9.ABSCHNITT
Jesus als der Vollender
des
Offenbarungswortes
1. Kapitel
Die
Worte Jesu
Das
ganze Alte Testament zielt auf die Gegenwärtigsetzung des präexistenten
Gotteswortes in der menschlichen Geschichte. Es wird der Tag Jahwes in Aussicht
gestellt (Jes 2,12; Dt-Jes 49,8; Joel 2,1; Mal 3,2), ein Tag, an welchem Gott
selbst in der menschlichen Geschichte als handelndes Subjekt erscheint. In Jesus
Christus ist das Wort Gottes nicht mehr bloß als geschichtswirkende Macht
bezeugt, sondern als personhafte Wirklichkeit in der Geschichte. Wenn das Neue
Testament Christus das Wort nennt, so denkt es zunächst nicht an die innergötttiche
Selbstaussage des Vaters, sondern an die Selbstaussage Gottes gegen über der
Welt.
Das
Neue Testament setzt das in den Schriften des Alten Testamentes entfaltete Verständnis
des Wortes Gottes voraus, nimmt es auf und führt es weiter. Prophetensprüche
werden als Gotteswort zitiert (Mt 1,22; 2,15; Apg 28,25; Lk 1,70; Apg 3,21; Hebr
1,10; 10,16 ff; 2 Petr 1.21). Insbesondere galt die mosaische Gesetzgebung als
Wort Gottes (Mk 7,8-13; vgl. Hebr 12, 19.25 f). Auch im Neuen Testament
erscheint das Schöpferwort Gottes in engster Verbindung mit seinem Heilswort
(Rom 4,17; 2 Kor 4,6; Hebr 11,3; 2 Petr 3,5 ff; Joh 1,18; siehe Band 3».
109
Die
ältesten Schriften des Neuen Testamentes nennen nicht Christus selbst das Wort
Gottes. Diese Bezeichnung ist vielmehr erst das Ergebnis einer langen
theologischen Reflexion. Es liegt uns vor in den späten paulinischen (aber auch
2 Kor 6,7f) und in den johanneischen Schriften. Aber auch die Synoptiker erklären
von Jesus, daß er durch sein Wort den Vater im Himmel auslegt und den Menschen
das Heil bringt. So scheint nach diesen letzteren ntl. Texten das Wort Gottes,
das Jesus Christus spricht, zunächst keine andere Bedeutung zu haben als das
altestamentliche Wort, das Gott durch die Propheten und durch Mose, das Urbild
alles Prophetischen, sagt. Dennoch ist die Situation völlig verändert. Denn
Jesus richtet seine Verkündigung mit einer unvergleichlichen Vollmacht aus (Mk
1,5; Mt 7,28 f; Lk 4,32). Dabei beruft er sich nicht, wie die Propheten des
Alten Testamentes, auf einen göttlichen Auftrag. Er spricht vielmehr in eigener
Autorität (Mt 5-8). Außerdem entscheidet sich an der Annahme und an der
Ablehnung des von ihm gesprochenen Wortes das Heil und das Unheil (Mt 11,2-6).
»Wer sich meiner und meiner Worte schämt in diesem ehebrecherischen und sündigen
Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommt in
der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln« (Mk 8,38; vgl. Mt 10,32
f; Lk 12,8 f). Er ist der Sämann, der den Samen des Wortes streut (Mk
4,1 ff).
In
den Worten Jesu zeigt sich immer wieder, daß er den Anspruch erhebt, an Stelle
Gottes zu reden. Eben deshalb fordert sein Wort eine letzte Entscheidung heraus.
Wer sein Wort ablehnt, lehnt Gott selbst ab. Was kein Prophet und kein Lehrer zu
sagen gewagt hätte, das vollzieht Jesus, indem er zu Verlorenen und Verachteten
hinzutritt und ihnen sagt: »Deine Sünden
110
sind
dir vergeben« (Mk 2,5). Oder. indem er das Sabbatgebot interpretiert und darin
zugleich beansprucht, den Sinn des Alten Testamentes endgültig zu deuten. Was
das Alte Testament letztlich gemeint hat, das bleibt bis zu Christus hin offen
und wird erst durch ihn authentisch erklärt.
Es
ist begreiflich, daß die Worte Jesu als unerhört und aufreizend empfunden
wurden. Von besonderem Gewichte ist es, daß seine Worte Wirklichkeit schaffen,
insbesondere die Verzeihung der Sünden, d. h. das rechte Verhältnis des
Menschen zu Gott. Die Worte Jesu selbst erweisen sich als Heilstaten. Wo das
Wort Jesu laut wird, vollzieht sich heilsmächtiges Geschehen. Als er die
anbrechende Gottesherrschaft proklamierte, begannen ihre Zeichen aufzuleuchten,
und die vorgezeichnete Zukunft beginnt schon in die Gegenwart hineinzuwirken (Mk
1,15; Mt 12,28). Daß das Wort Jesu den ganzen Menschen, nicht nur sein Denken
und Wollen, sondern seine ganze, leibhaftige Existenz bestimmen will, wird
besonders eindrucksvoll im elften Kapitel des Johannes-Evangeliums offenkundig.
Nach der Aussage Jesu, daß er die Auferstehung und das Leben sei, und man im
Glauben an ihn schon den Schritt vom Tode zum Leben getan habe, läßt der
Evangelist die Auferweckung des Lazarus folgen und zeigt damit sinnenfällig, daß
das vollmächtige Gotteswort schaffend wirkt und den ganzen Menschen ergreift
(E. Lohse, Deus dixit, in: Evangelische Theologie 25,1965,567-585».
So
kann denn der Evangelist Lukas den Auferstandenen sagen lassen (Lk 24,44): »Dies
sind meine Worte, die ich zu euch sagte, da ich noch bei euch war, daß alles
erfüllt werden müsse, was im Gesetz des Mose, in den Propheten und Psalmen über
mich geschrieben steht.« Nach diesen Worten schloß er
111
den
Aposteln, wie Lukas fortfährt, den Sinn auf, damit sie die Schriften verstehen
konnten. Er erklärte den Sinn seines Todes und seiner Auferstehung. Daraus
ergibt sich, daß die »Worte« nichts anderes sind als die Erhellung der
Ereignisse von Golgotha und vom Ostermorgen. In ihnen hat Gott sich den Menschen
in einer endgültigen Weise zugesagt.
2.
Kapitel
Jesus als das vom Vater gesandte Wort
Wenn
die Synoptiker Jesus auch nicht förmlich das Wort Gottes nennen,
so zeigt doch die theologische Interpretation, die sie von Jesus geben, daß sie
ihn praktisch als das vom Vater an die Menschen gerichtete definitive und nicht
mehr überholbare, allen Menschen bestimmte Wort des Heiles verstehen. Was Jesus
sagt, kommt aus der Mitte dessen, was er ist. Weil seine Worte Heil schaffen,
kann man ihnen sakramentale Bedeutung zuschreiben. Und weil sie nichts
anderes sind als Epiphanie seiner selbst, kann man ihn selbst sakramental
nennen.
In
einer besonderen Weise weiß sich Paulus zum Dienste am Wort berufen. Ihm ist
das Wort anvertraut (Gal 2,7). Denn durch die Übertragung des
Apostolates ist ihm die Proklamation des Wortes aufgetragen worden (1 Kor 9,16
ff.). Der Dienst am Worte erfordert die persönliche Hingabe des Apostels. Er
darf dem Worte kein Hindernis bereiten, sei es durch eigensüchtige Ziele der
Verkündigung, sei es durch Darbietung
112
menschlicher
Weisheit oder eigener geistlicher Erfahrungen. Er muß im Geiste des Glaubens an
das Wort einen christusförmigen Wandel führen und Leiden für das Wort auf
sich nehmen, so daß das Leiden Christi, das er verkündet, durch seine
Existenz bezeugt wird (2 Kor 1,3 ff; 4,16; 11,23 ff). Das Wort, das Paulus verkündet,
ist das Wort Gottes selbst (1 Thess 2,13). Gott ist nicht nur sein Gegenstand,
sondern zugleich sein Subjekt. Es ist das Wort des Herrn (2 Kor 13,3). Aber das
Wort, das Christus spricht, ist zugleich das Wort, das der Apostel verkündet (2
Kor 5,20; 1 Thess 1,8; 2 Thess 2,14). Über dieses Wort hinaus wird den Menschen
kein weiteres Wort Gottes geschenkt werden. Es ist das Ja und Amen Gottes zu den
göttlichen Ankündigungen (Röm 10,16 f; 2 Kor 1,19f). In dem Worte, welches
Paulus verkündet, ist das von ihm verkündete Heil selbst anwesend (2 Kor 5,19
f). Der proklamierte Christus ist im proklamierenden Wort präsent (1 Kor 11,26;
Röm 1,17; 2 Kor 4,4; 2 Tim 1,10 f). Er ist Ja selbst das verkündigende Subjekt
(Röm 8,2; 1 Kor 2,13; Eph 6,17). Erfahren wird freilich die Heilsmacht Gottes
nur von den Gläubigen (Röm 1,16; 1 Kor 1,18; 15,1; Eph 1,13; Kol 1,5 u.
a.).Auch denen gegenüber, die es ablehnen, erweist es sich als Macht, und zwar
zum Unheil und zum Untergang (Röm 11,28 ff; 1 Kor 1,18ff; 2 Kor 4,3 ff; 2 Thess
1,8). Es ist in jedem Fall eine kritische Kraft. Sein Ziel freilich ist es, mit
Christus und in Christus die Versöhnung, die Wahrheit, das Leben, die Hoffnung
und die Freiheit zu erwirken.
In
Jesus ist das Wort Gottes endgültig geworden. In dieser Endgültigkeit bleibt
es aktuell. »Es ist, wie der Hebräerbrief zeigt, ein großes Geschehen: das
Reden Gottes zu den Vätern durch die Propheten, das Reden Gottes durch den Sohn
'am letzten Tage', das anfäng-
113
liche
Reden durch den Herrn, das 'festigende' Reden durch die 'Hörenden', das parakalein
in der versammelten Gemeinde und zuletzt
der logoV paraklhsewV des
Hebräerbriefes selbst (vgt. Hebr 1,1; 2,2-4; 3,13; 10,25; 13,22). Jedoch kreist
von dem Augenblick ab, da Gott zu uns durch den Sohn redete, alles Reden um
diesen Sohn und füllt so die letzten Tage aus, immer von neuem das 'Heute'
erinnernd und das Angebot des 'Sabbath' und der 'Ruhe' noch einmal, 'noch eine
kleine Zeit, ganz klein' ergehen lassend (Hebr3,17ff; 4,4; 10,37.« H. Schlier,
Wort, in: H. Fries, Handbuch theologischer Grundbegriffe, II, München 1963, S.
864).
Am
meisten entwickelt erscheint der Begriff des Wortes im johanneischen Schrifttum.
In der Johannes-Offenbarung heißt der erhöhte Herr einfachhin der »Amen«. Er
ist die letzte und endgültige Bestätigung aller göttlichen Selbstverheißungen.
Er ist der verlässige und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes (Offb
3,141. Im Johannes-Evangelium wird die Person Jesu einfachhin »Wort« Gottes
genannt. Wort und Person werden identifiziert. Nach Johannes ist Jesus das vom
Vater an die Menschen gerichtete Wort. In ihm ist der Vater selber sichtbar
geworden. Die Zusammenschau dessen, was Jesus war, sagte und tat im »Worte«
bzw. im »Worte Gottes«, ist die schöpferische Leistung der Johanneischen
Theologie. Auf das engste verwandt mit dem Begriff des Wortes ist der Begriff
des Zeugen. Wenn Jesus spricht, legt er Zeugnis ab. Und zwar legt er in der Welt
Zeugnis ab vom Vater. Besonders aufschlußreich ist folgender Text: »Der von
oben herkommt, ist über allen; der aus der Erde ist, der ist aus der Erde und
redet von der Erde aus. Der aus dem Himmel kommt, ist über allen. Was er
gesehen und gehört hat, davon gibt
114
er
Zeugnis. Niemand aber nimmt sein Zeugnis an. Wer jedoch sein Zeugnis annimmt,
der bekundet, daß Gott wahrhaftig ist. Wen nämlich Gott gesandt hat, der redet
die Worte Gottes; denn ohne Maß gibt er den Geist. Der Vater liebt den Sohn und
hat alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer
aber auf den Sohn nicht hört, wird das Leben nicht schauen, sondern Gottes Zorn
bleibt auf ihm« (Joh 3,31-36).
Dieser
Text weist darauf hin, daß Johannes bei dem Sein Jesu einsetzt, um dessen
Zeugnis von Gott zu erklären. Man darf wohl sagen, daß uns hier eine Bewegung
des Denkens begegnet, welche derjenigen des Apostels Paulus entgegengesetzt ist.
Während Paulus zunächst die Funktion Christi erfährt und von ihr aus zurückfragt
nach dem Sein Jesu, geht Johannes von diesem letzteren aus und fragt von ihm aus
nach der Funktion Jesu. Durch die Analyse der Funktion allerdings gewinnt er
wieder ein tieferes Verständnis des Seins. Jesus ist die Selbstaussage Gottes
an die Welt.
Um
diesen Satz zu verstehen, ist es nötig, ein paar Worte zu der Johanneischen
Weltvorstellung zu sagen. Johannes spricht vom Kosmos nicht um des Kosmos
willen, sondern um des Menschen willen. Der Kosmos ist der von Gott durch das
Wort geschaffene Daseinsraum des Menschen (Joh 9,5; 10; 12,25; 13,1; 16,21;
17,5.11.13.15.24; 1 Joh 4,17). Die Welt ist hier vor allem als die notwendige
Voraussetzung für das geschichtliche Handeln des Menschen gesehen. Es ist nach
Johannes derselbe Logos, welcher der Grund der Welt ist und dann in der Welt
Gottes Offenbarungsanspruch erhebt. Im Grunde kommt der Offenbarer nicht in
einen ihm gänzlich fremden Bereich, sondern in das ihm Zukommende (Joh 1,11).
Die Welt wird nach Johannes erst vom Menschen zu dem ge-
115
macht,
was sie wirklich ist. Sie ist nicht von Haus aus sündig. Infolge der Sünde des
Menschen aber wird verdeckt, daß sie Geschöpf Gottes ist. Ihr Geschöpfcharakter
tritt nicht mehr rein in Erscheinung. Infolge der Vorbelastung der Welt durch
das sündige menschliche Handeln kommt es zu einer dramatischen
Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Menschen bzw. der Welt. Die Weltöffentlichkeit
kann gegenüber Jesus, ihrem ursprünglichen Grunde, nicht neutral bleiben. Sie
muß ihn als den zu ihr Gehörenden annehmen oder als einen Fremden ablehnen.
Sie verschließt sich gegenüber Jesus, im Widerspruch zu ihrer eigenen
Struktur. So kennt Johannes nicht nur das dem Gnostizismus entlehnte Schema von
dem Grundsatz zwischen unten und oben, sondern auch und in entscheidenderem Maße
das Heilsdrama, welches sich zwischen dem menschgewordenen, in die Welt
gekommenen Gottessohnes Jesus und der Welt bzw. der von den Menschen
geschaffenen Geschichte abspielt.
Johannes
begreift Jesus Christus als den vom Vater Gesandten. Dieser seiner Funktion
entspricht es, wenn er in Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters ein
geschichtliches Werk vollbringt. Dies ist Heilswerk für die Gläubigen,
Unheilswerk für die im Unglauben Verharrenden. Das Heilswerk Jesu ist in seiner
Gänze ein Wort Gottes an die Menschen. In seinem Werke zeigt sich aber Jesus
auch in seiner eigenen Art. Sein Werk ist daher ein Selbstzeugnis und zugleich
eine Bezeugung des göttlichen Heilswillens. Die Selbstbezeugung Jesu und die
Bezeugung seines Vaters integrieren sich zu einem unlöslichen Ganzen. Indem
Jesus Christus sich als den vom Vater Gesandten bezeugt, bezeugt er den Vater.
Diesen aber bezeugt er nur so, daß er sich als den von oben Gesandten be-
116
zeugt
(siehe für diese Darstellung R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium. 3 Bde.,
1965-1975, H. Teil, 1971,59-70).
3. Kapitel
Jesu Kenntnis Gottes des Vaters
Das
die Bezeugung des Vaters in sich schließende Selbstzeugnis Jesu ist zuverlässig.
Denn er redet wie ein Wissender. Es heißt bei Johannes (8,14); »Jesus
antwortete ihnen: Wenn ich auch über mich selbst Zeugnis gebe, so ist mein
Zeugnis doch wahr, weil ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe;
ihr aber wißt nicht, woher ich komme und wohin ich gehe.«
Jesus
kennt seinen ewigen Ursprung und sein ewiges Ziel. Er kennt aber auch den
irdischen Weg. Er kann den Vater offenbaren, weil er ihn kennt. Dieses sein
Zeugnis kann keinem irdischem Maßstab unterworfen werden, weil niemand den
Vater so kennt wie er. Durch ihn kommt die Offenbarung des Vaters. Was und wer
dieser ist, zeigt sich in Jesus. So ist Jesus zugleich der Offenbarer und die
Offenbarung, Subjekt und Inhalt der Offenbarung in einem. Man kann nicht seine
Funktion als Offenbarer von seiner Funktion als Offenbarung trennen. Würde man
nur das erste Moment sehen, verfiele man einem reinen Dynamismus und
Aktualismus. Würde man nur das zweite Moment sehen, so würde sich die Gefahr
eines reinen Objektivismus erheben. In beiden Fällen würde der johanneische
Offenbarungsbegriff verfehlt. In dem Zusammen von Offenbarer und Offenbarung
kommt noch
117
einmal
zum Ausdruck, daß Jesus sich selbst nicht anders bezeugen kann, als dadurch, daß
er zugleich den Vater bezeugt. Er kann sich ja nur bezeugen, indem er sich als
den Sohn des Vaters bezeugt. Es ist für die Struktur des johanneischen
Offenbarungsbegriffes entscheidend, daß sich in ihm die Einheit von
Selbstzeugnis Jesu und der Bezeugung Gottes darstellt. Zugleich ist ersichtlich,
daß Jesus Christus als Sohn Gottes konstitutiv ist für die Offenbarung;
konstitutiv in zweierlei Hinsicht: er ist konstitutiv für die Offenbarung als
menschlichen Weg zu Gott sowie für den Glauben an Gott und die mit dem Glauben
eröffnete Gotteserkenntnis, so daß der Glaube an Gott notwendig zugleich
Glaube an Jesus Christus ist. Das Konstitutiv-Sein Christi für den Glauben
besagt nicht nur, daß der Glaube faktisch mit Christus den Anfang machen muß,
sondern daß Jesus Christus für alles menschliche Gläubigsein die
konstitutive, d. h. die den Glauben ermöglichende, begründende, tragende und
vollendende Mitte bleibt.
Diese
Strukturzusammenhänge treten an einem für Johannes charakteristischen Begriff
lebendig zutage, nämlich an dem Begriff der Wahrheit (Joh 14,6; 18,37).
Christus bezeugt sich selbst als die Wahrheit. Das Wort muß aber auch
verstanden werden als Zeugnis für Gott. Die Wahrheit ist nicht etwas außerhalb
seiner Liegendes, sie ist vielmehr in ihm und durch ihn gegenwärtig. Er steht
der Wahrheit nicht wie ein von ihr verschiedener Zeuge gegenüber. Er selbst ist
die Wahrheit, insofern in ihm der lebendige Gott aus seiner Unzugänglichkeit
herausgetreten und den Menschen zugänglich geworden ist. Wer daher Jesus
ablehnt, verschließt sich vor dem Gott, der sich in ihm zeigt: Wer Christus
ablehnt, ist ein Ungläubiger.
118
Der
Gott, auf den sich Jesus immerfort beruft, ist keine anonyme Größe. Es ist
vielmehr der seinen Zuhörern wohlbekannte Gott, von dem Abraham und Mose
Zeugnis gegeben haben. Es ist ein und derselbe Gott, der in dem Alten Testament
durch die Väter sprach und der jetzt durch den Sohn redet. Angesichts der
gegenwärtigen, im Sohne erfolgenden Offenbarung zeigt sich, ob man Gott in
seinen früheren Worten verstanden hat. Denn was er immer gemeint hat und worauf
er immer hinzielte, ist eben der in der Welt erschienene Sohn. Die in Jesus.
vollzogene Selbsterschließung Gottes aktualisiert und vollendet alle früheren,
in den Schriften bezeugten Offenbarungen. Seit Jesus Christus kann das Alte
Testament nur dann als Gottes Wort verstanden werden, wenn es als Vorwort des
endgültigen Wortes Gottes Jesus verstanden wird.
4. Kapitel
Jesu
Selbstidentifizierung mit Gott im Worte
So
kann Jesus auch die höchste Offenbarungsformel, in welcher sich Gott im Alten
Testament ausspricht, nämlich die Formel »Ich bin« auf sich anwenden. Die
altehrwürdige Selbstbezeugung Gottes in der Formel »Ich bin es« findet ihre
eigentliche Erfüllung in jenem Wort »Ich bin es«, welches der menschgewordene
Logos ausspricht. Die alttestamentliche Formel erreicht ihren Gipfel in dem
Augenblick, in welchem Jesus als der »Ich bin es« leibhaftig innerhalb der
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menschlichen Geschichte vor den Menschen steht. Es ist paradox, daß ein geschichtlicher Mensch die höchste Formel der Selbstaussage Gottes in aller Strenge als Selbstaussage für sich in Anspruch nehmen kann. Es ist, als sagte Jesus hier: »Die Offenbarung Jahwes, das bin ich. Ich bin die Stätte göttlicher Gegenwart und Offenbarung in der Geschichte.« Diese Formel macht den irdischen Kairos Jesu Christi zur Ewigkeit und die Ewigkeit zum irdischen Kairos. Angesichts dieser Aussage gibt es nur den Glauben, der diesen Kairos ergreift, oder den Unglauben, der ihn verwirft, indem er zu den Steinen greift. Diejenigen, die sich mit Jesus auseinandersetzen, haben es mit dem »Ich bin, der ich bin« selber zu tun, mit dem geschichtlichen Offenbarer und Repräsentanten Jahwes, und so mit Jahwe selbst. Jetzt wird auch deutlich, daß diese Auseinandersetzung notwendig zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte werden muß, weil sich der Gott des Alten Testaments in Jesus auf einmalige und einzigartige Weise vergegenwärtigt hat. Der gesamte Anspruch Gottes an Israel, wie er im Lauf der Geschichte immer wieder vernehmlich geworden war, erscheint in Christus konzentriert und zugleich in seltsamer Distanz zurückgestellt; es ist ja »ein Mensch«, der diese Wahrheit redet (nach J. Blank, Krisis, Würzburg 1964.227-230).
5. Kapitel
Das Wort Gottes in der Apostelgeschichte
Die
Apostelgeschichte schildert uns die Verwurzelung und das Wachstum des Wortes
Gottes in der er-
120
sten
christlichen Generation {Apg 6,7; 12,24; 13,49). Sie zeigt uns vor allem, wie
Petrus und Paulus es verkündet haben und welche Wirkung ihre Verkündigung
hatte. Zunächst schildert sie die Wirksamkeit des Wortes unter den Juden mit
Jerusalem als Mittelpunkt, sodann die Grundlegung und die Festlegung der Mission
unter den Heiden mit Antiochia als Mittelpunkt und endlich die Heidenmission,
vor allem die Missionstätigkeit des Apostels Paulus. Es ist in den letzten
Jahrzehnten bis zur heutigen Stunde viel darüber diskutiert worden, ob die in
der Apostelgeschichte berichteten großen Reden wirklich so gehalten wurden, wie
sie uns überliefert sind, oder ob sie ausschmückende und stilisierende Schöpfungen
des Verfassers sind, denen ein historischer Kern zugrunde liegt. Für unsere
Frage spielt dieses Problem keine große Rolle. Das Geschehen, welches Gott in
Jesus von Nazaret von den Anfängen in Galiläa bis zu den Erscheinungen des
Auferstandenen wirkte, bildet in allen Reden der Apostelgeschichte den Ausgang
und das Hauptargument. Im apostolischen Wort gelangte das Heilswort zu Juden und
Heiden (Apg 10,36 f; 40 f; 13,26). Es ist Gott selbst, der im apostolischen Wort
redet und wirkt (Apg 17,30; 21,19). Aber auch Jesus als der erhöhte Herr wendet
sich in dem Worte seiner Jünger an die, welche an ihn glauben (Apg 13,38f;
26,23). Die Apostel reden Gottes Wort. Sie bezeugen, was sie gehört und gesehen
haben. Sie stehen unter der Herrschaft des von ihnen Geschauten und Gehörten (Apg
1,8.22; 2,32). Das Wort Gottes behält daher seine Souveränität. Es gerät
nicht in die Macht der Menschen. Der Heilige Geist eröffnet im Worte der
Apostel das wahre Verständnis Jesu Christi (Apg 1,8). Der Inhalt der
apostolischen Predigt ist im wesentlichen immer der gleiche. Die Apostel
sprechen von dem Heilstode und
121
vor
allem von der Auferweckung Jesu Christi (Apg 1,22; 2,32; 4,1 f.; 8,35; 17,18;
18,11; 19,13; 26,8). Sie interpretieren die Auferstehung Jesu Christi als die
Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung. Es gehört zur wesentlichen
Struktur des apostolischen Kerygmas, daß Christus auferweckt wurde, gemäß den
Schriften, nämlich des Alten Testaments (Apg 2,39; 13.23.32f; 26,6.22).
Christus ist in der Auferweckung der Herr und der Heilbringer geworden. In dem
Glauben an ihn oder in dem Unglauben gegen ihn wird sich auch das Heil und das
Unheil entscheiden. Er wird der kommende Richter sein (Apg 10,32).
Anhang
Wort
Gottes und Personalität Jesu
Der
biblische Tatbestand zeigt, daß man das Wort Gottes nicht von der Person Jesu
loslösen kann. Er ist die Epiphanie des ewigen Wortes Gottes; dieses drückt
sich aus in den Worten, in denen Jesus die Herrschaft Gottes aufrichtete. Während
in der katholischen Theologie lange Zelt das »Wort Gottes« zu wenig betont
wurde, gab Ihm Luther einen solchen Akzent, daß es einer von Jesus als Person
trennbaren Hypostase nahekommt. Das Wort für sich selbst muß nach ihm dem
Herzen genugtun; der irdische Jesus ist nicht der letzte Grund des Glaubens. Der
wahre Glaube hält sich an das Wort (P. Althaus, Die Theologie Martin Luthers, Gütersloh
1962,53; P. Hacker, Das Ich im Glauben bei Martin Luther, Graz 1966). Aus der
Unter-schätzung der Person für den Glauben und der lsolierung des »Wortes«
konnte sich die Entmythologisierungstheologie R. Bultmanns entwickeln.
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