erhalten. Daß dabei die Befreiung aus der politischen und sozialen Verknechtung, die Führung durch die Wüste, durch das Schilfmeer, die Gesetzgebung am Sinai die Hauptrolle spielten, ist schon mehrfach hervorgehoben worden. Diese Ereignisse wurden auch im Neuen Testament nicht vergessen. Sie wurden verstanden als Vorbilder und Vorgeschichte jener Befreiung, welche Jesus Christus den Menschen gebracht hat. Jesus Christus wollte die Überlieferungen der Väter nicht einfachhin aufheben und abschaffen, sondern Gesetz und Propheten erfüllen. Er war ja selbst der letzte, der höchste Prophet mit einer unüberbietbaren prophetischen Aufgabe. Als Gesandter des himmlischen Vaters hat er sich jedoch auch über Traditionen hinweggesetzt, wenn es das Heil der Menschen erforderte (Krankenheilungen am Sabbat). Der Mensch ist nicht um des Gesetzes willen da, sondern das Gesetz um des Menschen willen.

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3. Kapitel

 

Jesus — der Anfang einer neuen Tradition

 

Mit Jesus selbst beginnt eine neue Traditionskette, in welcher das Alte allerdings nicht einfach abgeschafft, sondern entsprechend dem Sinn der neuen Heilszeit abgewandelt und auf einer höheren Ebene fortgeführt wird. Die von ihm gewählten Jünger sollten, was er war, was er tat, was er verkündete, in seinem Auftrag weitergeben. Einige von ihnen wurden zu einem engeren Kreis zusammengeschlossen und bald Apostel genannt. Ihre Verkündigung war verbunden mit Heilshandlungen, die sie in seinem Namen vollbrachten. Als er sich von ihnen verabschiedete, gab er ihnen den Auftrag, das, was er beim Abschiedsmahl vollbrachte, selbst zu tun, und zwar zu seinem Gedächtnis. So ist die Verkündigung der Apostel erfüllt von der lebendigen Vergegenwärtigung des Herrn selbst. Sie ist nicht einfach eine bloße, durch die Jahrhunderte und durch alle Generationen hindurch verlaufende Belehrung über das, was Jesus Christus verkündet hat, sondern eine ständige Gegenwärtigsetzung und eine durch das Wort der Apostel hindurch wirksame Gegenwärtigkeit des Herrn selbst und seines Heiligen Geistes. Der richtige Umgang mit der von Jesus sich herleitenden Tradition vollzieht sich so in der Verkündigung, im Kulte, im rechten Verkehr mit dem Nächsten, im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung.

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4. Kapitel

 

Echte Überlieferung und Gewohnheit

 

Nicht selten bestand eine gewisse Unsicherheit in der alten Kirche über die Frage, was zur echten Überlieferung und was zu den überkommenen Gewohnheiten gehört. So hat z. B. Paulus nach dem 14. Kapitel des Römerbriefes ausführlich und umständlich über die Einhaltung von rituellen Speisevorschriften und anderen Lebensgewohnheiten debattiert und dabei die jeweiligen näheren Umstände betrachtet. Die Rücksicht gegenüber ähnlicher Situation bestand auch in Korinth, wo aus der mißverstandenen Freiheit die christlichen Frauen offensichtlich nicht dem alten jüdischen Brauch der Verschleierung während des Gottesdienstes Rechnung tragen wollten und Paulus mit allerlei Argumenten das Schleiertragen von ihnen forderte. Auf jeden Fall stieß er aber mit dieser Überlieferung, die offensichtlich auf keinen Fall im Bereiche der göttlichen Offenbarung lag, auf heftigen Widerstand.

Die den Aposteln auferlegte Überlieferung wird in der nachapostolischen Zeit weitergetragen. Sie wird erst am Ende der Zeiten, wenn Christus als der Vollender wiederkommt, selbst ihr Ende nehmen.

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5. Kapitel

 

Probleme durch den Wandel der Kultur

 

Es ist dabei natürlich immerfort die Gefahr gegeben, daß sich in den Inhalt des zu Überliefernden und des Überlieferten nicht nur Unvollkommenheiten, sondern auch Mißbräuche, ja Irrtümer einschleichen. Dies ist begründet in der menschlichen Freiheit, in der menschlichen Unvollkommenheit, in der menschlichen Einseitigkeit, in der sprachlichen Individualität, in dem Wandel der Denkweise und der Sprachform. Es läßt sich nicht leugnen, daß gerade die notwendig werdende Übersetzung der Überlieferung von der einen Sprache in die andere beträchtliche Gefahren in sich birgt. Man versucht, diesen Vorgang verständlich zu machen durch die Unterscheidung von Sprachgestalt und Sprachinhalt. So wichtig und bis zu einem gewissen Grade berechtigt diese Unterscheidung ist, so birgt sie doch kein geringes Risiko in sich. Es läßt sich kein Gedanke adäquat von einer Sprache in die andere übersetzen. Insbesondere gilt dies für den Inhalt aus dem Reiche des Geistes. Die heutige Mathematik und Naturwissenschaft hilft sich gegenüber einer solchen Gefahr, indem sie mechanisch zusammengesetzte Formeln verwendet, von denen jeder weiß, was sie bedeuten, es ist eine Symbolsprache. Man braucht nur an die Vieldeutigkeit des Wortes Liebe oder anderer in diesem Bereich liegender Termini zu erinnern, um die Schwierigkeit im geistigen Bereich zu sehen. Die Schwierigkeit erhöht sich naturgemäß, wenn eine Formulierung aus einer anderen Zeit in die Formulierung der jeweiligen Gegenwart übertragen werden soll. Die Sprache unterliegt ja, wie

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alles Menschliche, einem geschichtlichen Wandel, so daß in einer neuen Zeit an die Stelle der alten Sprache eine neue gesetzt werden muß. Dies läßt sich nie derart unternehmen, daß man den Inhalt aus der bisherigen Sprachgestalt wie aus einem Gefäß herausnimmt und in ein anderes Gefäß hineingibt, denn die Sprache ist mehr als ein bloßes Gefäß des Geistes, sie ist vielmehr die Verleiblichung des Geistes. Leib und Seele wirken aber in mannigfacher und tiefgehender Weise aufeinander ein. Die Änderung des Sprachleibes hat ihre Rückwirkungen für den Inhalt geistiger Art. Manche Sprachgestalten, z. B. die Dichtung oder ein Hymnus, sind so innig mit dem geistigen Moment verbunden, daß sich eine adäquate Übersetzung überhaupt nicht vornehmen läßt. Es bedarf einer Umdichtung, die aber ihrerseits wiederum das Ursprüngliche nicht in einer genauen Weise wiederzugeben vermag. Auf jeden Fall zeigt sich, daß die Änderung der Sprachgestalt jeweils einer Erklärung bedarf. Die Gefahr wird jedoch bewältigt durch den in der Kirche immer wirkenden Gottesgeist.

6. Kapitel

Interpretation

 

Die neue Sprachform muß nach den Regeln der historisch-kritischen Methode und auch nach den Regeln der Hermeneutik interpretiert werden. Es muß also gefragt werden, was Gott selbst sagen wollte, sodann, was der Schriftsteller zu sagen beabsichtigte.

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Man kann einen Text nicht im heutigen Sinngehalt interpretieren, sondern nach den damaligen und vor allem nach den Absichten des Autors. Wichtig ist es, zu beachten, daß durch die Umsetzung einer positiven in eine philosophisch redende Theologie die Gefahr einer inhaltlichen Veränderung oder wenigstens eine Verwandlung der Perspektiven, der Akzente, der Lebendigkeit, der Wirkkraft geschieht. Man sollte allerdings den üblichen und weitverbreiteten Vorwurf, daß der heutige Mensch die alten kirchlichen Formeln nicht mehr versteht, aufgeben. Wenn er zuträfe, könnte man nicht begreifen, warum überhaupt heute noch alte Philosophien studiert werden, warum insbesondere östliche dem abendländischen Geiste fremde Philosophien mit großem Eifer gepflegt werden. Außerdem darf man nicht übersehen, daß die in der Tradition vielfach gebrauchten philosophischen Begriffe die Wahrheit abgrenzen gegenüber dem Irrtum. Sie sind keine Vorlagen für die Verkündigung, für die Predigt. Es handelt sich also um Grenzbegriffe, durch welche das Glaubensfeld gegenüber anderen geistigen Feldern umschrieben wird.

Man kann die Frage stellen, ob etwa die heutige Philosophie in ihren verschiedenen, zum christlichen Glauben vielfach im Widerspruch stehenden philosophischen Systemen in einer ähnlichen Weise geeignet wäre, diese Abgrenzungen vorzunehmen, wie es die alten Philosophien, etwa die neuplatonische, die platonische oder die aristotelische und die stoische. Auch diese historischen Philosophien waren nicht von vornherein als Ausdrucksmöglichkeiten der christlichen Offenbarung brauchbar. Sie mußten in mannigfacher Weise erst korrigiert werden. Man darf auch nicht vergessen, daß die philosophischen Termini im Gebiete kirchlicher Lehren gegenüber Fehldeutungen nicht da-

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zu bestimmt sind, in der vorliegenden Form gepredigt zu werden. Vielmehr stecken sie wie gesagt das Feld ab, innerhalb dessen sich die Verkündigung bewegen muß. Lehre und Verkündigung sind nicht identisch. Die Lehre ist vielmehr die Grundlage der Verkündigung so wie die Orthodoxie (die Glaubenslehre) die Grundlage der Orthopraxie (des Glaubenshandelns) ist. Der Weg von der Lehre zur Verkündigung ist oft mühsam und weit.

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