9. Kapitel
Heilige Schrift und Wort Gottes
a)
Gottes Wort im Schriftwort
Die
Dialektik zwischen göttlicher und menschlicher Verfasserschaft führt uns zu
dem Problem, ob bei der eben beschriebenen Sachlage die Heilige Schrift noch
Wort Gottes genannt werden kann. Die Antwort darauf kann nur in einer
differenzierten Weise gegeben werden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat wie
schon erwähnt eine zweigestufte Antwort geboten. Einmal sagt es nämlich, daß
die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, Dies bedeutet offenbar, daß das
Wort Gottes mit der Heiligen Schrift nicht einfachhin identisch ist. Auf der
anderen Seite jedoch erklärt das gleiche Konzil, daß die Heilige Schrift das
Wort Gottes ist. Offensichtlich sind für diese dialektische Lösung
verschiedene Gesichtspunkte wirksam. Es läßt sich nicht leugnen, daß man die
Heilige Schrift nicht schlechthin mit dem Worte Gottes identifizieren kann. Denn
sie enthält Passagen, welche nicht Wort Gottes genannt werden können, die
vielmehr der Veranschaulichung, der Einwurzelung der Offenbarung in einem
bestimmten, kulturellen Zusammenhang dienen oder auch persönliche Verhältnisse
des Verfassers schildern. Man braucht sich nur an den Philemonbrief des Apostels
Paulus oder an seine persönlichen Ratschläge in anderen Briefen oder an die
Versicherung des Lukas zu erinnern, daß er für die Abfassung seines
Evangeliums alle erreichbaren Quellen benützt hat. Das inspirierte Schriftwort
geht also über das Offenbarungswort hinaus. Es bleibt zugleich und noch fol-
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genreicher
hinter ihm zurück. Denn es ist, wie wir schon hervorgehoben haben, das
geschriebene Zeugnis der Apostel und der apostolischen Kirche für das Wort
Gottes. Das Wort Gottes selbst ist daher die hohe Instanz, auf welche die
Schrift immerfort verweist und verwiesen bleibt. Sie enthält das Bezeugte in
sich, das immer größer ist als das Zeugnis. Die schriftliche Form des Kerygmas
ist ähnlich wie das mündliche Kerygma die Selbstoffenbarung des auferstandenen
Christus, welches in das Zeugnis der Zeugen eingegangen ist. So besteht ein
Insein der Offenbarung im menschlichen Schriftwort (K. H. Schelkle, Wort und
Schrift, Düsseldorf 1966).
Aus
diesem Grunde ist auch die von manchen evangelischen Theologen geäußerte Befürchtung
hinfällig, daß die Anwesenheit des Gotteswortes im Schriftwort zu einer
Herrschaft des Menschenwortes über das Gotteswort führe. So wenig dies von der
mündlichen Verkündigung gesagt werden kann, so wenig kann es von der
schriftlichen Fixierung gesagt werden. Auch bei der letzteren bleibt Gott selbst
der Herr seines Wortes. Das Schriftwort steht im Dienste des Gotteswortes.
Es
sei eine aufschlußreiche Äußerung von L. Scheffczyk (vgl. S. 86) zitiert
(224); »Für die Realität des Verhältnisses von Gotteswort und Menschenwort läßt
sich ableiten, daß weder der einzelne noch die Kirche über die wahre Macht des
Wortes Gottes verfügen können, wenn sie dieses Wort in der endlichen Form
eines Menschenwortes haben. Das Gotteswort, obgleich wirklich im Menschenwort
anwesend, bleibt dann immer das Uneinholbare und Unausschöpfbare, in das hinein
man wie in einen unermeßlichen Raum weiterschreiten muß, selbst wenn man in
ihm steht und einen Bezirk von ihm innehat. . . Diese Inkom-
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mensurabilität
hängt nicht nur an der Unvollkommenheit und Schwäche des menschlichen
Zeugnisses und Ausdrucks. Sie ist im Wesen Gottes und seines vollkommenen
Offenbarungswortes begründet, das auch dem vollkommensten menschlichen Wort nur
inadäquat ausdrückbar bleibt.«
b)
Das Schriftwort als Gottes Wort
In
einem anderen Sinne kann man auch behaupten, daß die Heilige Schrift das Wort
Gottes ist, und zwar deshalb, weil sie vom Heiligen Geist inspiriert ist und
sich daher der Heilige Geist im Menschenworte der Schrift ausdrückt und
darstellt. Diese These hat natürlich nichts zu tun mit der altprotestantischen
Verbalinspiration. Der Heilige Geist schenkt sich vielmehr als ungeschaffene
Gnade dem menschlichen Geist und eröffnet so diesem neue Einsichten und
Erkenntnisse, welche im Schriftwort zum Ausdruck kommen. Da sich in den
Menschenworten, welche ihre volle menschliche Eigenart bewahren, der Heilige
Geist selbst durchsetzt und zur Aussage bringt, ist er zugleich das redende
Subjekt. Man kann noch weiter zurückgehen. Der Heilige Geist ist von Jesus
Christus gesandt. Paulus erweckt gelegentlich den Eindruck, daß der von
Christus gesandte Heilige Geist mit dem erhöhten Herrn selbst (wenn auch nur
dynamisch) identisch ist. Wenngleich eine solche gelegentlich vorgenommene
Identifizierung nicht der Lehre des Apostels allseitig entspricht, so zeigt sie
doch, daß im Geiste Christus selbst wirkt. So kommt man zu dem Ergebnis, daß
die Schrift nicht nur ein Wort über Christus, sondern das Wort des erhöhten
Christus über sich selbst ist, daß er also im menschlichen Subjekt selbst
redendes Subjekt ist. So ist es verständlich, daß
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uns
in der Heiligen Schrift immer wieder die Aufforderung begegnet, auch die
geschriebenen Worte bzw. das geschriebene Kerygma in den Gemeinden vorzulesen
(z. B. 1 Thess 1.25; 1 Kor 5,9; Kol 4.16; 2 Thess 2.2.15; 2 Kor 10,11 f; 1 Tim
3,14 f; 1 Petr 5,12; Hebr 13,22; Joh 20,30 f; 21,24; Offb 1,3; 22,7.9 f; 18).