7.
Kapitel
Inspiration
a)
Begriff
Die
Heiligen Schriften sind inspiriert, d. h. vom Heiligen Geist durch die Verfasser
gewirkt. Die Einwirkung des Heiligen Geistes darf nicht als ein von äußeren
Bedingungen völlig unabhängiger innerer Impuls verstanden werden. Der Heilige
Geist bedient sich der jeweiligen geschichtlichen Situation. Dies hat zur Folge,
daß derjenige, welcher die Schriften nur als religiöse Literatur betrachtet,
ihre Abfassung aus rein natürlichen Anlässen erklären kann. Die
geschichtliche Bedingtheit der Entstehung der heiligen Bücher korrespondiert
der Geschichtlichkeit des inkarnierten Logos, wenngleich kein voller
Parallelismus besteht. Der für ihn zeugende Heilige Geist vollzieht sein
Zeugnis innerhalb der Geschichte und ist Geschichte stiftend. Die Veranlassung
der heiligen Bücher durch die geschichtliche Situation schließt den Impuls des
Heiligen Geistes nicht aus. Vielmehr verbindet sich äußerer Anlaß und innerer
Antrieb für das Zustandekommen der heiligen Bücher zur Einheit. Die
scholastische Theologie spricht von Erst- und Zweitursache.
Die
Inspiration trifft den Schriftsteller, hat aber Folgen für das Geschriebene.
Was den inspirierten Schriftsteller angeht, so braucht er sich zwar der
Inspiration nicht reflex bewußt zu sein. Es würde jedoch das Faktum der
Inspiration zu einem leeren Wort entwürdigen, wenn sich in ihm die Inspiration
überhaupt nicht im Sinne einer Bewußtseinsveränderung auswirken würde. Sie
ruft in ihm einen neuen Bewußtseins-
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horizont
hervor, eröffnet neue Perspektiven und Erkenntniszusammenhänge, zeigt ihm den
Ort des einzelnen im Ganzen und regt seinen Entschluß an, diese seine
Erkenntnisse und seine Christuserfahrung anderen durch das geschriebene Wort
mitzuteilen.
Angesichts der Entstehungsart der heiligen Bücher kann man fragen, wer inspiriert ist, alle Beteiligten oder nur der Schlußredaktor. Man könnte die Meinung vertreten, daß alle an der Entstehung Mitarbeitenden, also auch die Autoren der kleinen, in den Endtext eingearbeiteten Einheiten, inspiriert sind. Auf jeden Fall ist der Urheber der letzten und endgültigen Redaktion inspiriert. Auf keinen Fall gibt es jedoch eine Kollektiv-Inspiration der Gemeinden.
b) Begründung der Lehre von der Inspiration
Zur
Begründung für die These von der Inspiration kann man sich zwar auf einige
einzelne Schrifttexte selbst berufen, in denen auf die Belehrung durch den Geist
bei der Abfassung schriftlicher Christuszeugnisse hingewiesen wird. Dabei
besteht ein Unterschied zwischen der Erkennbarkeit der Inspiration im Alten und
jener im Neuen Testament. Man wird zwar annehmen dürfen, daß sich die den von
Gott berufenen Propheten zuteil gewordene Wortinspiration auch auf die
schriftliche Fixierung ausdehnt, zumal in jenen Stellen, in denen Gott selbst
die schriftliche Fixierung angeordnet hat. Ebenso kann man auf die Äußerungen
Christi hinweisen, nach denen die Propheten im Geiste geschrieben haben.
Für
das Ganze des Alten Testaments läßt sich jedoch auf diesem Wege die Erkenntnis
der Inspiration nicht gewinnen. Es gab auch im Alten Testament keine Instanz,
welche eine verbindliche Erklärung über
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diese
Frage hätte abgeben können. Ebensowenig bestand ein Kanon der inspirierten Bücher
des AT. Wir können die Erkenntnis von der Inspiration der alttestamentlichen
Schriften und dem alttestamentlichen Kanon mit Sicherheit nur aus dem Neuen
Testament gewinnen. Als Erkenntniskriterium dient hierbei die Qualität eines
alttestamentlichen Buches für die Vorbereitung des Christusereignisses, oder,
wie Luther sagt, die Kraft, Christus zu treiben. Jesus Christus ist der Maßstab,
an dem die alttestamentlichen heiligen Bücher gemessen werden müssen. Zugleich
aber bestimmen Christus selbst und seine apostolischen Zeugen, inwieweit diese Bücher
auf Christus hinführen. In diesem Rahmen kann das kirchliche Lehramt die
Christusqualität der alttestamentlichen Schriften feststellen, nicht ohne
Verwertung der exegetisch-wissenschaftlichen Ergebnisse.
Weder
für das Alte noch für das Neue Testament kann man die Regel aufstellen, daß
der inspirierte Charakter aus der spirituellen Wirksamkeit einer Schrift allein
zu erkennen sei, wenngleich diese nicht fehlen wird. Maßgebend ist indes immer
die lebendige Überlieferung der Kirche.
In
der alten Kirche hat man die Begründung der Inspiration auf die Formel
gebracht, daß die Verfasser der Heiligen Schriften prophetisch begabt sind.
Auch nach Thomas von Aquin ist die Inspiration ein Moment der Prophetie, Eine
Schwierigkeit mag es sein. daß manche Verfasser neutestamentlicher Schriften
nicht dem Apostelkreis im eigentlichen Sinne angehören. Von Paulus allerdings
muß man die Zugehörigkeit behaupten. Aber so bedeutende Hagiographen wie
Markus und Lukas waren keine Apostel. Altkirchliche Theologen wie Eirenaios,
Klemens von Alexandrien und Tertullian weisen für die Autorität des Markus und
des Lukas auf deren Abhängigkeit von Petrus und
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Paulus
und die enge Verbundenheit mit diesen hin. So kommt man zu dem Ergebnis, daß
die Verfasser in Ausübung des ihnen direkt oder indirekt von Christus übertragenen
Amtes, wenn auch nicht in seinem formellen Auftrag, geschrieben haben. Der
normative Charakter der Hagiographen geht also letztlich auf Christus zurück.
Für den Gesamtvorgang ist wichtig, daß die Kirche selbst vom Heiligen Geiste erfüllt ist und in das wahre Verständnis Jesu Christi eingeführt wird. Er ist der verborgene Ausleger Jesu Christi. Was er in dieser Auslegungsfunktion zutage bringt, erhält seine greifbar-geschichtliche Gestalt im Worte der Verkündigung. Es wäre sonderbar, wenn er in dem geschriebenen Worte dieser Verkündigung nicht ebenfalls, ja nicht in besonderer Weise, wirksam wäre. Wenn das Wort auch auf jeden Fall auf die Begegnung zwischen dem Verkünder und dem Hörer zielt und sich darin sein Sinn erfüllt, so hat das geschriebene Wort dennoch eine hohe, ja bis zu einem gewissen Grade dem gesprochenen Worte übergeordnete Valenz. Denn in ihm wird das ursprüngliche, für immer maßgebende Wort der apostolischen Verkündigung für alle kommenden Zeiten zuverlässig aufbewahrt, so daß es dem Gedächtnis nie mehr entschwinden und für jede kommende Generation in ihrem ursprünglichen normierenden Sinn aktualisiert werden kann.
c) Kirchliche Lehre
Die
als kanonisch erklärten Schriften wurden von der Kirche nur deshalb als
kanonisch erklärt, weil sie vom Heiligen Geist inspiriert sind. Es gibt für
die Aufnahme in den Kanon keinen anderen Grund als die Inspiration durch den
Heiligen Geist.
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Die
Kirche hat sich zu der Tatsache der Inspiration mehrfach geäußert. Der
grundlegende Text stammt aus dem Ersten Vaticanum. Er lautet: »Die in den Kanon
aufgenommenen Bücher sind nicht deshalb für heilig und kanonisch zu halten,
weil sie, mit nur menschlicher Umsicht geschrieben, nachträglich die kirchliche
Bestätigung erhielten, auch nicht deshalb, weil sie die Offenbarung ohne Irrtum
enthalten, sondern weil sie, unter der Eingebung des Heiligen Geistes
geschrieben, Gott zum Urheber haben, und als solche der Kirche übergeben worden
sind« (DS 3006; 3029; ebenso Leo XIll., Enz. Providentissimus Deus, 1893; DS
3293; Benedikt XV„ Enz. Spiritus
Paraclitus, 1920; DS 3652; Pius XI)., Enz. Divino
afflante Spiritu, 1943; DS 3825; Konzil von Trient, DS 1504,783; 1.
Vatikanisches Konzil, 1869).
In
ausführlicher Weise und in Übereinstimmung und zugleich Weiterführung des l.
Vat. Konzils hat entsprechend den Ergebnissen der heutigen theologischen
Wissenschaft das Zweite Vatikanische Konzil das Problem behandelt (VD 11-13).
»Da
also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom
Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu
bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott
um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte.«
Daher »ist jede Schrift, von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur
Beweisführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit
der Gott gehörige Mensch bereit ist, wohlgerüstet, zu jedem guten Werk (2 Tim
3,16f)«.
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d) Die Schrift als konstitutives Element der Kirche
Wenn
der Heilige Geist in der Christusverkündigung der apostolischen Zeit der maßgebende
Interpret Jesu Christi war, so mußte bei der Bedeutung der schriftlichen
Fixierung dieser Christus-Verkündigung seine Auslegefunktion gerade in der
Schriftwerdung des Christuszeugnisses — wie eben gesagt — in besonderer
Weise wirksam sein. Die Urkirche soll nach Gottes Willen Quelle und Norm der
Glaubensverkündigung für den gesamten Ablauf der Geschichte bleiben. Das
Medium hierfür ist der schriftliche Niederschlag des Glaubensbewußtseins der
apostolischen Kirche. Die schriftliche Objektivierung ist von Gott selbst als maßgebende
Norm und als entscheidende Hilfe für die spätere Glaubensverkündigung
gewollt. Die heiligen Bücher sind daher entstanden als gottgewolltes,
konstitutives Element der von Gott durch Christus gegründeten Kirche, eben als
Objektivierung des Glaubensbewußtseins der apostolischen Kirche als der immerwährenden
Grundlage des kirchlichen Lebens und Glaubens. Die schriftlichen
Objektivierungen der Christusbotschaft sind die bleibenden Verdichtungen des
kirchlichen Kerygmas.
e)
Die Hagiographen und die Gemeinde
Zu
beachten ist, daß die Verfasser solcher schriftlicher Fixierungen zwar als
Individuen geschrieben haben, daß sich aber in ihnen die Gemeinde selbst repräsentierte.
Man darf sagen, daß jeder Christ die Kirche darstellt, daß dies aber nicht
jeder in gleicher Weise tut. Jene Träger der Christusbotschaft im apostolischen
Zeitalter, welche schriftlich niederlegten, was sie verkündigten, müssen wir
zu den maßgebenden
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Repräsentanten
der Kirche rechnen. Hinter ihnen steht die Gemeinde, der sie zugehören, mit der
Lebendigkeit und Interessiertheit ihres Christusglaubens. So kann man das Werk
des einzelnen als Objektivierung des Gemeindeglaubens verstehen, ohne daß das
Geschriebene aufhört, die Leistung des einzelnen zu sein.
f) Gott und Mensch in der Inspiration
Hierbei
ist noch ein Sachverhalt zu beachten. Was uns in den Heiligen Schriften
begegnet, ist zunächst die Objektivierung des Christusglaubens und des
Christusverständnisses in der Kirche bzw. in der Gemeinde. Es drückt sich
jedoch darin auch das Wort Gottes selbst aus, denn dieses ist in die
Glaubensantwort der Kirche an Gott eingegangen und ist in ihr wirksam. Dabei
darf, wie sogleich noch genauer dargestellt werden soll, nicht vergessen werden,
daß das Wort Gottes, welches in die Glaubensantwort der Menschen eingeht, immer
größer ist als diese. Die Antwort der Menschen bleibt immer hinter der Fülle
und der Kraft des Gottesgeheimnisses zurück.
Man
hat (vom 4. Jahrhundert an vor allem zur Verteidigung des Alten Testamentes
gegen die manichäische Irrlehre vom dämonischen Ursprung des Alten Testaments)
den Heiligen Geist auf Grund seiner Einflußnahme auf die Abfassung Heiliger
Schriften deren »Autor« genannt. Der menschliche Schriftsteller erscheint in
dieser Terminologie als »Werkzeug« des Heiligen Geistes. So ergibt sich
zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Autor jenes Verhältnis, welches
in der scholastischen Theologie durch die Ausdrücke von der Hauptursache und
der Sekundärursache dargestellt wird. Für ein sachgetreues Ver-
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ständnis
der Inspiration ist es entscheidend, den Begriff von der Haupt- bzw.
Instrumentalursache richtig zu interpretieren. Das Wort »Ursache« ist mißverständlich.
Denn es bringt die Subjektivität und Verantwortung und Freiheit des Autors
nicht zum Ausdruck. In dieser Terminologie ist zu beachten, daß die Worte »Hauptursache«
und »Instrumentalursache« analog zu verstehen sind, daß insbesondere der
menschliche Autor nicht als Sekretär für ein himmlisches Diktat fungiert. Eine
solche Vorstellung führt, wie wir an der Reformationstheologie sehen können,
zu einer beinahe mechanisch vorgestellten Verbalinspiration. Wenn auch das
Konzil von Trient (OS 1501) vom »diktieren« spricht, so fehlt doch der analoge
Hintergrund nicht. Sowohl aus der Analyse der menschlichen »Instrumentalursache«
als einer menschlichen, als auch aus den Ergebnissen der historisch-kritischen
Methode ergibt sich, in welch hohem Maße der menschliche Autor beteiligt ist,
so sehr, daß manche Forscher dazu veranlaßt wurden, die Heiligen Schriften in
die religiöse Literatur des Altertums als Dokumente von besonderer, religiöser
Qualität einzuordnen.
Zu
einem echten Verständnis dessen, was hier unter »Instrumentalursache«
verstanden werden muß, ist zu beachten, daß der Mensch seine Spontaneität,
seine Initiative, seine persönliche Eigenart, seine sprachliche Begabung und
Begrenztheit, seine soziale Einordnung, ja, seinen gesamten kulturellen
Horizont, die Bedürfnisse der Situation in das Spiel bringt und zwar in dem Maße,
daß das von ihm verfaßte Werk wirklich sein Werk ist und alle Eigenarten
seiner Individualität an sich trägt. Ein inspiriertes Buch ist in vollem
Umfange das Werk Gottes und in vollem Umfange das Werk des menschlichen
Verfassers. Jeder wirkt dabei gemäß seiner Eigenart, Gott als Gott, der Mensch
als
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Geschöpf.
Es wäre naiv, ein solches Werk als Gemeinschaftsleistung von Gott und Mensch
kennzeichnen zu wollen. Wir stehen hier letztlich vor dem undurchdringlichen
Geheimnis, welches in dem Zusammenwirken von Gott und Mensch liegt.