8.
ABSCHNITT
Die Erstempfänger der Offenbarung
und
deren Weitergabe
1.
Kapitel
Hören als Unterwerfung?
Letztlich
ist die Offenbarung Gottes hingerichtet auf die ganze Menschheit. Sie hat eine
universale Intention. Der Weg aber, auf dem sie die ganze Menschheit erreichen
soll, ist partikulär. Eine Ausnahme bildet die Schöpfungsoffenbarung, (vgl. S.
19). Im übrigen aber wendet sich Gott, wenngleich er jedem Menschen seine
Selbsterschließung zugedacht hat, nicht unmittelbar an jeden einzelnen. Er
schenkt nicht unmittelbar jedem einzelnen ein neues Bewußtsein. Vielmehr wendet
er sich jeweils einem einzigen, von ihm Erwählten zu, als dem Vertreter einer
Gruppe, als dem Repräsentanten von Vielen, als einer kooperativen Persönlichkeit.
Ein solcher Mensch soll und muß, was er selbst empfangen hat, an seine Gruppe
weitergeben. Eine solche Sendung gehört wesentlich in den Vorgang bestimmter göttlicher
Offenbarungen hinein. Darin liegt zugleich die Aufforderung an die anderen, dem
so Erwählten in den inneren Anliegen des eigenen Lebens, in den Fragen des
Heiles zu vertrauen und sich seinem Worte anheim zu geben. So ist die
Offenbarung eine vermittelte Unmittelbarkeit. Dies kann als ein Schlag gegen das
eigene Selbstbewußtsein, gegen die persönliche Souveränität empfunden
werden.
94
Es
kann sich das Ärgernis auftun. Es liegt schon in der Frage, warum gerade
dieser, namentlich wenn der Offenbarungsträger nicht die höchste Stufe des
moralischen Lebens erreicht, ja wenn er durch sein moralisches Verhalten sogar
anderen ein schlechtes Beispiel gibt. Das Vertrauen auf den Offenbarungsempfänger
ist ohne irgendeine Form von Unterwerfung unter sein Wort, welches er als Wort
Gottes verkündet und für das er daher Vertrauen, ja geradezu Gehorsam
erwartet, ja fordert, nicht möglich.
Wenn
wir den Vorgang genauer analysieren, zeigt sich allerdings ein helleres
Resultat. Wenn nämlich das Innere eines Menschen durch das Wort eines anderen
in Bewegung gesetzt wird, so braucht dies keine Überfremdung des angesprochenen
Ich zu sein, und zwar deshalb nicht, weil von Haus aus jede menschliche Existenz
wesenhaft, nicht nur praktisch für die menschlichen Bedürfnisse des alltäglichen
Daseins, Mitexistenz ist, und daher jeder einzelne sein eigenes menschliches
Wesen nur durch die Aufnahme des anderen in sein Bewußtsein und in sein Leben,
also in Begegnung, durch seelische und geistige Partnerschaft zur Entfaltung zu
bringen vermag. Dieser Vorgang wird am meisten erfahren in der menschlichen
Liebe. Er gehört aber zu dem menschlichen Dasein überhaupt. Die Aufnahme des
Du wird nicht als eine Entfremdung, sondern als eine Erfüllung des Ich
empfunden und erlebt.
Im
Falle der Selbsterschließung Gottes kommt hinzu, daß der Hörende und
Empfangende nicht nur, durch das Wort des Mitmenschen bereichert, zu einer höheren
Stufe der Existenz emporgeführt wird, indem er am Leben und in dem im Worte
sich objektivierenden Bewußtsein des anderen teilnimmt, sondern durch Gott
selbst, durch den Gott, mit dem er von sei-
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ner
menschlichen Existenz her verwandt ist, weil er Abbild Gottes ist. Gott ist es
ja, welcher das im Worte des Redenden sich darstellende Bewußtsein gebildet hat
und bewegt. So spricht Gott selbst den Einzelnen an, wählt aber hierfür einen
Menschen als Medium. Diese Wahl nimmt er in voller Freiheit vor. Gott geht also
zum Menschen über den Menschen, und es ist seinem Geheimnis vorbehalten, wen er
als Weg zum anderen wählt. Daß er aber überhaupt diesen Weg wählt, hat
seinen Grund in der Mitmenschlichkeit der individuellen Menschen. Dabei ist es
ähnlich wie in den höchsten Formen der zwischenmenschlichen Begegnung, in der
Liebe. Es ist das unsägliche Geheimnis der Liebe Gottes, welche sich über den
Offenbarungsempfänger den übrigen einsenken will. Wo sich im Alten Bunde die
Botschaft von der Selbsterschließung Gottes zusammenfaßt, wird die Liebe als
Inbegriff des Gesetzes proklamiert, die grundlose, unableitbare Liebe und die
durch sie hervorgebrachte Liebe des Menschen zum Menschen. Sie bleibt auch in
der Vermittlung des göttlichen Tuns bei einer zwischenmenschlichen Begegnung.
Der Mitteilende ist hierbei nicht nur durch seine eigene Menschlichkeit, sondern
durch das diese formende Gottesgeheimnis bestimmt.
Dazu
kommt, daß die Liebe Gottes, die auf dem Wege über den Erstempfänger andere
erreichen soll, den Charakter eines Angebotes, nicht eines Zwanges hat, und
daher die Freiheit herausfordert, aber nicht verletzt.
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2. Kapitel
Sozialisierende
Kraft des Gotteswortes
Die
jeweils dem Akte der Selbsterschließung Gottes vorausliegende Einheit der
menschlichen Gruppe wird durch das Offenbarungswort, das im menschlichen Wort
ergriffen wird und sich an die anderen richtet, vertieft, verlebendigt und überhöht.
Die göttliche Selbsterschließung hat eine sozialisierende Kraft. Der
Mensch soll die ihn von seinem Wesen her bindende Gemeinschaftlichkeit und Brüderlichkeit
auch in der Dimension des Religiösen erfahren und auf höherem Niveau
vollziehen. Die Menschen sollen im Religiösen ebensowenig nur nebeneinander
leben wie in den übrigen Regionen des menschlichen Daseins. Die
Gemeinschaftlichkeit im Glauben richtet keine Wand auf zwischen Gott und dem
Einzelnen, durch welche die Gott-Unmittelbarkeit gehemmt würde. Der Einzelne
ist vielmehr zu Gott unmittelbar als Glied der Gruppe. Es ist richtiger, zu
sagen: Als Glied der Gruppe, nicht als Glied in der Gruppe, weil so der Einzelne
in seinem Eigensein klarer hervortritt (K. Rahner, Schriften zur Theologie V,
1962; ebd. VI1965, 465).
3. Kapitel
Die
Last der göttlichen Erwählung
Für
den Erwählten ist seine Erwählung in der Regel eine schwere Last und eine drückende
Aufgabe. Deswegen wehren sich nicht wenige Propheten gegen
97
den
Auftrag Gottes wie gegen eine unerträgliche Zumutung. Sie werden aus ihrem
bisherigen Dasein, aus ihrem Sippenverband oder Familienverband, jedenfalls aus
dem kulturellen Boden, auf welchem sie leben, nicht selten herausgerissen. So
geschah es z. B. Abraham, der seine Heimat verlassen und zu einem fremden Volke
gehen mußte. Die Erwählten halten sich auch vielfach für unfähig und für
unwürdig, einen solchen Auftrag zu erfüllen und fürchten sich vor dem
Unbekannten und Undurchsichtigen, das ihnen gewiesen wird. Ein aufschlußreiches
Beispiel ist die Berufung des Propheten Jeremias (siehe S. 76f).
Die
Berufenen können dem Willen Gottes nicht entrinnen. Sie folgen ihm und setzen
sich in freier Entscheidung mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit für den
Vollzug des Auftrags ein. Gerade in diesem Totaleinsatz kann man die Echtheit
eines Propheten von der Anmaßung eines Pseudopropheten unterscheiden.
Die
von Gott in voller Freiheit gewählten Mittler der Offenbarung waren die
Patriarchen und Propheten, Christus und die Apostel.
4.
Kapitel
Zusammenwirken
von Gott und Mensch
Das
Zusammenwirken von Gott und dem die Offenbarung empfangenden Menschen in der
Offenbarung stellt ein tiefes, mit den Mitteln der menschlichen Ratio letztlich
nicht lösbares Problem dar. In der Schrift
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wird
öfters das Bild gebraucht, daß Gott den Menschen seine eigenen Worte gegeben
habe, ja, daß er ihnen sein eigenes Wort in den Mund legte und sie dieses von
ihnen in den Mund genommene Wort weitergeben sollen. Mit diesem Bilde dürfte
gemeint sein, daß Gott die Offenbarungsträger erleuchtet und inspiriert, und
zwar derart, daß sie ohne jeden Zweifel wissen, Gott nehme sie in Anspruch, daß
sie auch ihren Auftrag und ihre Adressaten kennen, nicht aber, daß sie die
Wirkung ihres Redens und ihres Tuns vorauszusehen vermögen. Die Freiheit des
Offenbarungsempfängers schließt schwere Fragen in sich. Es wird ihm zwar durch
die göttliche Einwirkung ein bestimmter Auftrag gegeben, aber nicht werden ihm
bestimmte Formulierungen oder bestimmte Modi für die Weitergabe der ihm
aufgetragenen Offenbarungstaten auferlegt. Es bleibt vielmehr dies alles seiner
Freiheit überlassen. Dies aber heißt, daß in die Weise eines Auftragsvollzugs
eingeht die geschichtliche Situation, seine eigene persönliche Art zu denken,
zu spüren, zu reden, sein Sprachstil, sein kulturelles Bewußtsein, also sowohl
seine individuelle wie kulturelle und soziale Situation. Ebenso ist seiner Wahl
überlassen die literarische Form, in der er die ihm aufgetragene Rede
vorbringt. Ob er sie in einer Erzählung, in einem Berichte, einem Hymnus, in
einer Aufforderung, in einer Lobpreisung oder auf irgend eine andere
literarische Art zum Ausdruck bringt, das ist seiner eigenen Wahl anheimgegeben.
Für die Interpretation ist diese Freiheit des Offenbarungsempfängers von großer
Schwierigkeit. Zum Verständnis dessen, was er verkündet, ist sowohl die
geschichtlich-kritische bzw. die analytische als auch die hermeneutische Methode
anzuwenden. Hierüber wird später noch einiges gesagt werden müssen.
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5. Kapitel
Übersetzung
der ursprünglichen Offenbarung
Natürlich
muß der Offenbarungsempfänger so zu anderen sprechen, daß sein Handeln und
Sprechen von der Gemeinschaft oder von der Gruppe, für die er bestimmt ist,
verstanden werden kann und verstanden wird. Dies hat aber zur Folge, daß er in
einer Weise handeln und in einer Form reden muß, welche zwar von seinen
Zeitgenossen aufgenommen, die aber nicht immer von Späteren verstanden werden
kann, die auch von jenen ihm gleichzeitigen menschlichen Gruppierungen nicht
ohne weiteres erfaßt wird, welche in einem ganz anderen Sprachfelde leben. Dies
bedeutet, daß die erste Übersetzung der göttlichen Inspiration in eine
menschliche Sprache immer wieder neue Übersetzungen fordert. Hier öffnet sich
ein Problem, das wir ebenfalls in einem späteren Zusammenhang noch einmal
aufgreifen müssen. Schon jetzt sei jedoch hervorgehoben, daß spätere
Formulierungen sich von der ursprünglichen nicht selten so tiefgreifend
unterscheiden, daß der ursprüngliche Sinn nicht mehr unmittelbar und leicht
begriffen werden kann. Innerhalb der Geschichte zeigt sich dies z. B. in den
schweren Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Aristotelesrezeption
in die christliche Theologie und den Verteidigern der vor Thomas von Aquin
(gest. 1274) durch Augustinus geprägten Denkweise. Dieser Vorgang stellte nicht
nur eine Episode in der Theologie dar, sondern einen schweren Kampf und ein
hartes geistiges Ringen mit weittragenden Folgen. Ähnlich war es aber schon 800
bis 1000 Jahre vorher in der Aufnahme philosophi-
100
scher
Kategorien zur Darstellung der Gestalt Jesu Christi. Wie uns die Heilige Schrift
zeigt, kann es in dem Verlaufe der göttlichen Selbsterschließung auch zwischen
den Offenbarungsempfängern selbst zu tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten
kommen. Wir brauchen nur an den Gegensatz zwischen Petrus und Paulus in Bezug
auf die Verpflichtung der Christusgläubigen zur alttestamentlichen Beschneidung
zu denken. Auch dies war nicht eine harmlose Episode, es handelte sich vielmehr
um einen Gegensatz von großer Tiefe. Man kann dabei fragen, ob eine Weisung
Gottes nur für eine gewisse Zeit bestimmt sein kann oder ob sie für immer
gelten soll. In der Frage der Beschneidung sieht man, daß göttliche Weisungen
auch für eine Epoche gedacht sein können, während sie für eine andere Epoche
geradezu schädlich wären, daher nicht mehr in Geltung bleiben können. Nicht
kann eine solche Zeitbegrenzung naturgemäß für den Wahrheitsgehalt einer göttlichen
Selbsterschließung in Anspruch genommen werden. Dies würde ja bedeuten, daß
die Orthodoxie umgewandelt wird in eine Orthopraxie, unter Aufgabe ihrer eigenen
bisherigen Wahrheit.
6.
Kapitel
Menschliche
Freiheit in göttlicher Freiheit
Die
Tatsache, daß Gott in einem geschichtlichen, menschlichen Tun handelt und daß
er in einem geschichtlich faßbaren menschlichen Worte spricht, hat
101
zur
Folge, daß man die Offenbarungstat und die Offenbarungsworte nicht als
Ideologien mißverstehen kann und darf und daß ebensowenig die Verkündigung
des göttlichen Wortes oder die Verkündigung der göttlichen Taten in der
Gestalt von Menschenworten und Menschentaten Indoktrination ist. Es ergeben sich
jedoch aus diesem Zusammen von Gott und Mensch im Handeln und im Tun
schwerwiegende Probleme. Man kann nämlich fragen, ob durch das Tun Gottes nicht
das menschliche Tun ausgeschaltet wird oder ob durch das menschliche Tun das Tun
Gottes für Gott nicht bloß zu einer Gelegenheit wird, sich selbst in Sicht zu
bringen, so daß entweder Gott oder der Mensch ausfallen müssen. Diese Überlegung
ist für manche Formen des Atheismus der Grund, Gott zu leugnen. Man lehnt die
Existenz Gottes ab, weil Gott, wenn es ihn gäbe, die menschliche Freiheit
bedrohen oder vernichten würde. Es liegt indes hier ein zwar nicht leicht zu
behebendes, aber dennoch durchschaubares Mißverständnis vor. Gott ist ja
geradezu der Begründer der menschlichen Freiheit. Man kann nicht die These
aufstellen: Je weniger Gott wirkt im Menschen, umso mehr ist der menschlichen
Freiheit Raum gegeben. Je mehr Gott im Menschen wirkt, um so mehr werde die
menschliche Freiheit zurückgedrängt. Man muß vielmehr umgekehrt sagen: Je
mehr Gott wirkt im Menschen, um so größer ist die Möglichkeit für das freie
menschliche Wirken. Nur Gott kann so auf den Menschen wirken, daß dessen
Freiheit nicht aufgehoben, sondern ausgelost wird.
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7.
Kapitel
Geschichte des Wortes Gottes
Die
Dynamik des göttlichen Wortes darf nicht einseitig verstanden werden. Das Wort
Gottes gibt dem Menschen nicht nur Antriebe und Impulse, sondern auch Inhalte.
Dies letzte sei noch eigens betont. Es zeigt sich sowohl im Alten als auch
im Neuen Testament. Es wurde schon mehrfach hervorgehoben, wie sehr sich der
Apostel Paulus um das rechte Verständnis des Kreuzestodes und der
Auferstehung bemühte. Er legt das Ergebnis seiner gläubigen Reflexion in einer
vielfältigen Lehre dar. Ein einseitiger Dynamismus und Aktualismus würde dem
Sinne und der Tragweite des Wortes Gottes widersprechen,
Zu
einem tieferen Verständnis des schon hervorgehobenen Zusammen von Deutung und
Wirkung vermag ein Durchblick durch die Geschichte des Wortes Gottes nach ihren
Hauptphasen zu verhelfen.
Für
diesen Zweck muß noch einmal daran erinnert werden, daß die Sinaioffenbarung
(Ex 19 f) in der Mitte aller alttestamentlichen Offenbarungen steht. In diesen
Ereignissen war Mose der von Gott bestellte Mittler, welcher die Selbstzusage
Gottes an das Volk Israel diesem auszurichten hatte. Auf Grund der Erfahrungen,
die das Volk Israel in seiner Geschichte mit Gott machte, hat es das gesamte göttliche
Tun als Wortgeschehen verstanden. Unter diesem Aspekt wurde auch die Entstehung
der Welt und deren Erhaltung dem Worte Gottes zugeschrieben. Das Problem der
Entstehung der Natur tritt zwar im alttestamentlichen Denken gegenüber der
Auslegung der Geschichte als einer göttlichen Selbsterschließung zurück.
Zudem geht es in den Texten, welche von der
103
Entstehung
der Welt sprechen, nie um ein kosmologisches Problem, sondern immer um die
Heilsfrage. In der Priesterschrift (Gen 1,1-31) des Buches der Genesis wird die
Entstehung der Welt als der Beginn des göttlichen Heilshandelns beschrieben.
Die Verfasser sind dabei nicht von der Sorge erfüllt, ob sie von einer
natürlichen oder übernatürlichen Dimension innerhalb der Schöpfung sprechen.
Diese von der späteren Theologie ausgearbeitete, für das Verständnis der
Offenbarung wichtige Unterscheidung lag ihnen nicht am Herzen. Man wird wohl dem
Geiste des Alten Testamentes am ehesten gerecht, wenn man betont, daß ihm zwar
der Begriff des Übernatürlichen unbekannt war, daß aber die Wirklichkeit,
welche man in der mittelalterlichen Theologie mit diesem Worte benannte, von
Anfang an präsent war, und zwar nicht in seiner eigenen Dynamik, sondern in der
vorauswirkenden Dynamik des verheißenen Messias. Die Tatsache, daß nach der
Priesterschrift Gott die Welt durch das Wort hervorgerufen hat, scheint darauf
hinzuweisen, daß es von Anfang an Gottes Absicht war, mit den Geschöpfen in
ein vertrautes Gespräch einzutreten. Dies ergibt sich auch daraus, daß nach
der Genesis der Mensch das Gespräch mit Gott zwar abgebrochen hat, daß aber
Gott trotzdem beim Dialog geblieben ist und ihn gewissermaßen immer wieder von
neuem gesucht hat. Die Verfasser der Genesis kennen nur ein Wort Gottes, das
sich in vielen Stufen entfaltete. Sie sprechen von dem Worte Gottes, das die
Welt rief, nicht anders als von dem Worte, welches Mose mit der Befreiung des
Volkes beauftragt hat. Gott hat die Dinge gerufen, und sie sind gekommen. Durch
den Ruf Gottes werden sie auch in ihrem Dasein erhalten. Wie eng das Wort, durch
das Gott Himmel und Erde hervorgerufen hat, mit dem Worte an Israel zusam-
104
menhängt,
ergibt sich etwa aus Psalm 19,1-15. Auch in Psalm 147 werden Jahwes Schöpfungshandeln
und sein Heilstun zur Einheit integriert. Für Deutero-Jesajas ist das schöpferische
Wort Gottes, durch das die Dinge entstehen, nicht nur das erste der
geschichtlichen Gotteswunder, sondern selbst ein Heilsgeschehen. Es ist die
Grundtage aller kommenden göttlichen Heilstaten (Gen 1,1-31; Jes 38,13; Dt-Jes
40,26; Pss 33,6.9; 147,4; 148,5; Sir 39.17; 42,15; Jdt 16,15 f).
Sowohl
nach dem jahwistischen wie nach dem elohistischen Text wurde Abraham durch das
Wort Gottes aus seiner Heimat und aus seinem Vaterhause gerufen. Es wurden ihm
große Nachkommenschaft und ein gesegnetes Land verheißen (Gen 12; 15). Darüber
hinaus wird ihm gesagt, daß in ihm alle Geschlechter der Erde gesegnet sein
sollen. Gottes Bund mit Abraham war der Vorläufer des Mosebundes. In dem
sogenannten »kleinen geschichtlichen Credo« wird dieser Zusammenhang feierlich
bekannt (Dtn 6,20-25; 26,5b-9; Jos 24,2b-13). Die von Gott gefügte Geschichte
Abrahams ist die Einleitung der Geschichte Israels, des Gottesvolkes (s. W.
Richter, Beobachtungen zur theologischen Systembildung in der alttestamentlichen
Literatur an Hand des »kleinen geschichtlichen Credo«, in: Wahrheit und Verkündigung,
Paderborn 1967,175-212).
8. Kapitel
Bundeschließung durch das Wort
Durch
sein Wort hat Gott endgültig den Bund mit dem von ihm erwählten Volk
geschlossen (Ex 14,1-8). Mose war der Mittler. Nach ihm ist kein Prophet auf-
105
gestanden
wie er (Dtn 5,4; 34,10 ff). Das Grundgesetz des Bundes ist der Dekalog (Ex
20,3-17; Dtn 4,13; 10,4). Die Mitte aller Forderungen Jahwes an sein Volk ist
die Liebe Israels zu ihm (Dtn 4,37; 7,6 ff; 10,12 ff; 11,1.13.22; 30,16.20). Der
Dekalog bekommt geradezu die Bezeichnung »die zehn Worte« (Ex 34,28). Sie
gelten als das Ganze der heilshaften Willenskundgebungen Jahwes an Israel. Wir
haben von diesen Vorgängen mehrere Überlieferungsformen. Nach Exodus 19,20-24
heißt es: »Der Herr war auf den Sinaiberg, und zwar auf die Spitze
herabgekommen. Er rief den Mose auf die Spitze des Berges, und Mose stieg
hinauf. Da sprach der Herr zu Mose: „Steige hinab und befiehl nachdrücklich
dem Volke, daß es zu dem Herrn nicht durchbreche, um ihn zu sehen, denn viele müßten
sonst umkommen. Auch die Priester, die dem Herrn sich nähern, sollen sich jetzt
in ehrfurchtsvoller Entfernung halten, damit der Herr gegen sie nicht
losbricht.' Da entgegnete Moses dem Herrn: Das Volk kann ja gar nicht zum Berg
Sinai hinaufsteigen, denn du selbst hast es uns eingeschärft: ,Ziehe eine
Grenze um den Berg und erkläre ihn für geweiht.' Der Herr sagte nun zu ihm:
,Geh, steige hinab und komme mit Aaron wieder hinauf. Die Priester aber und das
Volk sollen die Grenze nicht durchbrechen, um zum Herrn hinaufzukommen; er würde
sonst gegen sie losziehen,' «Nach der Priesterschrift lautet der Text (Ex 24,15
ff.): »Mose stieg auf den Berg hinauf und sodann verhüllte die Wolke den Berg.
Der Lichtglanz des Herrn schlug auf dem Berge Sinai seine Wohnung auf, die Wolke
bedeckte ihn sechs Tage lang, und am siebenten Tage rief er den Moses mitten aus
dem Gewölk. Der Lichtglanz des Herrn aber erschien den Israeliten wie ein auf
dem Bergesgipfel gierig fressendes Feuer. Mose ging in die Wolke hinein, stieg
den Berg
106
hinauf
und verblieb vierzig Tage und vierzig Nächte.« Ein Redaktor interpretiert den
Vorgang, in welchem das Volk Donnerschläge, Blitze, Posaunenschall und den
rauchenden Berg wahrnahm, in Furcht und Zittern von ferne stehen blieb und Mose
bat, er möge mit Gott reden, damit sie nicht, wenn sie mit ihm sprächen,
sterben müßten, und daß sich Mose auf diese Bitte der dunklen Wolke näherte,
in der Gott war, mit folgenden Worten: »Nun sprach der Herr zu Moses: .Sprich
also zu den Israeliten: Ihr habt es miterlebt, wie ich vom Himmel her mit euch
gesprochen habe'« (Ex 20,22). In zahllosen Einzelvorschriften werden die »zehn
Worte« ausgelegt, entfaltet und angewendet (Ex 21 ff; 25,1-31; 35,1-39.43).
Besonders wichtig ist die Zentralisation des Kultes.
Jahwe
ließ dem Volke durch Mose den Bund zur Annahme vorlegen (Ex 24,3). Der Bund
sollte von beiden Bundespartnern in Freiheit geschlossen werden. Das Volk
antwortete: »Alles, was der Herr gesprochen, wollen wir befolgen« (Ex 24,7).
Der Bundesvertrag wurde schriftlich fixiert, damit er in Israel immerfort als
Erinnerung an Gottes gnädige Erwählung und als Grundlage des geschichtlichen
Handelns dem Volke gegenwärtig bleibe (Dtn 4,2.5 ff; 31,24 ff) und das
Vergangene als etwas heute und hier Geschehendes aktualisiert werden könne.
In
der Zeit der Propheten wurde das Volk durch die prophetische Rede immer wieder
an den Bund gemahnt. Wenn es den Bund verläßt, hält Gott Gericht, nicht um
das Volk zu verwerfen, sondern um es zur Bundestreue zurückzurufen. Das
prophetische Wort hat daher die Funktion, im Volk das Bundesbewußtsein
wachzuhalten oder es wieder zu wecken. Zugleich allerdings weist es das so oft
abtrünnige Volk zur Bekehrung und zur Hoffnung in die Zukunft.
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9. Kapitel
Selbstrepräsentation
Gottes im Wort
Eine
besondere Form der göttlichen Selbsterschließung im Wort stellen die "Ich-bin"
-Formeln dar. Sie treten vor allem bei Deutero-Jesajas auf, und zwar in der
Gestalt eines Rechtsstreites zwischen Jahwe und den Götzen, d. h. in der
Auseinandersetzung mit der polytheistischen Umwelt. In diesem Rechtsstreit steht
die Einzigkeit Gottes zur Diskussion. Nach Deutero-Jesajas 43,10 ist das, was
erkannt, geglaubt und eingesehen werden soll, die Wahrheit, »daß Ich es bin«,
»daß vor mir kein Gott gebildet ist und nach mir keiner je sein wird«. Gott
selbst ruft die Angehörigen seines Volkes zu Zeugen dafür an, daß er der
einzige Gott ist, daß er der Erste und der Letzte ist und daß es außer ihm
keinen Gott gibt (Deutero-Jes 43,12; 44,8 f; 44,66). Jahwe allein kann Propheten
senden. Ein prophetisches Wort, das eintrifft und als geschichtsmächtige,
rettende Tat wirkt, kann von den Göttern nicht vorgewiesen werden (Dt-Jes
44,9). Jahwe bezeugt sich also durch sein geschichtsstiftendes Wort in Israel.
Israel ist Zeuge für das Gottsein Jahwes und für die Einzigartigkeit und
Einzigkeit Gottes (0. Semmelroth. Die Heilskraft des Wortes, Frankfurt 1965. Fr.
Mußner, Die Wunder Jesu, München 1967. J. Barr, Bibelexegese und
moderne Semantik, München 1965).
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