13. Kapitel

 

Gotteswort und Menschenwort

 

Hier erheben sich zwei schwerwiegende Fragen. Die eine lautet: Wodurch wird das Wort als Wort Gottes konstituiert, wenngleich es phänomenal ein Menschenwort ist? Die zweite lautet: Wie kann ein menschliches Wort als Gottes Wort erkannt werden?

a) Konstitution des Wortes Gottes

Wir wenden uns der ersten Frage zu. Man könnte auf sie folgende Antwort versuchen: In der Sprache stellt sich der Mensch selbst dar. Das Wort ist Ausdruck des Menschen. Es kommt oder kann kommen aus seiner menschlichen Mitte. Insofern der Mensch selbst Geschöpf ist, dies aber heißt, insofern er in seiner Existenz und in seinem Handeln immerfort von Gott gewirkt ist, ist er Ausdruck und Erscheinung Gottes. Die Schrift nennt ihn geradezu Bild Gottes. Unter diesem Aspekt ist auch das Wort, der Selbstausdruck des Menschen, indirekt Ausdruck Gottes und in diesem Sinne Wort Gottes. Wenn man so argumentiert, ist allerdings jedes menschliche Wort zugleich Gottes Wort. Insbesondere gilt dies von jenem menschlichen Wort, in welchem der Mensch den transzendenten Horizont seiner Existenz, nämlich das unsägliche Geheimnis, welches wir Gott nennen, aussagt.

Mit dem Ausdruck »Wort Gottes« in unserem Zusammenhang meinen wir jedoch nicht die natürliche Gotteserkenntnis, sondern die nur dem Glauben zugängliche Selbsterschließung Gottes, welche in Christus ihren innerweltlichen und daher vorläufigen Hö-

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hepunkt erreicht hat, also jene Rede Gottes, in welcher er sich uns selbst zum Lebensaustausch zusagt. Dieses Wort Gottes kann nur, um einen Gedankengang K. Rahners zu verwenden, dann vom Menschen aufgenommen werden, wenn Gott selbst in einem schöpferischen Tun die Aufnahmefähigkeit des Menschen schafft, wenn er ihm also eine innere gnadenhafte Erleuchtung gewährt. Gott autorisiert in solchen Fällen den Menschen nicht nur, über ihn verbindlich zu sprechen. Er konstituiert vielmehr das vom Menschen gesprochene Wort als gnadenhaft beteiligter Partner mit. Gott, und zwar Gott als die erste göttliche Person, wird so (durch seinen Logos im Heiligen Geiste) der letzte Ursprung, aus dem das menschliche Wort göttlicher Offenbarung hervorkommt. Die Funktion, in der Gott das Wort mitkonstituiert, gibt diesem den Charakter eines Wortes Gottes.

Hier eröffnet sich allerdings eine neue Problematik. Es ist die Antinomie vom Zusammenwirken Gottes und des Menschen. Man kann sie durch die ganze Theologie und ihre Geschichte hindurch verfolgen, ohne sie jemals befriedigend lösen zu können. Einsei-tige Antworten wären es, wenn man das Tun Gott allein oder dem Menschen allein zuschreiben wollte. Ebenso wäre es verkehrt, wenn man Gott eine partielle Wirksamkeit und dem Menschen eine andere partielle Wirksamkeit zuteilen wollte. Man muß vielmehr sagen, daß jeweils das Ganze von Gott gewirkt ist und das Ganze vom Menschen, in jeweils verschiedener, dem Wirkenden gemäßer Weise.

Der Mensch, welcher das von Gott als der ungeschaffenen Gnade mitkonstituierte Wort spricht, erfährt sich selbst als ein von Gott Angesprochener, eben durch die gnadenhafte Berührung, welche ihm zuteil wird. Er redet also aus der Erfahrung Gottes

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bzw. des transzendenten Horizontes, welcher im menschlichen Wort raum-zeitliche, konkrete Erscheinung gewinnt. Auf Grund dieser Gotteserfahrung bezieht er die ihm zuteil gewordene Mitteilung eben wieder auf Gott. Das Wort Gottes ist nach diesen Analysen in einer dreifachen Weise von Gott bestimmt. Gott ist sein Urgrund, er ist sein Inhalt, er ist sein mitkonstituierendes Subjekt.

b) Erkenntnis des Wortes Gottes als Gottes Wort

Das Wort, welches der einzelne Mensch als Wort Gottes empfängt, ist im allgemeinen nicht für ihn allein, sondern für eine Gemeinschaft bestimmt. Damit diese das Wort des einzelnen als Wort Gottes zu verstehen und anzunehmen vermag, bedarf es neuerdings der inneren Erleuchtung und Erhellung von seiten Gottes. Die Haltung, in welcher sowohl der erste Empfänger als auch die durch diesen Angesprochenen das Wort Gottes annehmen, ist nicht die Einsicht in seine inhaltliche Richtigkeit, sondern das Offensein, das Bereitsein für Gott, der Glaube. Unter dem Glauben ist dabei zu verstehen jene menschliche Antwort an Gott, in welcher sich der Mensch vertrauend dem Gott anheimgibt, welcher sich ihm als das unergründliche Geheimnis gnädig zusagt.

Mit dieser These sind wir schon bei der Frage angelangt, wie der Hörer des Wortes zu erkennen vermag, daß ein vom Menschen gesprochenes Wort als Gottes Wort zu beurteilen und daher anzunehmen ist, ob er nicht fürchten muß, daß ein Prophet, der behauptet, ein Wort Gottes zu bieten, dies in einer unzutreffenden Weise proklamiert, daß er es mindert oder fälscht, daß er eigene Phantasien hinzufügt oder sogar nur eigene Projektionen und Objektivierungen anbietet.

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Die von Gott geschenkte innere Erleuchtung kann von solchen Fragen nicht dispensieren.

Für die Lösung des Problems soll folgendes angeführt werden. Zunächst kann nicht bestritten werden, daß kein Mensch das ihm zuteil gewordene Wort Gottes in einer adäquaten Weise wiederzugeben imstande ist. Denn das unsagbare Geheimnis, das Gott ist, lebt auch in jedem Tun Gottes und kann daher nicht adäquat in menschliche Begriffe oder Worte eingefangen werden. Auch die Verkündigung der Offenbarungsträger hat den Charakter der theologia negativa.

In positiver Hinsicht bietet die Berufung des Propheten durch Jahwe objektiv die Gewähr, daß der von Gott in Anspruch genommene Prophet kein Falschprophet ist. Der Prophet wird in der Berufung, nicht selten gegen seine eigenen ursprünglichen Lebenspläne und Lebenserwartungen, von Gott ausgesondert und in seiner ganzen Existenz für den Dienst Gottes beschlagnahmt. Er wird von Gott für sein schweres Amt auch ausgerüstet und bereitet (Jes 6,6; Jer 1,9; Ez 3,8 f), Jahwe bleibt selbst immer bei ihm und gewährt ihm Licht und Hilfe (Jes 8,10; Jer 1,8.18; Ez 3,8 f). Jahwe lebt als Gott »für ihn«.

 

 

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