2.
Kapitel
Die kirchliche Lehre über die Offenbarung Gottes
Die
Kirche äußerte sich, wenn auch nur knapp über die Selbsterschließung Gottes
auf den Vatikanischen Konzilien.
Die
Kirche wußte sich für die Erkennbarkeit Gottes durch die menschliche Vernunft
aus der Natur in so hohem Maße verantwortlich, daß sie auf dem Ersten Vat.
Konzil (1869/70) erklärte, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne
vermittels der geschaffenen Dinge durch das natürliche Licht der menschlichen
Vernunft mit Sicherheit erkannt werden (DS 3004). Diese Glaubensaussage hatte
eine lange Vorgeschichte. Sie war die Antwort auf zwei Einseitigkeiten. Auf der
einen Seite wurde durch verschiedene philosophische Systeme, sei es die
Erkennbarkeit, sei es geradezu die Existenz Gottes, geleugnet. Auf der anderen
Seite wurde, wiederum in einer tiefgreifenden Skepsis gegenüber der
menschlichen Vernunft, aber in um so größerer Gläubigkeit, die These
verfochten, daß Gott nur auf dem Wege der Belehrung und Erziehung erkannt
werden, daß also nur die Tradition das religiöse Bewußtsein begründen könne.
Das
Konzil ließ damals die Frage offen, auf welchem Wege die von ihm gelehrte Möglichkeit
der Gotteserkenntnis realisiert werden könne, ob auf dem Wege des »Beweises«
oder der Ahnung oder der Intuition oder des Postulates der praktischen Vernunft.
In dem Eid gegen den sogenannten Modernismus (1910) stand indes der Satz, daß
Gott, der Urgrund und das Endziel alter Dinge, mit dem natürlichen Lichte der
Vernunft durch das Geschaffene, d. h.
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durch
die sichtbaren Werke der Schöpfung wie die Ursache durch die Wirkung mit
Sicherheit erkannt und daher auch bewiesen werden könne (DS 3538; siehe auch
das Rundschreiben Pius' XI. »Studiorum Ducem« vom 29. Juni 1923 und das
Rundschreiben »Humani generis« Pius' XII. vom 10. August 1950 sowie die
Konstitution über die göttliche Offenbarung des Zweiten Vat. Konzils, Nr. 6).
Das
Konzil war indes realistisch genug, um die Frage der theoretischen Möglichkeit
von der Frage der lebendigen Verwirklichung zu trennen. Hinsichtlich der
Tatsachenfrage erklärt es nämlich; »Gleichwohl gefiel es Gottes Weisheit und
Güte, auf einem anderen, nämlich auf dem übernatürlichen Wege, sich selbst
und seine ewigen Willensratschlüsse dem menschlichen Geschlechte zu offenbaren
... Dieser göttlichen Offenbarung ist es zuzuschreiben, daß das, was
hinsichtlich der göttlichen Dinge der menschlichen Vernunft an sich zugänglich
ist, auch in der gegenwärtigen Lage des menschlichen Geschlechtes von allen
leicht, mit Sicherheit, ohne Beimischung des Irrtums erkannt werden kann. Man
darf indes die Offenbarung nicht als unbedingt notwendig bezeichnen. Sie ist nur
notwendig, weil Gott den Menschen in seiner unbegrenzten Güte zu einem übernatürlichen
Ziele, nämlich zur Teilnahme an seiner eigenen göttlichen Güte bestimmte,
welche die Einsicht des Menschen übersteigt« (DS 3005).
Es
ist beachtlich, daß das Erste Vat. Konzil zwar in dem zuletzt angeführten Text
den Ausdruck »Offenbarung« so gebraucht, als ob er nur der von ihm so
genannten »übernatürlichen« Offenbarung zukommen würde, daß aber auf der
anderen Seite das ganze hier in Frage stehende zweite Kapitel der dritten
Sitzung des Ersten Vatikanischen Konzils vom Jahre 1870 mit
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dem
Worte »Offenbarung« überschrieben wird. Das gleiche gilt von den »Canones«.
So entspricht es dem Geiste des Konzils, wenn man auch die Schöpfung selbst als
Anfang der göttlichen Offenbarung begreift. Wir werden sehen, daß sie von der
Schrift nicht nur als Vorspiel des göttlichen Heilshandelns, sondern selbst als
ein Heilsereignis verstanden wird. Es kann als solches auch übersehen werden.
Wenn nämlich die Schöpfung auch als Gottes Selbstdarstellung erkannt werden
kann, so bedarf der Mensch infolge »seines jetzigen Zustandes«, d. h. infolge
seiner Sündhaftigkeit und der darin begründeten Blindheit gegenüber Gott doch
eines besonderen Anstoßes, um die Präsenz des Gottesgeheimnisses in der Welt
nicht zu übersehen. Die Gründe, die ihn zu einer solchen Verkennung des
innersten und tiefsten Wettgeheimnisses verführen, sind mannigfach. Sie können
im Menschen selbst liegen. Sie liegen aber auch in der Schöpfung, nämlich in
der Verborgenheit Gottes einerseits und in der Unheilsgestalt der Welt
andererseits.
Gott
hat in seiner über die Schöpfung hinausgehenden Selbsterschließung in
Christus dem Menschen immer wieder den Impuls gegeben, sich als Geschöpf zu
interpretieren. Es ist zwar eine Unterschätzung dieser göttlichen, die Schöpfung
überbietenden Selbsterschließung, wenn R. Bultmann und andere sie auf die
Gewinnung des Selbstverständnisses des Menschen als eines Geschöpfes beschränkten.
Sie leistet derartiges zwar auch. Sie führt aber darüber hinaus, indem sie den
Menschen zu einer Selbstinterpretation und zu einem Existenzvollzug von Christus
her anstößt und befähigt und ihn zur Vergöttlichung führt, ihm also die
absolute Zukunft eröffnet.
Auch
wenn die vom Ersten Vatikanischen Konzil behauptete Erkennbarkeit Gottes mit den
natürlichen
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Kräften
des menschlichen Geistes nie realisiert wurde, ja nie realisiert zu werden
brauchte, da sich Gott von Anfang an den Menschen gnadenhaft mitteilte und sich
selbst zum beseligenden Austausch zusagte, hat die Lehre des Ersten Vaticanums
(Konst. über die Offenb. Nr.2. DS 3004ff, sowie Canones, DS 3026ff) eine
unabsehbare Tragweite. Denn durch sie wird deutlich, daß der Mensch vom Wesen
her für Gott offen ist, daß in ihm ein göttliches Existential als
konstitutives Element seiner selbst vorhanden ist und er daher die Fähigkeit
besitzt, Gott zu vernehmen und zu hören.
Besondere
Beachtung verdient es, daß das Konzil sowohl von der Selbstoffenbarung als auch
von der Offenbarung seiner ewigen Heilsratschlüsse spricht. Der Ton liegt
offensichtlich auf dem zweiten Moment.
Das
Zweite Vatikanische Konzil nimmt die Grundlehren des Ersten Vatikanischen
Konzils wieder auf. Es verklammert jedoch die von diesem gelehrte Offenbarung
Gottes in der Schöpfung stärker mit der Christusoffenbarung. Die erstere wird
als der Auftakt zur zweiten, die zweite als das Ziel der ersten geschildert. Die
erste ist um der zweiten willen geschehen. Zudem und vor allem wird der Akzent
auf die Selbsterschließung Gottes gelegt. Dadurch gewinnt die personhafte
Perspektive ein wesentlich größeres Gewicht. Der Text lautet (Konstitution über
die göttliche Offenbarung, Nr. 3f):
»Gott,
der durch das Wort alles erschafft (vgl. Joh 1,3) und erhält, gibt den Menschen
jederzeit in den geschaffenen Dingen Zeugnis von sich (vgl. Röm 1,19-20). Da er
aber den Weg übernatürlichen Heiles eröffnen wollte, hat er darüber hinaus
sich selbst schon am Anfang den Stammeltern kundgetan. Nach ihrem Fall hat er
sie wiederaufgerichtet in der Hoffnung auf das
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Heil,
indem er die Erlösung versprach (vg). Gen 3,15). Ohne Unterlaß hat er für das
Menschengeschlecht gesorgt, um allen das ewige Leben zu geben, die das Heil
suchen durch Ausdauer im guten Handeln (vgl. Rom 2,6-7). Später berief er
Abraham, um ihn zu einem großen Volk zu machen (vgl. Gen 12,2-3), das er dann
nach den Patriarchen durch Mose und die Propheten erzog, ihn allein als
lebendigen und wahren Gott, "als fürsorgenden Vater und gerechten Richter
anzuerkennen und auf den versprochenen Erlöser zu harren. So hat er dem
Evangelium den Weg durch die Zeiten bereitet.
Nachdem
Gott viele Male und auf viele Weisen durch die Propheten gesprochen hatte, hat
er zuletzt in diesen Tagen zu uns gesprochen im Sohn (Hebr 1,1-2). Er hat seinen
Sohn, das ewige Wort, das Licht aller Menschen, gesandt, damit er unter den
Menschen wohne und ihnen vom Innern Gottes Kunde bringe (vgl. Job 1,1-18). Jesus
Christus, das fleischgewordene Wort, als .Mensch zu den Menschen' gesandt,
.redet die Worte Gottes' (Joh 3,34) und vollendet das Heilswerk, dessen Durchführung
der Vater ihm aufgetragen hat (vgl. Joh 5,36; 17,4). Wer ihn sieht, sieht auch
den Vater (vgl. Joh 14,9). Er ist es, der durch sein ganzes Dasein und seine
ganze Erscheinung, durch Worte und Werke, durch Zeichen und Wunder, vor allem
aber durch seinen Tod und seine herrliche Auferstehung von den Toten, schließlich
durch die Sendung des Geistes der Wahrheit die Offenbarung erfüllt und abschließt
und durch göttliches Zeugnis bekräftigt, daß Gott mit uns ist, um uns aus der
Finsternis von Sünde und Tod zu befreien und zu ewigem Leben zu erwecken.
Daher
ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund, unüberholbar,
und es ist
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keine
neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung
unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit (vgl. 1 Tim 6,14 und Tit
2,13)«.
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