6.
ABSCHNITT
Die
bleibende Verborgenheit Gottes
Wir
können den Unterschied zwischen der jetzigen Form der in der Offenbarung Gottes
erschlossenen Teilnahme an seinem Leben und der zukünftigen Gestalt unserer
Teilnahme an seiner Herrlichkeit mit den Worten von Verborgenheit und Offenheit
ausdrücken. Luther lag insbesondere am Herzen, die auch durch die
Selbsterschließung Gottes auf keine Weise aufzuhebende Verborgenheit Gottes zu
betonen. Am meisten verbirgt sich der sich offenbarende Gott im Kreuzestode
Christi. Niemand käme von sich aus auf die Idee, daß Gott sich im Tode des
ewigen Sohnes am stärksten offenbart. Luther bezeichnet diese Offenbarung als
eine Offenbarung aus dem Gegensatz, als eine revelatio e contrario. Diesem
Gedanken wollen wir noch etwas genauer nachgehen. Wenn Gott überhaupt einen so
umständlichen und langwierigen Weg wählt, um mit den Menschen in einen endgültigen,
ewigen Dialog einzutreten, so mag der Grund darin liegen, daß er personhaft
ist, vor allem aber darin, daß er infolge seiner Transzendenz für jedes Geschöpf
verborgen ist, nicht in dem Sinn, daß er hinter einem Vorhang lebt, den wir
nicht wegziehen können, sondern so, daß seine Andersartigkeit mit den
menschlichen Wahrnehmungsorganen schlechterdings nicht unmittelbar erreicht
werden kann. Gott ist nicht nur unter einem bestimmten Aspekt, sondern in der
Ganzheit seiner Wirklichkeit ein unsägliches Geheimnis seiner Herrlichkeit.
Auch wenn er sich uns zeigt, wird uns sein Geheimnis nicht durchsichtig, gerade
nicht des-
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halb,
weil er uns etwas vorenthalten möchte, sondern weil es von seinem Wesen her unmöglich
ist, sich uns ganz zu erschließen. Er kann uns einen Blick auf das
verschleierte Geheimnis, das er ist, und in das Geheimnis hinein gewähren. Er
bleibt ein Geheimnis. Deshalb kann seine Selbsterschließung auch nicht
innerweltlichen Maßstäben unterworfen werden, selbst nicht in seiner
intensivsten Verwirklichung, auch nicht durch die Gottesoffenbarung in Jesus
Christus. Welche Funktion hier Wunder und Weissagungen haben, wollen wir etwas
später erörtern. Es wäre eine oberflächliche Vorstellung vom Geheimnis
Gottes, wenn man es mit einem Rätsel identifizieren wollte. Ein Rätsel läßt
sich von klugen und scharfsinnigen Menschen auflösen, das Geheimnis Gottes
nicht. Gottes Geheimnis ist prinzipiell undurchdringlich. Gott ist auch dem
Propheten Dt-Jesaias (45,15) ein verborgener Gott.
Den
Mystikern im Mittelalter ging es ähnlich wie Luther. Sie haben die
Verborgenheit Gottes in einer außerordentlichen, vielfach in einer
schreckhaften Weise empfunden, nämlich in jene Verborgenheit hinein, in die
Gott durch das Geschehen des Kreuzes gehüllt wurde.
Andererseits
freilich liegt im Menschen eine tiefe Sehnsucht, dieses Geheimnis, welches das
welttranszendente Innen der Welt ist, zu schauen. In allen Anstrengungen des
menschlichen Geistes und in seinen weltgestalterischen Bemühungen ist der
Mensch immer unterwegs zu dieser transzendenten Geheimnistiefe seiner selbst,
auch wenn er es nicht weiß, selbst dann, wenn er es nicht will. Der menschliche
Geist ist der Schau Gottes, des absoluten Seins, der Liebe selbst, oder wie
immer wir es benennen wollen, zugeordnet, um ein Wort des Thomas von Aquin zu
ge-
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brauchen,
ohne daß er mit dem Aufgebot aller seiner natürlichen Kräfte sie zu erreichen
vermag. Dem Menschen ist durch Gott eine unerfüllbare Aufgabe, eine
unerreichbare Hoffnung gestellt, welche trotz ihrer Unerfüllbarkeit erfüllt
werden kann und erfüllt werden muß, welche bewältigt werden muß, wenn der
Mensch zu seiner Wesenserfüllung, zu sich selbst kommen soll. Er lebt in der
Spannung, daß ihm zwar ein Ziel gesetzt ist, ohne dessen Gewinnung er nicht er
selbst werden kann, das er aber dennoch nicht zu verwirklichen vermag. In dieser
ausweglosen Dialektik trifft ihn die Verheißung, daß Gott ihm in Gnade gewähren
wird, wofür sein Wesen bestimmt ist.
Im
Alten Testament hat Mose gebeten, daß Gott ihm sein Antlitz zeige (Ex
33,18-23). Es wird ihm verweigert mit der Begründung, daß kein Mensch Gott
schauen und am Leben bleiben kann (Dtn 5,24-27). Nur den Rücken Gottes durfte
Mose ansehen.
Im
Neuen Testament hat Philippus die gleiche Bitte ausgesprochen (Joh 14,8). Auch
ihm wurde sie abgeschlagen. Er durfte jedoch hören, daß er den Vater, den er
sehen wollte, im Antlitz Jesu Christi sehen könne. Mit anderen Worten: Gott
kann von dem Menschen nie in seiner unverhüllten Wirklichkeit, sozusagen nie in
seiner eigenen, sondern immer nur in einer fremden Gestatt geschaut werden,
solange dieser in der Geschichte lebt. Auch dort, wo Gott sich intensiv zeigt,
kann er sich nur in den Brechungen des Geschöpfes zeigen. Die Schau des
unmittelbar sich darbietenden Gottesgeheimnisses ist die Heilsgabe der Zukunft.
Gerade sie begründet die Radikalität der Zukunft.
Die
innerhalb der menschlichen Geschichte erfolgende Selbsterschließung Gottes ist
der unmittelbaren Selbstmitteilung in der Zukunft zugeordnet. Diese
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ist
der letzte Sinn einer jeden innergeschichtlichen Selbstmitteilung Gottes. Mit
dem Blick auf die Zeichen der göttlichen Präsenz in der Geschichte vermögen
die Menschen in ihrer individuellen und kollektiven Existenz den Weg in die
absolute Zukunft trotz ihrer zahllosen Leiden und Qualen, Mühen und
Anstrengungen, Hemmungen und Rückschläge zuversichtlich zu durchschreiten.
Die
Dialektik der göttlichen Selbsterschließung, nach welcher sich Gott jeweils
nur in Verhüllung zeigt und zeigen kann, gewinnt wie gesagt ihre äußerste Schärfe
im Kreuzestode Jesu Christi (1 Kor 2,1-14). Als der Apostel Paulus das Kreuz
Christi predigte, insbesondere als er den hochkultivierten Griechen mit ihrer
Philosophie und Kunst den Gekreuzigten als den gottgesandten Retter verkündete,
litt er offensichtlich selbst schwer unter der Last des Gedankens, daß ein
Hingerichteter der verheißene Heilbringer sein soll. Er hat zeitlebens mit
diesem bedrückenden Ereignis gerungen. In seinem ersten Brief an die
Christengemeinde in Korinth hat er zugegeben, daß es für den mit Maßstäben
der Philosophie und des Alltagsverstandes Messenden eine Torheit ist, von einem
Gekreuzigten das Heil zu erhoffen. Aber sogleich kommt auch der Umschlag. Gerade
in dieser, dem Menschen als Torheit erscheinenden Weise der Offenbarung erfüllt
sich Gottes Weisheit. Nicht menschliche Weisheit soll den Menschen überwältigen
und faszinieren, sondern die von jeder Weltweisheit verschiedene und ihr
verborgene Gottesweisheit soll zur Entscheidung in Freiheit rufen. Der Mensch
ist allerdings hierzu nur fähig im Geiste Gottes. Der auf sich selbst
vertrauende und sich seiner rühmende Menschengeist kann den Gottesgeist in
seiner Weisheit nicht verstehen. Eine Lösung findet Paulus darin, daß der
unbegreifliche
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Kreuzestod
der Weg zum Leben wurde. Deshalb verkündet er mit geradezu inbrünstiger Sorge
und mit nachdrücklichster Entschiedenheit die Realität der Auferstehung
Christi. Die Texte, in denen Paulus die Lösung des schweren Ärgernisses von
Golgotha zu bringen versucht, sind so bewegend, daß es wohl angebracht ist, den
wichtigten Wortlaut anzuführen. Sie verdienen es, sehr sorgsam und bedächtig
und langsam gelesen zu werden.
Die
Sätze stehen im 1. Korintherbrief (15,1-8.12-19): »Ich erinnere euch aber, Brüder,
an das Evangelium, das ich euch verkündet habe, das ihr auch angenommen habt,
in dem ihr auch feststeht, durch das ihr auch gerettet werdet, wenn ihr das Wort
festhaltet, mit dem ich euch das Evangelium verkündet habe, es sei denn, ihr wäret
vergeblich gläubig geworden. Denn ich habe euch in erster Linie überliefert,
was ich auch überkommen habe, daß Christus gestorben ist für unsere Sünden
nach den Schriften, und daß er begraben wurde, und daß er auferweckt worden
ist am dritten Tage nach den Schriften, und daß er dem Kephas erschien, dann
den Zwölfen, darauf erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von
denen die meisten noch jetzt leben, einige aber entschlafen sind. Darauf
erschien er dem Jakobus, dann den Aposteln insgesamt. Zu allerletzt aber
erschien er, gleichwie der Fehlgeburt, auch mir.« Die Leugnung der Auferstehung
Christi hätte nach Paulus vernichtende Folgen. »Wenn aber Christus gepredigt
wird, daß er von den Toten auferweckt worden ist. wie mögen da unter euch
einige sagen, daß es eine Auferstehung der Toten nicht gibt? Wenn es aber eine
Auferstehung der Toten nicht gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden;
wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann (ist) kraftlos unsere
Predigt, kraftlos auch unser Glaube. Wir werden aber (in solchem Falle) auch als
Falschzeugen Gottes erfunden, weil wir bezeugt haben wider Gott, daß er
Christus auferweckt habe, den er (in Wirklichkeit) nicht erweckt hat, wenn
anders Tote nicht auferweckt werden. Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist
auch Christus nicht auferweckt worden; wenn aber Christus nicht auferweckt
worden ist, (ist) vergeblich unser Glaube, seid ihr noch in eueren Sünden.
Folglich sind auch die in Christus Entschlafenen verloren. Wenn wir allein in
diesem Leben auf Christus Hoffende sind, sind wir bemitleidenswerter als alle
Menschen.« Darauf folgt
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wie
eine Art Befreiung für den bis auf das äußerste angespannten Leser das
erneute Bekenntnis des Apostels: »Jetzt aber ist Christus von den Toten
auferweckt worden, Erstling der Entschlafenen« (1 Kor 15,20).
Paulus
kann aufatmen, wenn er die lichte Zukunft schaut. Ist sie keine Illusion? Daß
sie Wirklichkeit wird, bezeugt eben der Geist Gottes. »Wir haben nicht den
Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen,
was uns von Gott geschenkt worden ist« (1 Kor 2,12). Dieser Geist verbürgt, daß
die Hoffnung auf die Zukunft keine vage und unbestimmte Erwartung, keine Utopie
oder Ideologie, sondern wirklichkeitsgetreu ist. Auf der anderen Seite hat diese
Situation allerdings im Gefolge, daß das Christentum eine Angelegenheit der
Hoffnung, nicht des vollen Besitzes ist. Wir sind auf Hoffnung erlöst. Aber
gerade eine solche Hoffnung bringt Differenzierung unter die Menschen (Röm
8,24; 15.4; 2 Kor 3,12; Eph 2,12).
Einer
solchen Hoffnung kann indes nur teilhaftig werden, wer sich im Glauben den
absoluten Maßstäben Gottes öffnet und seine eigenen daranzugeben bereit ist.
Dies bedarf keiner geringen Anstrengung. Wenn auch der Tod auf Golgotha die höchste
Zuspitzung des Ärgernisses, nämlich der Offenheit Gottes in Verborgenheit
darstellt, so beginnt das Erregende doch schon in der Geschichtlichkeit des
Heilbringars Jesu überhaupt. Weit er Mensch in dem ganzen Umfang des
Menschlichen ist, ist er ein Kind seines Volkes, spricht dessen Sprache, lebt
nach seiner Art und betet seine Gebete. Wenn wir ihn in seiner Sprache verstehen
wollen, müssen wir sie erst mühsam erlernen. Er bewegt sich in einer Denkform,
welche von der abendländischen Denkweise verschieden ist, da diese mehr von der
Art der klassischen griechischen
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Denkform
bestimmt ist. Das Land, in welchem er lebte, war keines der großen Weltreiche.
Es war nicht die Stätte einer der glänzenden Kulturen der Antike. Für die römischen
Historiker gehörte Palästina zu den unbekanntesten Gebieten des augusteischen
Zeitalters. Es war auch kein besonders auffallender Vorgang, wenn in diesem
Lande ein Lehrer Jünger um sich sammelte. Denn die Rabbinen haben das Gleiche
getan. Man erwartete auch von ihnen, daß sie Wundertaten vollbrachten. Auch der
Kreuzestod hat Jesus nicht ein einmaliges Sonderschicksal zudiktiert. Denn die Römer
haben viele Hinrichtungen durch diesen ebenso grausamen wie schändlichen Tod
vorgenommen (H. Zimmermann). So ist in der Tat, wie Paulus sagt, die Art und
Weise, wie sich Gott den Menschen zeigt, ein Ärgernis und eine Torheit (1 Kor
1,23). Wenn Paulus selbst versichert, daß er sich des Kreuzes nicht schämt, so
spürt man deutlich, wie er sich gegen ein in ihm selbst sich erhebendes Gefühl
zur Wehr setzt. Daß das, was als Torheit erscheint, in Wahrheit die Weisheit
Gottes ist (1 Kor 1,25), wird nur jenem einsichtig, der sich in der Selbstüberantwortung
des Glaubens auf die Seite Gottes stellt, und von dieser aus das
Christusgeschehen beurteilt (s. H. Zimmermann, Neutestamentliche Methodenlehre,
Freiburg 1966. Derselbe, Offenbarung, Geschichte, Theologie, Bochum 1966).
Der
Verborgenheitscharakter der göttlichen Selbsterschließung drückt sich auch
aus, wenn nach dem Johanneischen Evangelium Jesus den Juden die Antwort
verweigerte, als sie ihn aufforderten, frei herauszusagen, ob er der Messias sei
(Joh 10,24-39). Sie dachten, er könne ihnen in einer unverhüllten, sachlich
nachprüfbaren Art seine messianische Würde beweisen. Wenn Jesus den von ihnen
geforderten öf-
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fentlichen
Selbstausweis ablehnt, tut er es nicht aus Opportunitätsgründen oder aus
Widerwilligkeit, sondern aus sachlicher Unmöglichkeit. Würde nämlich Christus
ein öffentliches, unmittelbares Selbstzeugnis geben, dann würde er sich dem Maßstab
der Öffentlichkeit unterwerfen, das heißt aber: einem der göttlichen
Offenbarung unangemessenen Maßstab. Der Inhalt der Offenbarung ist
innerweltlich eben gerade nicht kontrollierbar. Jesus beruft sich auf das
Zeugnis der Werke, die er im Namen seines Vaters tut. Aber gerade die Tatsache,
daß diese Werke im Namen des Vaters getan sind, daß sich in ihnen Gott
darstellt, kann nur im Glauben bejaht werden.
Der
Verhüllungscharakter der göttlichen Offenbarung würde übertrieben, wenn man
mit dem frühen Karl Barth einen Widerspruch zwischen unseren natürlichen
religiösen Vorstellungen und Begriffen einerseits und der göttlichen
Selbstmitteitung andererseits behauptete. Diese Ansicht würde dazu führen, daß
es überhaupt keine göttliche Offenbarung geben kann. Das von Barth angenommene
Paradox würde, falls man mit ihm völlig ernst macht, es dahinbringen, daß
wir, je sorgfältiger wir unsere Begriffe auf Gott anwenden, uns um so weiter
von ihm entfernen. Eine andere Form der Übertreibung wäre es, wenn man in der
göttlichen Offenbarung nur eine Chiffre sähe, die unsere Aufmerksamkeit weckt,
uns aber weiter nichts sagt.
Wir
kommen zu einem neuen Problemfeld. Wie hat es Gott angestellt, um sich in der
Geschichte den Menschen zu zeigen? Er hat eine doppelte Methode angewandt, die
sich allerdings als eine einzige unter zwei Aspekten erweist. Gott hat sich nämlich
uns gezeigt durch geschichtliches Handeln und durch geschichtliches Reden. Im
heilshaften Tun und im heilshaften Wort ist er hervorgetreten. Wir werden daher
in
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den
folgenden Ausführungen sowohl vom heilshaften Tun als auch von der
heilshaften Rede Gottes und von der unlöslichen Verbundenheit von Handeln
und Reden Gottes sprechen. Diese Synthese hat ihre höchste Verwirklichung
in Jesus Christus gefunden. Es muß noch eingehender erklärt werden, was
früher schon angedeutet wurde.
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