17. Kapitel
Die
Wirkfunktion des Gotteswortes
Wir
kommen zur zweiten Funktion des Wortes. Es hat nicht nur, ja nicht in erster
Linie, auslegende und belehrende, sondern handelnde Bedeutung. Das Wort Gottes
ist ein wirkendes Wort. Die Wirksamkeit fehlt ihm auch dort nicht, wo es
belehren will. Belehrung und Wirken verbinden sich im Worte Gottes zu einer unlöslichen
Einheit. Das Wort Gottes wirkt mit Macht. Diese Macht ist indes keine brutale
Gewalt, sondern geisterfüllte, erhellende Macht. Denn in dem Worte wirkt Gott
selbst. Dies ist leicht verständlich, wenn wir uns daran erinnern, daß Gott
das Wort mitkonstituiert. Der Wirkcharakter des Wortes tritt hervor, wenn in der
hebräischen Sprache für Wort und Geschehen der gleiche Ausdruck, nämlich dabar,
gebraucht wird (vgl. z. B. Gen 15,1). In der Apostelgeschichte (10,36) wird
gesagt, daß Gott sein »Wort« zu den Kindern Israels gesandt hat (vgl. Lk
2,15; 3,2). Mit dem Ausdruck »Wort« ist Jesus und sein Heilswerk gemeint. Die
Wirkkraft des Wortes wird etwa von Dt-Jesajas bezeugt, wenn er (45,23) Gott
sagen läßt: »Ich schwur einen Eid bei mir selbst; aus meinem Munde ging Heil
hervor, ein Wort, das nicht ohne Wirkung zurückkehrt.« Es sei auch noch einmal
an die früher angeführte Stelle Jeremias 1,10 erinnert. Wenn umgekehrt ein
Prophet im Namen des Herrn etwas ankündigt, was sich nicht erfüllt, so ist
dies ein sicheres Zeichen dafür, daß nicht der Herr gesprochen hat, sondern daß
der Prophet selber vermessentlich geredet hat (Dtn 18,22). Gott wirft sein Wort
geradezu in das Volk hinein, damit es geschichtsmächtig wird. Auch dort,
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wo
dem Wort Widerstand geleistet wird, erreicht es sein Ziel. »Denn lebendig ist
das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Es
dringt durch bis zur Trennung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark, und ist
ein Richter über die Gedanken und Gesinnungen des Herzens« (Hebr 4,12). Das
Wort vollzieht Gnade und Gericht an Israel (Jer 23,29; Deutero-Jes 50.2).
Der
Wirk- und Machtcharakter des Wortes drückt sich darin aus, daß es Geschichte
schafft. Es tritt nicht nur in einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte hervor.
Es läßt vielmehr aus seiner eigenen Dynamik Geschichte hervorgehen. Es ist
jeweils durch eine geschichtliche Situation bedingt und es treibt die Geschichte
weiter. Gott ist zwar nicht von der Situation abhängig, in die hinein er sein
Wort spricht, aber er überfällt die Menschen nicht in himmlischer Willkür,
sondern redet sie in der Weise an, wie es ihrer Existenzstufe entspricht. Nur
wenn jeweils die Zeit erfüllt ist, d. h, wenn die Menschen ansprechbar sind und
insoweit sie ansprechbar sind, werden sie von Gott angesprochen und dann
allerdings zu einer neuen Existenzstufe und einem neuen Verständnis Gottes und
ihrer selbst weitergeführt. Das Wort Gottes wirkt Geschichte, insofern es die
Menschen für bestimmte Handlungen in Bewegung setzt. Man darf sagen, daß seit
den Tagen Samuels das Wort Gottes die entscheidende Macht in der Geschichte
Israels ist (1 Sam 3.10 ff; 9,27; 15.26; 2 Sam 7,4 ff».
Die
gegenseitige Verschränkung von dem Ge-schichtswirken des Wortes und von der
Geschichte des Wortes selbst stellt sich darin dar, daß das Wort Gottes in
vielen Stufen gesprochen wurde, wie aus den ersten Worten des Hebräerbriefes (Hebr
1,1 ff) erkennbar ist. Es gab viele und lange Epochen der Ge-
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schichte,
in denen kein Wort Gottes an die Menschen ergangen ist. Gott hat sich auch
jeweils nur in einem bestimmten Intensitätsmaß dem Menschen zugesagt, bis die
Fülle seiner Selbsterschließung in Jesus Christus erreicht wurde.
Diese
Beobachtung umfaßt zwei Momente. Die göttliche Offenbarung stellt von dem
ersten Augenblicke ihres Geschehens bis zu ihrem Kulminationspunkt in Jesus
Christus einen großen Zusammenhang dar. Dies wird nicht dadurch gehindert, daß
zwischen den einzelnen Wortgeschehnissen lange Zeiträume des göttlichen
Schweigens liegen. Jede einzelne Wortstufe ist offen für die nächste, mag
diese noch so weit von ihr entfernt sein. Sie wird von der nächsten aufgenommen
und in ihr aufbewahrt, bis wieder eine neue, höhere Stufe erreicht ist. Aus der
Fülle der göttlichen Liebe transzendiert sich jede Stufe auf die folgende hin.
Diese freilich wird nie mit Notwendigkeit aus der vorausgehenden entwickelt.
Jede einzelne Stufe ist vielmehr immer wieder Ausdruck des freien göttlichen
Entschlusses. Jede aber hat ihren Ort in dem der Zukunft zugewandten Gesamtplan
Gottes. Jede ist Erfüllung der vorausgehenden und Verheißung der kommenden. So
gibt es auch im Alten Testament nicht nur Verheißung, sondern auch Erfüllung.
Wenn man das Alte Testament freilich als Ganzes betrachtet, dann hat es nur den
Charakter der Verheißung und nicht den der Erfüllung. Christus selbst ist die
Erfüllung. Aber auch er weist wieder über sich hinaus auf die letzte und endgültige
Selbsterschließung Gottes. So stellt auch das Christusereignis trotz seines Erfüllungscharakters
einen Anfang und eine Verheißung dar, die Verheißung nämlich der absoluten
Zukunft (eschatologische Bedeutung. Siehe Band 6).
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Das
zweite Moment liegt darin, daß Gottes Geheimnis nicht in einem einzigen Anlauf,
sondern in einem schrittweisen Fortgang dem Menschen erschlossen wurde. Es ist
daher nicht verwunderlich, wenn über viele Offenbarungsaussagen, die im Neuen
Testament klar zutage liegen, im Alten Testament Dunkel gebreitet ist, wenn
viele bedrängende Fragen, z. B. jene nach dem menschlichen Schicksal jenseits
des Todes, lange unbeantwort blieben und erst spät in das Licht der Erkenntnis
traten. Nur wer den geschichtlichen Charakter der Offenbarung, d. h. deren
Entwicklungsprozeß übersieht, kann an einem solchen Vorgang Anstoß nehmen. Im
übrigen bietet auch die neutestamentliche Offenbarung keineswegs über alle
religiösen Fragen Auskunft, die uns interessieren würden.
Wenn
wir den geschichtseigenen und den geschichtsstiftenden Charakter des Wortes
Gottes betonen, müssen wir eine fundamentale Unterscheidung machen. Das Wort
Gottes begründete und führte weiter die Geschichte des israelitischen Volkes.
Mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes hat die so beschaffene Geschichtsmächtigkeit
ein Ende gefunden. Das Wort Gottes, welches in Christus als Person erschienen
ist, wird zwar bis zur Vollendung der Geschichte dem Menschen zugesprochen und
erweist darin seine Heilsmacht. Es stiftet aber nicht mehr die Geschichte eines
natürlichen Volkes. So muß man unterscheiden zwischen dem Machtcharakter und
dem Geschichtscharakter des Wortes Gottes. Der erste kann sich ohne den letzten
ereignen, nicht aber der letzte ohne den ersten (Siehe Leo Scheffczyk, Von der
Heilsmacht des Wortes, München 1966,185 ff».
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