10. Kapitel
Hören
und Schauen
Wir
kommen zu einer anderen Voraussetzung für das Verständnis des Wortes. So
wichtig nämlich das Wort auch ist, so darf man seine Bedeutung doch nicht
einseitig sehen. Die letzte Verheißung, welche dem Menschen gegeben ist,
bezieht sich auf die Schau Gottes, das heißt auf die Schau des absoluten Seins,
welches die absolute Liebe, in der Gestalt des ewigen Gesprächs selbst ist.
Diese Schau ist natürlich nicht zu verstehen als ein bewunderndes Hinblicken
auf die immer gleiche Herrlichkeit Gottes. Sie vollzieht sich vielmehr in einem
lebendigen Austausch mit dem sich dem Menschen unmittelbar erschließenden und
schenkenden Gott. So wird auch sie zu jenem Lebensvollzug, den wir mit dem Worte
Gespräch ausdrücken können. Es war für Augustinus und für Bonaventura ein
entscheidender Vorgang in der Menschwerdung des Wortes Gottes, daß das Wort
nicht bloß hörbar, sondern sichtbar wurde. Wenn dem Worte im allgemeinen auch
mehr das Hören als das Sehen zugeordnet ist, so ist doch das menschgewordene
Wort des Vaters gerade dadurch von allen anderen Worten unterschieden, daß es hörbar
und sichtbar zugleich ist. Es gehört zur Grundlegung der christlichen
Heilsbotschaft, daß der menschgewordene Gott in unserer Geschichte sichtbar
wurde und als Sichtbarer das Gespräch mit den Menschen aufgenommen hat. Diese
Sichtbarkeit ist durch die Hörbarkeit des Gotteswortes keineswegs überflüssig
geworden. Denn der Mensch ist darauf
hingeordnet, zu sehen und zu hören, nicht nur zu hören. Es wäre ein zu hoher
Preis, wenn das
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Hören
Gottes mit dem Verluste der Schau Gottes erkauft werden müßte.
Es
ist sehr fraglich, ob man von dem Hören des Wortes eine größere Geistigkeit
behaupten kann als von dem Sehen. Für die Entscheidung dieser Frage ist es
wichtig, jeweils zu prüfen, was unter Hören und Schauen verstanden wird. Wenn
nur der sinnenhafte Vorgang gemeint ist, dann dürften beide Wahrnehmungsmodi
auf der gleichen Rangstufe stehen, insofern sich der Mensch der vielgestaltigen
Welt mit seinen Sinnen in je verschiedener Weise zuwendet. Wenn Hören und Sehen
als geistige, durch die Sinne vermittelte Tätigkeiten verstanden werden,
scheinen sie erst recht auf dem gleichen Rangniveau zu stehen. Es ist indes auf
jeden Fall beachtenswert, daß nicht das Hören, sondern das Schauen Gottes als
letzte Zukunft verheißen ist, daß also die unmittelbare göttliche
SelbstmitteiIung an die Schöpfung im Bilde des Schauens dargestellt wird. Eine
genauere Analyse zeitigt das Ergebnis, daß diese Schau nichts anderes als ein
Austausch ist, der sich in einem erfüllenden und stets wachsenden Dialog
zwischen Gott und der Schöpfung vollziehen wird. Nach dem Zeugnis der Schrift
haben sich denn auch diejenigen, die von Gott in besonderer Weise berührt
werden, nach der Schau Gottes ausgestreckt. Es soll an die früher (S. 54) erwähnte
Meinung des evang. W. Pannenberg erinnert werden, daß der Mensch im Hören mehr
in Gefahr steht, seine Souveränität einzubüßen als im Sehen.
Vielfach
war auch die göttliche Selbsterschließung
im Wort, etwa bei den Propheten, mit einer Schau verbunden. Mit Mose hat Gott »von
Angesicht zu Angesicht« aus dem Feuer heraus geredet (Dtn 5,4). Hier wird
zugleich deutlich, daß die Schau Gottes innerhalb der Geschichte keine
unmittelbare, sondern nur
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eine
mittelbare sein kann. Das dürfte der Grund
sein, warum bei der Berufung der Propheten die Schau mehr und mehr zugunsten des
Wortes allein zurücktrat. Dem Verhältnis des Menschen zu Gott innerhalb der
Geschichte entspricht es, auf Gott zu hören.
Man
darf für das Phänomen der Offenbarung Gottes im Worte auch auf die menschliche
Erfahrung hinweisen, daß der Mensch im Akte des Schauens in höherem Maße
seiner selbst mächtig ist, als im Akte des Hörens. Im Akte des Schauens kann
er sich gewissermaßen seines Gegenstandes in eigener Initiative bemächtigen.
Er kann auch, wenn ihm ein Gegenstand zuwider ist, die Augen schließen oder an
ihm vorbeischauen. Des Hörens hingegen ist der Mensch nur fähig, wenn ein
Redender zu ihm spricht. Er ist also im Akte des Hörens davon abhängig, daß
ein Wort gesprochen wird. Gegenüber einem ihm lästigen Wort kann er auch nicht
das Ohr verschließen, wie er das Auge gegenüber einem lästigen Gegenstand
verschließen kann. Wenn sich Gott im Wort dem Menschen zuwendet, drückt sich
das Verhältnis des Schöpfers zum Geschöpf, wie es innerhalb der Geschichte
besteht, in einer besonders eindringlichen Weise aus.
Dabei
darf nicht vergessen werden, daß in der eschatologischen Vollendung Gott sich
dem Menschen unmittelbar und unverhüllt darbietet, ohne sein Geheimnis aufgeben
zu können. Diese Gottesschau ist von einer unsagbaren Dynamik, die sich
ihrerseits wieder im Gespräch vollzieht. Sie ist nur möglich, wenn sich Gott
selbst unmittelbar dem Geschöpf darbietet. Dies wird erst in der endgültigen
Zukunft geschehen. Darauf ist alles Hören hingeordnet. In jener zukünftigen
Erfüllung werden Hören und Schauen in eins zusammenfallen.
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