8. ABSCHNITT

 

Die Erstempfänger der Offenbarung

und deren Weitergabe

 

1. Kapitel

Hören als Unterwerfung?

Letztlich ist die Offenbarung Gottes hingerichtet auf die ganze Menschheit. Sie hat eine universale Intention. Der Weg aber, auf dem sie die ganze Menschheit erreichen soll, ist partikulär. Eine Ausnahme bildet die Schöpfungsoffenbarung, (vgl. S. 19). Im übrigen aber wendet sich Gott, wenngleich er jedem Menschen seine Selbsterschließung zugedacht hat, nicht unmittelbar an jeden einzelnen. Er schenkt nicht unmittelbar jedem einzelnen ein neues Bewußtsein. Vielmehr wendet er sich jeweils einem einzigen, von ihm Erwählten zu, als dem Vertreter einer Gruppe, als dem Repräsentanten von Vielen, als einer kooperativen Persönlichkeit. Ein solcher Mensch soll und muß, was er selbst empfangen hat, an seine Gruppe weitergeben. Eine solche Sendung gehört wesentlich in den Vorgang bestimmter göttlicher Offenbarungen hinein. Darin liegt zugleich die Aufforderung an die anderen, dem so Erwählten in den inneren Anliegen des eigenen Lebens, in den Fragen des Heiles zu vertrauen und sich seinem Worte anheim zu geben. So ist die Offenbarung eine vermittelte Unmittelbarkeit. Dies kann als ein Schlag gegen das eigene Selbstbewußtsein, gegen die persönliche Souveränität empfunden werden.

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Es kann sich das Ärgernis auftun. Es liegt schon in der Frage, warum gerade dieser, namentlich wenn der Offenbarungsträger nicht die höchste Stufe des moralischen Lebens erreicht, ja wenn er durch sein moralisches Verhalten sogar anderen ein schlechtes Beispiel gibt. Das Vertrauen auf den Offenbarungsempfänger ist ohne irgendeine Form von Unterwerfung unter sein Wort, welches er als Wort Gottes verkündet und für das er daher Vertrauen, ja geradezu Gehorsam erwartet, ja fordert, nicht möglich.

Wenn wir den Vorgang genauer analysieren, zeigt sich allerdings ein helleres Resultat. Wenn nämlich das Innere eines Menschen durch das Wort eines anderen in Bewegung gesetzt wird, so braucht dies keine Überfremdung des angesprochenen Ich zu sein, und zwar deshalb nicht, weil von Haus aus jede menschliche Existenz wesenhaft, nicht nur praktisch für die menschlichen Bedürfnisse des alltäglichen Daseins, Mitexistenz ist, und daher jeder einzelne sein eigenes menschliches Wesen nur durch die Aufnahme des anderen in sein Bewußtsein und in sein Leben, also in Begegnung, durch seelische und geistige Partnerschaft zur Entfaltung zu bringen vermag. Dieser Vorgang wird am meisten erfahren in der menschlichen Liebe. Er gehört aber zu dem menschlichen Dasein überhaupt. Die Aufnahme des Du wird nicht als eine Entfremdung, sondern als eine Erfüllung des Ich empfunden und erlebt.

Im Falle der Selbsterschließung Gottes kommt hinzu, daß der Hörende und Empfangende nicht nur, durch das Wort des Mitmenschen bereichert, zu einer höheren Stufe der Existenz emporgeführt wird, indem er am Leben und in dem im Worte sich objektivierenden Bewußtsein des anderen teilnimmt, sondern durch Gott selbst, durch den Gott, mit dem er von sei-

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ner menschlichen Existenz her verwandt ist, weil er Abbild Gottes ist. Gott ist es ja, welcher das im Worte des Redenden sich darstellende Bewußtsein gebildet hat und bewegt. So spricht Gott selbst den Einzelnen an, wählt aber hierfür einen Menschen als Medium. Diese Wahl nimmt er in voller Freiheit vor. Gott geht also zum Menschen über den Menschen, und es ist seinem Geheimnis vorbehalten, wen er als Weg zum anderen wählt. Daß er aber überhaupt diesen Weg wählt, hat seinen Grund in der Mitmenschlichkeit der individuellen Menschen. Dabei ist es ähnlich wie in den höchsten Formen der zwischenmenschlichen Begegnung, in der Liebe. Es ist das unsägliche Geheimnis der Liebe Gottes, welche sich über den Offenbarungsempfänger den übrigen einsenken will. Wo sich im Alten Bunde die Botschaft von der Selbsterschließung Gottes zusammenfaßt, wird die Liebe als Inbegriff des Gesetzes proklamiert, die grundlose, unableitbare Liebe und die durch sie hervorgebrachte Liebe des Menschen zum Menschen. Sie bleibt auch in der Vermittlung des göttlichen Tuns bei einer zwischenmenschlichen Begegnung. Der Mitteilende ist hierbei nicht nur durch seine eigene Menschlichkeit, sondern durch das diese formende Gottesgeheimnis bestimmt.

Dazu kommt, daß die Liebe Gottes, die auf dem Wege über den Erstempfänger andere erreichen soll, den Charakter eines Angebotes, nicht eines Zwanges hat, und daher die Freiheit herausfordert, aber nicht verletzt.

 

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2. Kapitel

 

 Sozialisierende Kraft des Gotteswortes

 

Die jeweils dem Akte der Selbsterschließung Gottes vorausliegende Einheit der menschlichen Gruppe wird durch das Offenbarungswort, das im menschlichen Wort ergriffen wird und sich an die anderen richtet, vertieft, verlebendigt und überhöht. Die göttliche Selbsterschließung hat eine sozialisierende Kraft. Der Mensch soll die ihn von seinem Wesen her bindende Gemeinschaftlichkeit und Brüderlichkeit auch in der Dimension des Religiösen erfahren und auf höherem Niveau vollziehen. Die Menschen sollen im Religiösen ebensowenig nur nebeneinander leben wie in den übrigen Regionen des menschlichen Daseins. Die Gemeinschaftlichkeit im Glauben richtet keine Wand auf zwischen Gott und dem Einzelnen, durch welche die Gott-Unmittelbarkeit gehemmt würde. Der Einzelne ist vielmehr zu Gott unmittelbar als Glied der Gruppe. Es ist richtiger, zu sagen: Als Glied der Gruppe, nicht als Glied in der Gruppe, weil so der Einzelne in seinem Eigensein klarer hervortritt (K. Rahner, Schriften zur Theologie V, 1962; ebd. VI1965, 465).

3. Kapitel

 

 Die Last der göttlichen Erwählung

Für den Erwählten ist seine Erwählung in der Regel eine schwere Last und eine drückende Aufgabe. Deswegen wehren sich nicht wenige Propheten gegen

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den Auftrag Gottes wie gegen eine unerträgliche Zumutung. Sie werden aus ihrem bisherigen Dasein, aus ihrem Sippenverband oder Familienverband, jedenfalls aus dem kulturellen Boden, auf welchem sie leben, nicht selten herausgerissen. So geschah es z. B. Abraham, der seine Heimat verlassen und zu einem fremden Volke gehen mußte. Die Erwählten halten sich auch vielfach für unfähig und für unwürdig, einen solchen Auftrag zu erfüllen und fürchten sich vor dem Unbekannten und Undurchsichtigen, das ihnen gewiesen wird. Ein aufschlußreiches Beispiel ist die Berufung des Propheten Jeremias (siehe S. 76f).

Die Berufenen können dem Willen Gottes nicht entrinnen. Sie folgen ihm und setzen sich in freier Entscheidung mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit für den Vollzug des Auftrags ein. Gerade in diesem Totaleinsatz kann man die Echtheit eines Propheten von der Anmaßung eines Pseudopropheten unterscheiden.

Die von Gott in voller Freiheit gewählten Mittler der Offenbarung waren die Patriarchen und Propheten, Christus und die Apostel.

4. Kapitel

 Zusammenwirken von Gott und Mensch

Das Zusammenwirken von Gott und dem die Offenbarung empfangenden Menschen in der Offenbarung stellt ein tiefes, mit den Mitteln der menschlichen Ratio letztlich nicht lösbares Problem dar. In der Schrift

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wird öfters das Bild gebraucht, daß Gott den Menschen seine eigenen Worte gegeben habe, ja, daß er ihnen sein eigenes Wort in den Mund legte und sie dieses von ihnen in den Mund genommene Wort weitergeben sollen. Mit diesem Bilde dürfte gemeint sein, daß Gott die Offenbarungsträger erleuchtet und inspiriert, und zwar derart, daß sie ohne jeden Zweifel wissen, Gott nehme sie in Anspruch, daß sie auch ihren Auftrag und ihre Adressaten kennen, nicht aber, daß sie die Wirkung ihres Redens und ihres Tuns vorauszusehen vermögen. Die Freiheit des Offenbarungsempfängers schließt schwere Fragen in sich. Es wird ihm zwar durch die göttliche Einwirkung ein bestimmter Auftrag gegeben, aber nicht werden ihm bestimmte Formulierungen oder bestimmte Modi für die Weitergabe der ihm aufgetragenen Offenbarungstaten auferlegt. Es bleibt vielmehr dies alles seiner Freiheit überlassen. Dies aber heißt, daß in die Weise eines Auftragsvollzugs eingeht die geschichtliche Situation, seine eigene persönliche Art zu denken, zu spüren, zu reden, sein Sprachstil, sein kulturelles Bewußtsein, also sowohl seine individuelle wie kulturelle und soziale Situation. Ebenso ist seiner Wahl überlassen die literarische Form, in der er die ihm aufgetragene Rede vorbringt. Ob er sie in einer Erzählung, in einem Berichte, einem Hymnus, in einer Aufforderung, in einer Lobpreisung oder auf irgend eine andere literarische Art zum Ausdruck bringt, das ist seiner eigenen Wahl anheimgegeben. Für die Interpretation ist diese Freiheit des Offenbarungsempfängers von großer Schwierigkeit. Zum Verständnis dessen, was er verkündet, ist sowohl die geschichtlich-kritische bzw. die analytische als auch die hermeneutische Methode anzuwenden. Hierüber wird später noch einiges gesagt werden müssen.

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5. Kapitel

 

Übersetzung der ursprünglichen Offenbarung

 

Natürlich muß der Offenbarungsempfänger so zu anderen sprechen, daß sein Handeln und Sprechen von der Gemeinschaft oder von der Gruppe, für die er bestimmt ist, verstanden werden kann und verstanden wird. Dies hat aber zur Folge, daß er in einer Weise handeln und in einer Form reden muß, welche zwar von seinen Zeitgenossen aufgenommen, die aber nicht immer von Späteren verstanden werden kann, die auch von jenen ihm gleichzeitigen menschlichen Gruppierungen nicht ohne weiteres erfaßt wird, welche in einem ganz anderen Sprachfelde leben. Dies bedeutet, daß die erste Übersetzung der göttlichen Inspiration in eine menschliche Sprache immer wieder neue Übersetzungen fordert. Hier öffnet sich ein Problem, das wir ebenfalls in einem späteren Zusammenhang noch einmal aufgreifen müssen. Schon jetzt sei jedoch hervorgehoben, daß spätere Formulierungen sich von der ursprünglichen nicht selten so tiefgreifend unterscheiden, daß der ursprüngliche Sinn nicht mehr unmittelbar und leicht begriffen werden kann. Innerhalb der Geschichte zeigt sich dies z. B. in den schweren Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Aristotelesrezeption in die christliche Theologie und den Verteidigern der vor Thomas von Aquin (gest. 1274) durch Augustinus geprägten Denkweise. Dieser Vorgang stellte nicht nur eine Episode in der Theologie dar, sondern einen schweren Kampf und ein hartes geistiges Ringen mit weittragenden Folgen. Ähnlich war es aber schon 800 bis 1000 Jahre vorher in der Aufnahme philosophi-

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scher Kategorien zur Darstellung der Gestalt Jesu Christi. Wie uns die Heilige Schrift zeigt, kann es in dem Verlaufe der göttlichen Selbsterschließung auch zwischen den Offenbarungsempfängern selbst zu tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten kommen. Wir brauchen nur an den Gegensatz zwischen Petrus und Paulus in Bezug auf die Verpflichtung der Christusgläubigen zur alttestamentlichen Beschneidung zu denken. Auch dies war nicht eine harmlose Episode, es handelte sich vielmehr um einen Gegensatz von großer Tiefe. Man kann dabei fragen, ob eine Weisung Gottes nur für eine gewisse Zeit bestimmt sein kann oder ob sie für immer gelten soll. In der Frage der Beschneidung sieht man, daß göttliche Weisungen auch für eine Epoche gedacht sein können, während sie für eine andere Epoche geradezu schädlich wären, daher nicht mehr in Geltung bleiben können. Nicht kann eine solche Zeitbegrenzung naturgemäß für den Wahrheitsgehalt einer göttlichen Selbsterschließung in Anspruch genommen werden. Dies würde ja bedeuten, daß die Orthodoxie umgewandelt wird in eine Orthopraxie, unter Aufgabe ihrer eigenen bisherigen Wahrheit.

6. Kapitel

Menschliche Freiheit in göttlicher Freiheit

Die Tatsache, daß Gott in einem geschichtlichen, menschlichen Tun handelt und daß er in einem geschichtlich faßbaren menschlichen Worte spricht, hat

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zur Folge, daß man die Offenbarungstat und die Offenbarungsworte nicht als Ideologien mißverstehen kann und darf und daß ebensowenig die Verkündigung des göttlichen Wortes oder die Verkündigung der göttlichen Taten in der Gestalt von Menschenworten und Menschentaten Indoktrination ist. Es ergeben sich jedoch aus diesem Zusammen von Gott und Mensch im Handeln und im Tun schwerwiegende Probleme. Man kann nämlich fragen, ob durch das Tun Gottes nicht das menschliche Tun ausgeschaltet wird oder ob durch das menschliche Tun das Tun Gottes für Gott nicht bloß zu einer Gelegenheit wird, sich selbst in Sicht zu bringen, so daß entweder Gott oder der Mensch ausfallen müssen. Diese Überlegung ist für manche Formen des Atheismus der Grund, Gott zu leugnen. Man lehnt die Existenz Gottes ab, weil Gott, wenn es ihn gäbe, die menschliche Freiheit bedrohen oder vernichten würde. Es liegt indes hier ein zwar nicht leicht zu behebendes, aber dennoch durchschaubares Mißverständnis vor. Gott ist ja geradezu der Begründer der menschlichen Freiheit. Man kann nicht die These aufstellen: Je weniger Gott wirkt im Menschen, umso mehr ist der menschlichen Freiheit Raum gegeben. Je mehr Gott im Menschen wirkt, um so mehr werde die menschliche Freiheit zurückgedrängt. Man muß vielmehr umgekehrt sagen: Je mehr Gott wirkt im Menschen, um so größer ist die Möglichkeit für das freie menschliche Wirken. Nur Gott kann so auf den Menschen wirken, daß dessen Freiheit nicht aufgehoben, sondern ausgelost wird.

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7. Kapitel

 

Geschichte des Wortes Gottes

Die Dynamik des göttlichen Wortes darf nicht einseitig verstanden werden. Das Wort Gottes gibt dem Menschen nicht nur Antriebe und Impulse, sondern auch Inhalte. Dies letzte sei noch eigens betont. Es zeigt sich sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Es wurde schon mehrfach hervorgehoben, wie sehr sich der Apostel Paulus um das rechte Verständnis des Kreuzestodes und der Auferstehung bemühte. Er legt das Ergebnis seiner gläubigen Reflexion in einer vielfältigen Lehre dar. Ein einseitiger Dynamismus und Aktualismus würde dem Sinne und der Tragweite des Wortes Gottes widersprechen,

Zu einem tieferen Verständnis des schon hervorgehobenen Zusammen von Deutung und Wirkung vermag ein Durchblick durch die Geschichte des Wortes Gottes nach ihren Hauptphasen zu verhelfen.

Für diesen Zweck muß noch einmal daran erinnert werden, daß die Sinaioffenbarung (Ex 19 f) in der Mitte aller alttestamentlichen Offenbarungen steht. In diesen Ereignissen war Mose der von Gott bestellte Mittler, welcher die Selbstzusage Gottes an das Volk Israel diesem auszurichten hatte. Auf Grund der Erfahrungen, die das Volk Israel in seiner Geschichte mit Gott machte, hat es das gesamte göttliche Tun als Wortgeschehen verstanden. Unter diesem Aspekt wurde auch die Entstehung der Welt und deren Erhaltung dem Worte Gottes zugeschrieben. Das Problem der Entstehung der Natur tritt zwar im alttestamentlichen Denken gegenüber der Auslegung der Geschichte als einer göttlichen Selbsterschließung zurück. Zudem geht es in den Texten, welche von der

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Entstehung der Welt sprechen, nie um ein kosmologisches Problem, sondern immer um die Heilsfrage. In der Priesterschrift (Gen 1,1-31) des Buches der Genesis wird die Entstehung der Welt als der Beginn des göttlichen Heilshandelns beschrieben. Die Verfasser sind dabei nicht von der Sorge erfüllt, ob sie von einer natürlichen oder übernatürlichen Dimension innerhalb der Schöpfung sprechen. Diese von der späteren Theologie ausgearbeitete, für das Verständnis der Offenbarung wichtige Unterscheidung lag ihnen nicht am Herzen. Man wird wohl dem Geiste des Alten Testamentes am ehesten gerecht, wenn man betont, daß ihm zwar der Begriff des Übernatürlichen unbekannt war, daß aber die Wirklichkeit, welche man in der mittelalterlichen Theologie mit diesem Worte benannte, von Anfang an präsent war, und zwar nicht in seiner eigenen Dynamik, sondern in der vorauswirkenden Dynamik des verheißenen Messias. Die Tatsache, daß nach der Priesterschrift Gott die Welt durch das Wort hervorgerufen hat, scheint darauf hinzuweisen, daß es von Anfang an Gottes Absicht war, mit den Geschöpfen in ein vertrautes Gespräch einzutreten. Dies ergibt sich auch daraus, daß nach der Genesis der Mensch das Gespräch mit Gott zwar abgebrochen hat, daß aber Gott trotzdem beim Dialog geblieben ist und ihn gewissermaßen immer wieder von neuem gesucht hat. Die Verfasser der Genesis kennen nur ein Wort Gottes, das sich in vielen Stufen entfaltete. Sie sprechen von dem Worte Gottes, das die Welt rief, nicht anders als von dem Worte, welches Mose mit der Befreiung des Volkes beauftragt hat. Gott hat die Dinge gerufen, und sie sind gekommen. Durch den Ruf Gottes werden sie auch in ihrem Dasein erhalten. Wie eng das Wort, durch das Gott Himmel und Erde hervorgerufen hat, mit dem Worte an Israel zusam-

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menhängt, ergibt sich etwa aus Psalm 19,1-15. Auch in Psalm 147 werden Jahwes Schöpfungshandeln und sein Heilstun zur Einheit integriert. Für Deutero-Jesajas ist das schöpferische Wort Gottes, durch das die Dinge entstehen, nicht nur das erste der geschichtlichen Gotteswunder, sondern selbst ein Heilsgeschehen. Es ist die Grundtage aller kommenden göttlichen Heilstaten (Gen 1,1-31; Jes 38,13; Dt-Jes 40,26; Pss 33,6.9; 147,4; 148,5; Sir 39.17; 42,15; Jdt 16,15 f).

Sowohl nach dem jahwistischen wie nach dem elohistischen Text wurde Abraham durch das Wort Gottes aus seiner Heimat und aus seinem Vaterhause gerufen. Es wurden ihm große Nachkommenschaft und ein gesegnetes Land verheißen (Gen 12; 15). Darüber hinaus wird ihm gesagt, daß in ihm alle Geschlechter der Erde gesegnet sein sollen. Gottes Bund mit Abraham war der Vorläufer des Mosebundes. In dem sogenannten »kleinen geschichtlichen Credo« wird dieser Zusammenhang feierlich bekannt (Dtn 6,20-25; 26,5b-9; Jos 24,2b-13). Die von Gott gefügte Geschichte Abrahams ist die Einleitung der Geschichte Israels, des Gottesvolkes (s. W. Richter, Beobachtungen zur theologischen Systembildung in der alttestamentlichen Literatur an Hand des »kleinen geschichtlichen Credo«, in: Wahrheit und Verkündigung, Paderborn 1967,175-212).

 

8. Kapitel

 

Bundeschließung durch das Wort

Durch sein Wort hat Gott endgültig den Bund mit dem von ihm erwählten Volk geschlossen (Ex 14,1-8). Mose war der Mittler. Nach ihm ist kein Prophet auf-

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gestanden wie er (Dtn 5,4; 34,10 ff). Das Grundgesetz des Bundes ist der Dekalog (Ex 20,3-17; Dtn 4,13; 10,4). Die Mitte aller Forderungen Jahwes an sein Volk ist die Liebe Israels zu ihm (Dtn 4,37; 7,6 ff; 10,12 ff; 11,1.13.22; 30,16.20). Der Dekalog bekommt geradezu die Bezeichnung »die zehn Worte« (Ex 34,28). Sie gelten als das Ganze der heilshaften Willenskundgebungen Jahwes an Israel. Wir haben von diesen Vorgängen mehrere Überlieferungsformen. Nach Exodus 19,20-24 heißt es: »Der Herr war auf den Sinaiberg, und zwar auf die Spitze herabgekommen. Er rief den Mose auf die Spitze des Berges, und Mose stieg hinauf. Da sprach der Herr zu Mose: „Steige hinab und befiehl nachdrücklich dem Volke, daß es zu dem Herrn nicht durchbreche, um ihn zu sehen, denn viele müßten sonst umkommen. Auch die Priester, die dem Herrn sich nähern, sollen sich jetzt in ehrfurchtsvoller Entfernung halten, damit der Herr gegen sie nicht losbricht.' Da entgegnete Moses dem Herrn: Das Volk kann ja gar nicht zum Berg Sinai hinaufsteigen, denn du selbst hast es uns eingeschärft: ,Ziehe eine Grenze um den Berg und erkläre ihn für geweiht.' Der Herr sagte nun zu ihm: ,Geh, steige hinab und komme mit Aaron wieder hinauf. Die Priester aber und das Volk sollen die Grenze nicht durchbrechen, um zum Herrn hinaufzukommen; er würde sonst gegen sie losziehen,' «Nach der Priesterschrift lautet der Text (Ex 24,15 ff.): »Mose stieg auf den Berg hinauf und sodann verhüllte die Wolke den Berg. Der Lichtglanz des Herrn schlug auf dem Berge Sinai seine Wohnung auf, die Wolke bedeckte ihn sechs Tage lang, und am siebenten Tage rief er den Moses mitten aus dem Gewölk. Der Lichtglanz des Herrn aber erschien den Israeliten wie ein auf dem Bergesgipfel gierig fressendes Feuer. Mose ging in die Wolke hinein, stieg den Berg

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hinauf und verblieb vierzig Tage und vierzig Nächte.« Ein Redaktor interpretiert den Vorgang, in welchem das Volk Donnerschläge, Blitze, Posaunenschall und den rauchenden Berg wahrnahm, in Furcht und Zittern von ferne stehen blieb und Mose bat, er möge mit Gott reden, damit sie nicht, wenn sie mit ihm sprächen, sterben müßten, und daß sich Mose auf diese Bitte der dunklen Wolke näherte, in der Gott war, mit folgenden Worten: »Nun sprach der Herr zu Moses: .Sprich also zu den Israeliten: Ihr habt es miterlebt, wie ich vom Himmel her mit euch gesprochen habe'« (Ex 20,22). In zahllosen Einzelvorschriften werden die »zehn Worte« ausgelegt, entfaltet und angewendet (Ex 21 ff; 25,1-31; 35,1-39.43). Besonders wichtig ist die Zentralisation des Kultes.

Jahwe ließ dem Volke durch Mose den Bund zur Annahme vorlegen (Ex 24,3). Der Bund sollte von beiden Bundespartnern in Freiheit geschlossen werden. Das Volk antwortete: »Alles, was der Herr gesprochen, wollen wir befolgen« (Ex 24,7). Der Bundesvertrag wurde schriftlich fixiert, damit er in Israel immerfort als Erinnerung an Gottes gnädige Erwählung und als Grundlage des geschichtlichen Handelns dem Volke gegenwärtig bleibe (Dtn 4,2.5 ff; 31,24 ff) und das Vergangene als etwas heute und hier Geschehendes aktualisiert werden könne.

In der Zeit der Propheten wurde das Volk durch die prophetische Rede immer wieder an den Bund gemahnt. Wenn es den Bund verläßt, hält Gott Gericht, nicht um das Volk zu verwerfen, sondern um es zur Bundestreue zurückzurufen. Das prophetische Wort hat daher die Funktion, im Volk das Bundesbewußtsein wachzuhalten oder es wieder zu wecken. Zugleich allerdings weist es das so oft abtrünnige Volk zur Bekehrung und zur Hoffnung in die Zukunft.

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9. Kapitel

 

Selbstrepräsentation Gottes im Wort

 

Eine besondere Form der göttlichen Selbsterschließung im Wort stellen die "Ich-bin" -Formeln dar. Sie treten vor allem bei Deutero-Jesajas auf, und zwar in der Gestalt eines Rechtsstreites zwischen Jahwe und den Götzen, d. h. in der Auseinandersetzung mit der polytheistischen Umwelt. In diesem Rechtsstreit steht die Einzigkeit Gottes zur Diskussion. Nach Deutero-Jesajas 43,10 ist das, was erkannt, geglaubt und eingesehen werden soll, die Wahrheit, »daß Ich es bin«, »daß vor mir kein Gott gebildet ist und nach mir keiner je sein wird«. Gott selbst ruft die Angehörigen seines Volkes zu Zeugen dafür an, daß er der einzige Gott ist, daß er der Erste und der Letzte ist und daß es außer ihm keinen Gott gibt (Deutero-Jes 43,12; 44,8 f; 44,66). Jahwe allein kann Propheten senden. Ein prophetisches Wort, das eintrifft und als geschichtsmächtige, rettende Tat wirkt, kann von den Göttern nicht vorgewiesen werden (Dt-Jes 44,9). Jahwe bezeugt sich also durch sein geschichtsstiftendes Wort in Israel. Israel ist Zeuge für das Gottsein Jahwes und für die Einzigartigkeit und Einzigkeit Gottes (0. Semmelroth. Die Heilskraft des Wortes, Frankfurt 1965. Fr. Mußner, Die Wunder Jesu, München 1967. J. Barr, Bibelexegese und moderne Semantik, München 1965).

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