11. KAPITEL

 

Die Evangelien: ihre Eigenart

 

 

 

a) Die Evangelien als Sammelwerke und Verkündigungsgrundlage

 

Das Konzil und die vorausgehende »Instruktion« weisen darauf hin, daß die Evangelien, die wichtigsten der kanonischen Schriften, in einem Dreischritt entstanden sind. Der erste Schritt betrifft den Umgang der Jünger mit Jesus. In dieser Phase liegen die unmittelbar von Christus gesprochenen Worte (»verba ipsis-sima«). Die zweite Phase liegt zwischen der Erhöhung Jesu Christi und der Abfassung der kanonischen Schriften, insbesondere der Evangelien. Es ist die Zeit der Verkündigung Jesu im Lichte der Auferstehung, der schriftlichen Objektivierung in unseren kanonischen Schriften. Diese Verkündigung wird noch greifbar in manchen in den Evangelien und gelegentlich auch in den Briefen vorkommenden kerygmatischen Kurzformeln. Sie stellt sich dar in katechetischen und homiletischen Zusammenfassungen, wie sie uns etwa in der Apostelgeschichte oder 1 Kor 15,3 b - 5, in missionarischen Proklamationen, in Taufbekenntnissen, in Gebeten, Hymnen und anderen Formeln begegnen. Die Verfasser dieser urapostolischen Verkündigungstexte dürfen wir naturgemäß in den Kreisen der Apostel suchen. Diese Texte sind jedoch nicht mit einem bestimmten Namen verbunden und tragen daher einen anonymen Charakter. Sie sind dadurch charak-

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terisiert, daß sie Christus auf Grund der Auferstehung von den Toten auslegen. Sie wählen aus dem Leben und aus der Lehre Jesu aus, was für eine Gemeinde oder für eine bestimmte Zuhörerschaft wichtig ist. Sie haben außerdem entsprechend den Bedürfnissen ihrer Zuhörer die ausgewählten Stücke in einer bestimmten Weise zusammengestellt und aktualisiert. Man kann die Liturgie, d. h. die gottesdienstliche Feier als den Lebenssitz für die meisten dieser Texte bezeichnen. »Der Gottesdienst mit seiner Wortunterweisung und seinen kultischen Haltungen, mit seinen Taufen und Eucharistiefeiern, mit apostolischer Belehrung und prophetischer Predigt (vgl. 1 Kor 14) bot reiche Gelegenheit, den Christusglauben zu begründen und zu vertiefen, aber auch von seiten der Gemeinde mit Bekenntnis und Liedern, Akklamationen (Amen) und Doxologien zu bekräftigen.« »In diesen teils mündlichen, teils schriftlichen Kurzformeln dürfen wir die Urtheologie, die Theologie der Urkirche, sehen. Es wäre eine einseitige Übertreibung und eine Zerstörung der Wahrheit, wenn man behaupten wollte, daß der in solchen Formeln dargestellte Glaube keinerlei Bezug zum historischen Leben Jesu habe, sondern reine Schöpfung der Gemeinde sei. Wenn die Gemeinde mit ihren besonderen, situationsbedingten Bedürfnissen auch maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung dieser Urtheologie ausgeübt hat, so sind die Autoren dennoch einzelne Gläubige. Es widerspricht nicht der Wahrheit, daß die Verfasser solcher Einzelstücke das, was Jesus wirklich gesagt und getan hat, in einem volleren Verständnis weiterreichten, das sie selbst erst infolge der Ostererfahrungen und der pfingstlichen Erleuchtung durch den Geist der Wahrheit erreicht haben (vgl. z. B. Joh 2,22; 11,51f; 12,16; Apg 10,36-41)« (R. Schnackenburg, Neutestamentliche Theologie, München 1963,49 f).

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Die dritte Phase wird durch die Entstehung der neu-testamentlichen Schriften, vor allem der Evangelien, selbst dargestellt. In ihnen sind die vorausgehenden Kurzformulierungen gesammelt und geordnet worden. Von den Evangelien muß man ebenfalls und mit noch größerem Nachdruck sagen, daß sie Jesus Christus auf Grund ihres neuen, ihres österlichen Verständnisses bezeugen. Dies besteht vor allem darin, daß sie Jesus als den Christus verkündigen. Unter dem Einfluß des erleuchtenden Geistes bieten die Verfasser eine Auswahl, eine Synthese und eine Interpretation des geschichtlichen Lebens, Redens und Wirkens Jesu. Ihre Arbeit ist jeweils von ihrer Zielsetzung bestimmt. Sie haben sich den erwarteten Lesern angepaßt. Sie haben oft Einzelereignisse aus einem Zusammenhang in einen anderen versetzt. Sie haben also die Worte und die Taten Jesu gemäß der pastora-len Situation noch einmal aktualisiert. So begegnet uns in den Evangelien das Wort Jesu vielfach in einer theologischen Verarbeitung.

 

b) Die Evangelien als Zeugnisse des urchristlichen Glaubens und seiner Theologie

Von den Evangelien gilt: »Es sind nicht einfach Autorenwerke im heutigen Sinn, sondern von qualifizierten und von der Urkirche anerkannten Autoren verfaßte Sammelwerke der apostolisch-urkirchlichen Tradition und enthalten besonders die in der Urkirche beziehungsweise in einzelnen ihrer Gruppen und Gliederungen (Juden- und Heidenchristentum, bestimmte Gemeinden und Gegenden) gepflegte authentische und autoritative Verkündigung vom Wirken und heilsbedeutsamen Schicksal Jesu Christi. Damit brauchen sie durchaus nicht ihren historischen Zeugniswert für die Worte und Taten Jesu zu verlieren; daß dies nicht

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der Fall ist, hält die katholische Exegese mit vielen protestantischen Forschern fest, weil sie überzeugt ist, daß schon der Urkirche an einer glaubwürdigen Überlieferung der ursprünglichen Predigt Jesu und der historischen Ereignisse seines Lebens und Sterbens wie auch der Geschehnisse nach seinem Tod gelegen war. Aber die Evangelien rücken doch in ein anderes Licht, wenn sie nicht zuerst als historische Referate (mit aller Problematik einer rein 'objektiven' Berichterstattung), sondern als Niederschlag der ältesten Verkündigung angesehen wurden, die das historisch Überlieferte gewissenhaft und verantwortungsvoll in sich aufgenommen, aber für ihre Zwecke zugleich zusammengestellt und in die passende Form gebracht hat. Tatsächlich lassen die synoptischen Evangelien schon durch ihre Gesamtanlage, wie sie am ursprünglichsten bei Markus zu erkennen ist (vom Auftreten des Täufers Johannes und der Taufe Jesu bis zur Passion und Auferstehung Jesu), aber auch in manchen Enzelteilen und -gestaltungen (zum Beispiel in den drei Todesankündigungen Jesu) die apostolische Verkündigung und Theologie durchschimmern. Gerade das ihnen Gemeinsame dürfte sich als ein Fundus der urkirchlichen Verkündigung und Lehre herausstellen und sich doch zugleich — weil später andere Verkündigungsinhalte hervortraten — als treue Bezeugung der Botschaft Jesu erweisen. Wenn man überzeugt ist, daß die Apostel einerseits die Worte und Taten Jesu überliefern, andererseits die gesamte Christusoffenbarung im Lichte der Auferstehung Jesu verkündigen wollten, wird die Eigenart der Evangelien erst voll verständlich. Dann ist man aber auch berechtigt, die Botschaft Jesu aus ihnen zu erheben und sie doch zugleich als Zeugnisse der gemein-urchristlichen .Theologie' zu betrachten« (R. Schnackenburg, a. a. 0., 51 f).

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Mit solchen Überlegungen lassen sich die Verschiedenheiten und Gegensätze innerhalb der Evangelien erklären. Man braucht so nicht künstliche oder gewaltsame Harmonisierungsversuche zu machen.

Eine Analyse des Problems bietet auch E. Schweizer (Das Evangelium nach Markus, Göttingen 1967): Die Neuformulierung der Worte war schon deshalb notwendig, weil Jesus und seine ersten Jünger aramäisch sprachen, während schon ein Teil der Gemeinde in Jerusalem (Apg 6,1), vor allem aber die meisten heidenchristlichen Gemeinden, griechisch redeten. Jesu Worte mußten daher in eine neue Sprach- und Denkform übertragen werden.

Dieser Prozeß implizierte keine Entfremdung von Jesu Worten gegenüber ihrem ursprünglichen Sinn. Gerade weil Jesus für die Jünger nicht ein toter, sondern ein lebendiger Herr war. weil er selbst der Sprechende in den Gemeinden war, mußten seine Worte in die jeweilige Situation hineingesprochen werden und entsprechend deren Fragen und Bedürfnissen formuliert werden. Gerade so wird das Wort Jesu lebendig und wirksam. Wenn es nach 2 Kor 3,17 oder Offb 2,1.7 wahr ist, daß im Helligen Geist der lebendige Christus spricht, dann war dieses Vorgehen nicht nur erlaubt, sondern notwendig, sollte das Wort Jesu nicht zu einer zwar ehrfürchtig verehrten, aber doch veralteten, nicht mehr wirklich in die Zeit hineinredenden Antiquität werden. Ja, es war dann sogar unerläßlich, daß man in der gehorsamen Annahme des Wortes Jesu und in lebendiger Verbundenheit mit ihm auch neue Worte in seinem Namen auszusprechen wagte oder alte Worte in neuer Formulierung, wenn die neue Lage dies erforderte, wie es der Verfasser der Johannes­apokalypse tat (Apk 2,1 ff) oder vorher schon Mattäus, wenn er den bloßen Bericht des Markusevangeliums »Sie tranken alle daraus« (Mk 4,23) in den Befehl Jesu umwandelte: »Trinket alle daraus« (Mt 26,27). Naturgemäß müssen solche Neufassungen den Sinn der alten Worte treu bewahren.

Auch die Bezeugung der Taten Jesu dient der Verkündigung und Proklamation dessen, der dem Hörer und Leser in der gleichen Vollmacht begegnet, in welcher er den ersten Augen- und Ohrenzeugen begegnet ist, der ihn zum Glauben ruft und in die Gottesgemeinschaft heimholen will. Da kommt es nicht auf jedes Detail, sondern nur auf den Kern an. So stimmt der Mt 8,8 ff berichtete Dialog fast wörtlich mit dem Lk 7,6-9 berichteten überein. Der Vorgang selbst hingegen, in welchem sich der Dialog abspielt, ist ganz

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verschieden überliefert. Das eine Mal ist es der Hauptmann von Kapharnaum selbst, der mit Jesus spricht. Das andere Mal hingegen bleibt er bei seinem kranken Kind zu Hause, sendet seine Freunde und läßt diese mit Jesus sprechen. Es Ist auch zu beachten, daß die bei Mt im Zusammenhang mit der Szene von Jesus gesprochenen grundsätzlichen Worte über die Berufung zum Reiche Gottes (Mt 8,11 f) bei Lukas In einen ganz anderen Kontext eingefügt sind (Lk 13,28 f). Es kommt nicht auf solche Einzelheiten an, sondern darauf, daß Jesus als derjenige bezeugt wird, der dem Menschen in der Macht Gottes das Heil schenkt. Ja, die genaueste Wiedergabe aller Einzelheiten bliebe unfruchtbar, wenn sie nur unser Wissen über vergangene Ereignisse bereichern wollte. So wichtig das Ereignis selbst ist, so erfüllt sich sein Sinn doch erst in der Verkündigung und im Glauben.

c) Die synoptischen Evangelien im Ganzen

aa) Begriff

Weil die drei ersten Evangelien in der Schilderung des Wirkens Jesu trotz vieler Verschiedenheiten stark übereinstimmen, hat man sie die synoptischen (zusammenschauenden) Evangelien genannt. Die Übereinstimmung zeigt sich bis zu einem gewissen Grade sowohl im Wortlaut (z. B. Mt 3,7-10 und Lk 3,7 ff oder Mk 8,34-37 und Mt 16,24f bzw. Lk 9,23 ff) als auch und noch mehr in der Reihenfolge der berichteten Vorgänge. Das Markusevangelium, das traditionellerweise als zweites gezählte Evangelium, ist, wie heute allgemein angenommen wird, das älteste Evangelium. Mattäus und Lukas haben es gekannt und benutzt. Dem Markusevangelium liegt eine Reihe von mündlichen und schriftlichen Überlieferungskomplexen voraus, eine nicht erhaltene Sammlung von Jesusworten (Logien-, Redequelle = Q). Sie wurde wohl nicht von Markus, wohl aber von Mattäus und Lukas verwendet, obwohl im Mk-Ev. viele vormarkinische Traditionen mündlicher und schriftlicher Art gesammelt sind. Sie

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kann bis zu einem gewissen Grade von Sicherheit aus Mattäus und Lukas rekonstruiert werden. Sie läßt sich dort erkennen, wo sowohl der Wortlaut als auch die Reihenfolge der Abschnitte bei Mattäus und Lukas übereinstimmen. Vieles haben sowohl Markus als auch Mattäus und Lukas der mündlichen und der vorausliegenden schriftlichen Überlieferung entnommen.

Trotz der Gemeinsamkeiten weichen die Synoptiker soweit voneinander ab, daß man bei jedem von einer je ihm eigenen Theologie sprechen kann. Es läßt sich nämlich feststellen, daß jeder von ihnen ein besonderes Anliegen verfolgt. Dies tritt in der Art der Stoffzusammenstellung, in der Auswahl, im Aufbau, in der Akzentuierung, in den verschiedentlich gebotenen kurzen Zusammenfassungen zutage.

 

bb) Die vor den synopt. Evangelien liegenden kanonischen Schriften

Als die Evangelien entstanden sind, gab es schon ein ziemlich umfangreiches kerygmatisches Schrifttum über Jesus, vor allem die Paulusbriefe. Die Botschaft von Jesus hatte durch die Missionstätigkeit vieler bekannter und unbekannter Christusgläubigen, namentlich durch Paulus und seine Helfer, in der Zeit der Abfassung der Evangelien die meisten Länder am Mittelmeer erreicht. Dabei wurde innerhalb der Glaubenseinsicht, daß Jesus der von Gott gesandte Retter und der Sohn Gottes ist, das Leben und Sterben Jesu in mannigfacher Weise gedeutet. In judenchristlichen Gemeinden wurde er primär als derjenige verstanden, der ethisch-religiöse Weisungen gab und in apokalyptischer Sicht die zu erwartende Endzeit verkündete (vgl. die Logiensammlung). In den paulinischen Gemeinden bildeten Kreuz und Auferstehung die Mitte des Glaubens und der Verkündigung. Dabei konnte

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das von Paulus heftig bekämpfte Mißverständnis entstehen, als ob durch die Auferstehung Jesu schon alles vollendet sei und daher keine Sünde mehr schaden könne. Diese enthusiastisch-schwärmerische Vorstellung hat die Frage aus sich hervorgetrieben, ob der Einbruch des Göttlichen, des Himmlischen in die Weit an den geschichtlichen Jesus gebunden sei. In dem Gnostizismus des zweiten Jahrhunderts wurde denn auch die Konsequenz gezogen, daß Jesus nur ein Symbol für die Einheit des Göttlichen mit dem innersten Kern des Menschen sei, ein Symbol, das auch durch ein anderes, durch den Namen irgendeines griechischen oder römischen Gottes ersetzt werden könne. Schon Paulus hat diese Pseudotheologie entschieden und leidenschaftlich zurückgewiesen und den Glaubenden auf den Weg des nüchternen Glaubensgehorsams gerufen, in welchem er, mit Christus schon der Sünde abgestorben und in Christus zu neuem Leben erweckt, dem vollen Auferstehungsleben mit Christus entgegengeht. Zur Zeit des Markus hatte Paulus schon den Martertod erlitten. Seine Schüler riefen die Gemeinde zurück zu der ihr gestellten Aufgabe der weltweiten Verkündigung, in der der Erhöhte, nicht als geheimnisvolle übernatürliche Kraft, sondern als Meister der für ihn zeugenden, auf den Straßen des römischen Reichs dahinziehenden und oft genug in den Gefängnissen liegenden Jünger die Welt durchdringen wollte (nach E. Schweizer, a. a. 0., 221).

 

cc) Das Markusevangelium als ältestes Evangelium

Das Markusevangelium erzählt in großer Breite das Leiden Jesu und schildert das ganze Leben als einen Weg nach Golgotha. So wird die Geschichtlichkeit und zugleich die Heilsmächtigkeit dieses Lebens und Sterbens in der Ganzheit des Verlaufs in ihrer Geschichtlichkeit ganz anders in den Blick genommen als in dem vor-

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ausgehenden Schrifttum. Gottes Wort richtet sich nach ihm »an die Welt im Ganzen des Wirkens, Sterbens und Auferstehens Jesu«, nicht nur in einzelnen Worten — so bliebe Jesus nur der Lehrer und Prophet, dessen Lebensweisheit man auch übernehmen könnte, ohne zu ihm selbst in lebendige Beziehung zu treten, ja von ihm überhaupt zu wissen —, noch in einzelnen Machttaten, so daß man ihn nur als göttlichen »Wundertäter« nach dem Modell der hellenistischen Wundermänner mißverstehen könnte, noch in einem vorbildlichen Leiden, noch in einer abstrakt verstandenen Verkündigung der Gnade, die man allenfalls von Jesus loslösen könnte. Was ihm für die Verkündigung des ganzen Jesus unwichtig erscheint, hat er weggelassen (E. Schweizer, a. a. 0., 11). Sein Evangelium Ist »der Bericht von der unerhörten und unbegreiflichen fleischgewordenen Liebe Gottes, die in Jesus durch alle Widerstände hindurch den Menschen sucht und findet. Weil alle direkte Offenbarung nur zu einem Mirakelglauben führen könnte, wie ihn auch die Dämonen haben, muß Gott den Weg in die Verborgenheit, ja in die Schmach und Niedrigkeit, in den Tod gehen, wie er in erschütternder Nüchternheit im Rufe Jesu 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' und in dem Satz vom Verscheiden Jesu mit lautem Schrei sichtbar wird. Glaube kann es nur als Nachfolge geben. Daß dieses Wunder aber wirklich geschehen, daß Gottes Offenbarung ihr Ziel erreichen wird, dafür sind ein halbgläubiger Randsiedler, der Jesus bestattet, ein Heide, der als Offizier seine Hände wahrlich nicht immer rein halten kann und sogar zu Exekutionen Unschuldiger abgeordnet wird, ein paar Frauen, die bloß erschrecken und selbst dem Worte eines Engels nicht vertrauen, das Zeichen. Sie, aber erst recht die Jünger, denen Jesus nach ihrem noch viel tiefergreifenden Versagen dennoch nach Galiläa vorangeht, weisen auf das Wunder der kommenden Gemeinde hin, die der Auferstandene selbst ins Leben rufen und in die Welt hinausschickan wird« (E. Schweizer, a. a. 0„ 223 f). Das Markusevangelium ist eschatologisch orientiert. Jesus führt den Endkampf zwischen Gott und den dämonischen Mächten. Die Wunderheilungen und Dämonenaustreibungen künden den sich anbahnenden Sieg Gottes (Mk 3,1-6.22-30; 2,1-12. J. Gnilka, Synoptiker, in: LThK, IX, 1962,1246 f).

Am ausführlichsten hat das Markusevangelium R. Pesch (Das Markusevangalium l. u. II. Teil, Freiburg 1976/7) erklärt. Ihm sind folgende Angaben entnommen. Markus hat für sein Werk durch die Benennung als eines Evangeliums eine literarische Gattung eingeführt, welche es vor ihm nicht gegeben hat. Der Titel »Evan-

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gelium« ist allerdings vorbereitet durch Paulus (vgl. 1 Kor 15,3 f). In dem Evangelium des Markus vereinigen sich missionarische und katechetische Interessen zu einer Darstellung der Grundlagen des Jesusglaubens, indem der Verfasser vorausgehende Berichte schriftlicher und mündlicher Art ohne literarische Absicht zusammenstellt. Die Q-Quelle wird wie schon gesagt von ihm nicht unmittelbar benützt, kann aber in Einzelheiten in sein Werk eingeflossen sein. Wichtig war aber für ihn ein großer vormarkinischer Textkomplex. Die Sorge des Evangelisten geht dahin, daß gegenüber dem Gnostizismus die auf Jesus selbst zurückweisenden und vielfach unmittelbar nach seinem Tode und seiner Auferweckung entstandenen Berichte ohne Umdeutung oder Auslassung und Hinzufügung erhalten bleiben. Er schreibt also im ekklesiologischen Geiste. Die Kirche bedurfte in der Zeit, in der die Apostel selbst dahingingen, einer geschichtlich-christologischen Identifikation ihrer Verkündigung und ihrer Lehre. Markus ist also ein konservativer Theologe. Seine Bedeutung liegt darin, daß wir zum größten Teil ihm verdanken, was wir über Jesus Christus, sein Leben und Wirken, sein Leiden und Sterben und seine Auferweckung wissen. Wenn man einen theologischen Begriff nennen will, unter welchem das ganze Werk steht, so ist es wohl jener der Gottesherrschaft. Das Werk ist entstanden kurz nach dem Jahre 70, also nach der Zerstörung Jerusalems. Auf jeden Fall ist das in der traditionellen Zählung an zweiter Stelle genannte Markusavangelium das älteste der Evangelien und wird von den >Großevangelien< (Lukas und Mattäus) u. a. als Quelle benutzt.

 

 

dd) Die übrigen Evangelien im einzelnen

      An weiterer Stelle soll von dem in der traditionellen Zählung an dritter Stelle genannten Lukasevangelium, dem einen »Großevangelium« die Rede sein. Auch diese Schrift hat einen stark traditionellen Zug. Von Lukas stammt auch die Apostelgeschichte. Diese ist jedoch nicht von vornherein als ein zweites Werk neben dem Evangelium konzipiert. Lukas hat sein Evangelium verfaßt für die innerkirchliche Öffentlichkeit, für den Gottesdienst und für die Katechese, aber darüber hinaus für die Mission im nichtchristlichen Bereich, und zwar für eine Mission im Raume der religiösen

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Strömungen der Zeit. Es sollte auch eine Hilfe sein im Kampfe gegen gnostisches Schwärmertum, welches in der Übergangszeit von der Ära der Apostel zu der dabei entstandenen neuen geschichtlich-religiösen Situation nicht wenige Gefahren, Verwirrungen und Unsicherheiten mit sich brachte. Als Mittel setzt der Verfasser die apostolische Überlieferung ein, diese aber im ganzen Umfang der verschiedenen, nicht immer leicht auf einen Nenner zu bringenden Traditionen. So stellt sein Werk eine alle vorausgehenden Berichte umspannende Ganzheit dar. Lukas versichert, daß er sich um die Sammlung aller erreichbaren Traditionsstücke bemüht hat. An der Grenze des apostolischen Zeitalters lag ihm sehr am Herzen, daß nichts von dem von Jesus Christus her Überlieferten verloren ging. Auch er war ein kirchlich denkender und um das rechte kirchliche Leben besorgter Hagiograph.

Sein Werk ist zwar nur sekundär, aber doch unübersehbar ein heilsgeschichtlicher Aufriß. Die heilshaften Ereignisse sind mit der Geistsendung abgeschlossen. Sie behalten jedoch ihre Gegenwärtigkeit.

Er versteht sich also als ein abschließender Sammler und normativer Übermittler der apostolischen Überlieferung. Die Wahrheit des Überlieferten ist durch das stets gegenwärtige und wirkende Pneuma gesichert. Die apostolischen Worte werden in dem Evangelium für die Gegenwart aktualisiert. Lukas will den Lebensweg Jesu aufzeigen, allerdings ohne biographische Absicht. Vielmehr soll das Heilshandeln Gottes im Christusgeschehen in einer Gesamtschau und in seinem wesentlichen Verlauf, d. h. in seinem Heilstun, in seiner Verkündigung, in seinem Tode und in seiner Auferstehung aufgedeckt und dieses Leben soll in seinem Erfüllungscharakter beleuchtet werden. So hat Lukas der nachapostolischen Kirche durch sein

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Werk einen wichtigen Dienst erwiesen. Er erzählt nicht nur von dem Vergangenen, sondern läßt es in seiner geistigen Mächtigkeit unmittelbar sprechen und Glauben erzeugen. So eröffnet sein Evangelium die Möglichkeit eines geistlichen Schriftbeweises. Formell wird die Apostolizität des kirchlichen Redens und Tuns gezeigt, inhaltlich aber das gottgewirkte Heilsgeschehen durch Gottes menschgewordenen Sohn Jesus Christus (nach H. Schürmann, Das Lukasevangelium, Erster Teil, Freiburg 1969,1 ff).

Das Mattäusevangelium hat Jesus als den verheißenen Messias geschildert. Dieser wurde nach anfänglichem Enthusiasmus immer stärker abgelehnt, da er den landläufigen Messiaserwartungen nicht entsprach.

Es entspricht der Situation, wenn man von dem Johannesevangelium erklärt, daß es die überlieferten Inhalte der Jesusgeschichte in einer besonders fortgeschrittenen theologischen Reflexion und seelsorgerlichen Aktualisierung verkündet (J. Blinzler, Johannes und die Synoptiker, Stuttgart 1965. Weitere Ausführungen in der Christologie).

d) Formgeschichtliche und redaktionsgeschichtliche Methode

Man hat die Versuche, in denen die in Kurzformulierungen geschehene Überlieferung der Worte und Taten Jesu vor ihrer schriftlichen Fixierung in den Evangelien untersucht wurde, die formgeschichtliche Methode genannt. Sie hat ihre Hauptarbeit nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland geleistet. Inzwischen sind ihre Ergebnisse weithin anerkannt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gesellte sich zu der formgeschichtlichen die redaktionsgeschichtliche Methode.

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Ihr geht es darum, den Anteil der Verfasser der Evangelien an ihren Werken trotz deren Sammelcharakters herauszuarbeiten. Die formgeschichtliche Methode verbindet sich mit der traditionsgeschichtlichen, insofern diese die in den biblischen Büchern aufbewahrten Kurzformulierungen in ihrer Entstehung, ihrem Wachsen, ihrer Weiterbildung, untersucht. Sie steht in einer gewissen Spannung zur redaktionsgeschichtlichen Methode.

e) Die kanonischen Schriften — keine Gemeindeschöpfungen

Von größter Wichtigkeit ist es, in den urchristlichen Glaubenszeugnissen nicht eine schöpferische Leistung der Gemeinden zu sehen. Der Christus des Glaubens ist nicht das Resultat des Glaubens. Vielmehr ist der geschichtliche Jesus auf Grund der Auf-erweckung als der Messias verstanden worden. Den Aposteln geht es um den geschichtlichen Jesus. Er ist für sie zum erhöhten Herrn geworden. Ihre Absicht ist es, das heilsbedeutsame Schicksal Jesu als des Christus zu verkündigen. Einerseits wollten die Apostel wirklich die Worte und die Taten Jesu überliefern, andererseits haben sie die gesamte Christusoffenbarung von Ostern her neu verstanden. Diese Spannung zwischen dem unmittelbar an Jesus Erlebten und dem im Heiligen Geiste Ausgelegten ist charakteristisch für unsere Evangelien. Dies gilt auch von dem Johannes-Evangelium. Selbst wenn es für dieses Evangelium schwer ist, seinen Sitz im Leben zu bestimmen, weil es für viele Bewegungen seiner Zeit offen ist und viele geistige Strömungen hindurchschimmern, so darf man doch sagen, daß seine Verwurzelung im jüdischen Denken und in urchristlichen Überzeugungen

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immer stärker erkannt wird und daß die extrem existentiale Interpretation immer stärkere Kritik findet. Auch die johanneische Christologie ist mit aller Intensität auf den geschichtlichen Jesus von Nazaret bezogen, Sie enthält die Keime für die spätere christologische Entfaltung in der Kirche unter dem Einfluß des griechischen Denkens (R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium, l, Freiburg 1965).

 

 

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