2. ABSCHNITT

 

Die Offenbarung als Selbsterschließung Gottes

 gegenüber den Menschen

1. Kapitel Begriff

Auf jeden Fall muß man sagen, daß Gott der Offenbarungsträger ist und nicht der Mensch. Der Mensch ist der Empfänger. Gott offenbart sich nicht aus innerem Zwang oder aus irgend einer äußeren Notwendigkeit, sondern in voller Freiheit. Er ist ja, wie wir später sehen werden, die Freiheit in eigener Person. Die Offenbarung bedeutet nicht etwa eine Wesensentwicklung des Unbewußten zum Bewußten bis zum Vollbewußten im menschlichen Geist. Die Offenbarung zielt auf das Heil des Menschen. Der Mensch kann die Offenbarung annehmen oder ablehnen. Es kommt auf jeden Fall zu einem Dialog zwischen Gott und den Menschen.

Jede Offenbarung ist indirekt. In der Schrift wird häufig gesagt, wie sich die »Herrlichkeit« Gottes gezeigt hat. Es ist eine schwierige Frage, was man unter der Herrlichkeit Gottes zu verstehen hat, von der die Schrift so oft spricht. Im Laufe der verschiedenen Traditionsschichten des Alten und des Neuen Testamentes hat das Wort verschiedene Bedeutungen. Zweifellos hat sie eine Zukunftsbedeutung, insofern sie die Verheißung in sich schließt, daß die Menschen einmal die verborgene Herrlichkeit Gottes sehen werden. Dann tritt Gott aus seiner Verborgenheit so heraus und wirkt so auf den Menschen ein, daß er unmittel- 

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bar angeschaut werden kann. Dies ist jedoch eine Zukunftsverheißung. Innerhalb der Geschichte kann sich die Herrlichkeit Gottes nur indirekt zeigen, und zwar als die Erhabenheit Gottes, als die Macht Gottes, als das Anderssein Gottes. Die Erhabenheit Gottes drückt sich darin aus, daß Gott anders ist als der Mensch. Der Mensch empfängt durch die Selbsterschließung Gottes anderes, als er zu erwarten imstande ist, ohne sich dabei allerdings selbst entfremdet zu werden. Mit dem Bilde von der Erscheinung der Herrlichkeit Gottes soll offensichtlich gesagt werden, daß Gott sich der Welt zuwendet, bzw. daß einmal, wie es heißt, »alles Fleisch« die Herrlichkeit Gottes schauen werde (Dt-Jes 40,5 und viele andere Stellen). Bei Deutero-Jesaias und in vielen späteren Texten wird deutlich, daß das Erscheinen der Herrlichkeit Jahwes die öffentliche Durchsetzung seiner Macht bedeutet. Mit dem Ausdruck kann auch ein Zeichen dafür gemeint sein, daß Jahwe mit einem Worte, mit einer Botschaft zum Volke kommt. Das Wort Gottes, von dem der Ausdruck Herrlichkeit gebraucht wird, ergeht an die Menschen mit dem Anspruch unbedingter Verbindlichkeit. Die Antwort des Menschen hierauf kann nur heißen: Ehren, Ehrung, Anerkennung des sich offenbarenden Gottes.

Wenn man sich die Frage stellt, was der Inhalt der göttlichen Selbsterschließung ist, so ergibt sich ein Doppeltes: Einmal ruft Gott den Menschen an als das von jedem geschaffenen Wesen verschiedene Ich, eben als das göttliche Ich. Gott teilt sich selbst dem Menschen mit. Er gibt ihm nicht nur eine Information über sich. Dieser Ruf Gottes will den Menschen herausreißen aus seiner Verfallenheit an die Welt, aus seiner Versunkenheit in das eigene menschliche Selbst, er will ihn hinrufen zu Gott, sodaß ein Dialog zwischen

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dem Menschen und Gott entsteht. Man kann nicht in strengem Sinne sagen, daß Gott auf diese Weise vor allem seine Existenz offenbart, denn seine Offenbarung in diesem ersten Sinn ist ja ein Ruf, den der Mensch anhören muß, den er annehmen oder ablehnen kann, dem er sich aber nicht zu entziehen vermag. Hier hört der Mensch eine Stimme, die nicht identisch ist mit den Stimmen der Welt, die ihn aber auch nicht zu einer positiven Antwort zwingt. Wenn er diesem Rufe nachkommt, dann heißt dies, daß er sich Gott übereignet, daß er sein Leben aus dem Vertrauen auf Gott, aus dem Glauben gestaltet.

Ein zweiter Modus der göttlichen Offenbarung bietet die Eigenschaften von Gott oder vom Menschen und von der Welt sowie Gottes Absichten mit Mensch und Welt dar. Da zeigt sich Gott als der Barmherzige, der Mächtige, als der, der den Menschen in seine eigene Existenz hineinrufen will, der ihm die Sünden vergibt, der ihm Vertrauen einflößt, der das Schicksal der Menschen zum Guten führt, der auf das Heil des Menschen bedacht ist.

Diese beiden Arten von göttlicher Offenbarung gehören eng zusammen, denn der Gott, der den Menschen ruft, ist nicht und kann nicht bleiben ein völlig unbekanntes Ich oder und ein völlig unbekanntes Etwas, sondern es zeigt sich schon in dem Ruf allein, daß es Gott um den Menschen zu tun ist, daß er auf das Heil des Menschen bedacht ist, daß er mit den Menschen in Dialog eintreten will, daß er der Partner des Menschen sein will. Es ist daher von vornherein aufgrund des Begriffes der Offenbarung selbst nicht möglich anzunehmen, daß die Offenbarung überhaupt keinen Inhalt hat außer dem Ruf. Insofern ist die sog. Entmythologisierungstheologie, welche in der Offenbarung keinen Inhalt sehen will, sondern sie jeden In- 

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haltes entkleidet, mit dem biblischen Befund nicht oder wenigstens nur schwer vereinbar,

Durch diese Überlegungen wird allerdings deutlich, daß die Offenbarung nicht etwa erstlich eine Mitteilung von Inhalten ist nach der Art, wie Menschen einander Informationen geben, sondern daß sie ein Ruf ist, durch welchen der Mensch in seiner menschlichen Mitte getroffen werden soll und eben aus der bloßen Hoffnung auf das eigene Selbst herausgerufen und in die Freiheit geführt werden soll, in die Freiheit, welche bedingt ist durch die Freiheit Gottes. Die Offenbarung ist nicht eine Bekanntmachung von Wissensgegenständen, die wie ein Reservoir vorgestellt werden können, aus dem von zuständigen Stellen je nach Bedarf der Zeitlage, je nach der persönlichen Situation eines Interessenten hervorgeholt werden kann, was für die Stunde erforderlich ist. Auch dann, wenn die Offenbarung Gottes in einem schriftlichen Wort fixiert und in einem Buche aufbewahrt wird, das man jederzeit in die Hand nehmen und lesen kann, bleibt der Charakter als eines Anrufes Gottes. Dann ruft Gott durch die Schrift hindurch den Menschen an, das Offenbarungswort vollzieht dann nicht mehr in einer so unmit-telbar deutlichen und sichtbaren Weise seinen Charakter als Ruf, aber es bleibt für immer bei dem Anruf, den Gott an den Menschen ergehen läßt. Er ruft bei einem geschriebenen Wort eben durch das geschriebene Wort hindurch den Menschen aus seiner bloß menschlichen, bloß erdhaften Situation heraus in das eigene göttliche Leben hinein. Er ruft ihm Trost und Hilfe oder auch Warnung und Drohung zu.

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