2.Gottes Einwirkung auf den Menschen

Wesentlich ist, daß der von einer göttlichen Selbstmitteilung getroffene Mensch das, was ihm zuteil wird, als Gottes Mitteilung erfaßt und interpretiert. Es ist unter den Theologen darüber diskutiert worden, ob sich Gottes Selbsterschließung in äußeren, sichtbaren Phänomenen oder bloß in Akten innerer Erleuchtung vollzieht. Im allgemeinen wird man wohl diesen zweiten Modus annehmen müssen. In der Regel jedoch verbinden sich die beiden modi, insofern äußere Phänomene Bestätigung innerer Erfahrung sind. So bildet sich ein geistig-sinnliches Erlebnis. Gott wirkt danach auf den menschlichen Geist und das menschliche Gemüt, also auf den ganzen Menschen mit allen seinen menschlichen Fähigkeiten. Er gibt ihm dabei nicht nur innere Existenzstöße, sondern auch inhaltliche Kenntnisse. Was der so von Gott erreichte Mensch in seinem Innern erfährt, übersetzt er entsprechend seiner persönlichen Eigenart, seinem Temperament, seiner Vorstellungswelt, seiner Erkenntnisfähigkeit, seiner Sprachbegabung, seinem Bilderreichtum, seiner kulturellen Situation, seiner politischen Urteilskraft, insgesamt also gemäß seinem Seinsverständnis in eine bestimmte Wort- oder Bildersprache. So erfolgt der Vorstoß Gottes durch das Medium des Menschen hindurch in die Welt hinein. Die Bilder und Vorstellungen, deren sich der Empfänger göttlicher Selbstmitteilungen bedient, entstammen naturgemäß nicht nur seiner individuellen Art, sondern auch seiner gesellschaftlichen Verflochtenheit. Dies aber kann auch ge- 

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schehen in der im mythischen Denken befangenen Umwelt. So kann die göttliche Selbstmitteilung in Gestalt mythischer Bilder zum Ausdruck kommen. Sie wird dadurch selbst keineswegs ein Mythos. Denn dieser besteht nicht in einer Verwendung mythischer Bilder, sondern in einer dramatischen Handlung, durch welche ihre Träger ihre Gottesahnungen und ihre Erlösungshoffnungen darstellen.

Was die Gestalt des eine göttliche Offenbarung ausdrückenden Wortes betrifft, so kann es eine Lehraussage, ein Anruf, ein Aufruf, eine Lobpreisung, eine Warnung, eine Drohung, eine Strafverfügung oder eine Verheißung sein. Die Gestalt der Verheißung begreift alle anderen Wortgestalten in sich, wie auch diese selbst untereinander zusammenhängen.

Unsere Überlegung führt zu dem Ergebnis, daß die göttliche Offenbarung stets eine Synthese von göttlicher Initiative und menschlicher Antwort ist. Eine Offenbarung, welche nicht die Antwort des Menschen hervorrufen würde, wäre ein göttlicher Ruf in den leeren Raum. Sie wäre also widersinnig und daher widergöttlich. In der Offenbarung wird dem Menschen von Gott etwas gezeigt. Wenn niemand wäre, dem etwas gezeigt wird, so wäre der Akt des Zeigens leeres Spiel.

Wenn die göttliche Selbsterschließung ihre Integration erst in der menschlichen Antwort, sei es in der negativen, sei es in der positiven erfährt, bedeutet jede göttliche Offenbarung gewissermaßen eine Inkarnation Gottes in menschliche Worte und Bilder, und zwar jeweils in zeitgebundene, kulturbestimmte, ja politisch geprägte Bilder und Worte, die der betreffenden individuellen und kollektiven geschichtlichen Stufe entsprechen. Dies hat zur Folge, daß der göttliche Offenbarungsinhalt trotz seiner inhaltlichen Unwandelbarkeit auch in andere Worte und Bilder übersetzt 

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werden kann und muß, nicht derart, daß er bloß in eine andere Grammatik und in ein anderes Vokabular übertragen wird, sondern in andere Denkweisen und Denkformen. So kann zum Beispiel die im Nahen Orient gewährte göttliche Offenbarung auch in die Denkweise Europas oder in die Denkformen Indiens oder Chinas umgesetzt werden. Die göttliche Offenbarung ist an kein Weltbild unlöslich gebunden. Jedes Weltbild kann als Ausdrucksgestalt dessen, was Gott in seiner Selbstmitteilung eröffnet hat, verwendet werden. So eng der Inhalt der göttlichen Selbsterschließung, also die Aussage Gottes an den Offenbarungsempfänger, mit der Aussageform des Empfängers verbunden ist, da beide ähnlich zusammengehören wie Seele und Leib, so Ist doch die eine Dimension mit der anderen nicht identisch und kann daher von ihr gelöst werden. Man darf dabei nicht verschweigen, daß eine solche Übersetzung nie adäquat gelingen wird. Sie wird jedoch immer in einem solchen Ausmaße möglich sein, daß der Kern unverkürzt und unverfälscht in einer neuen Gestalt erscheint.

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