2. Kapitel
Die Ereignishaftigkeit der
Offenbarung
im Tun Jesu
Wir
greifen noch einmal auf das in Abschnitt 3 und 4 Gesagte zurück und führen die
dortigen Ausführungen folgendermaßen weiter: Die Selbsterschließung Gottes im
Handeln steigt auf ihre unüberbietbare Höhe hinauf in Christus, in seinem
Erscheinen, in seinem Tun und in seinem Reden. Zunächst soll noch einmal von
seinem Tun die Rede sein, soweit dies für die Klärung unseres Zusammenhangs
von Offenbarungswort und Offenbarungstat wichtig ist. Nach dem Zeugnis der
synoptischen Evangelien zielt das Handeln Jesu Christi auf die Herrschaft
Gottes. Dieser Begriff faßt in sich zusammen, was Jesus erreichen wollte. Er
wird in unserem Traktat über die Kirche eingehender besprochen werden.
Herrschaft Gottes bedeutet zugleich Heil für den Menschen. Denn wenn
56
sich
Gott im Menschen durchsetzt, kommt dieser gerade dadurch zu seiner eigenen und
wahren Existenz. Dies wird einsichtiger, wenn wir bedenken, daß Gott die schöpferische
Liebe ist. Gottes Herrschaft im Menschen bedeutet also, daß sich im Menschen
die in seiner Tiefe und in seinem Inneren lebende, ihm aber zugleich
transzendente Liebe als Tätigkeitsprinzip durchsetzt. Es sei auf einige
Einzelheiten verwiesen. Als Johannes der Täufer aus dem Gefängnis heraus die
Frage an Jesus richten ließ, ob er es sei, der da kommen soll, erhielten seine
Freunde die Antwort: »Gehet hin und berichtet dem Johannes, was ihr hört und
seht: Blinde sehen, Lahme gehen. Aussätzige werden rein. Taube hören. Tote
stehen auf. Armen wird das Evangelium verkündet« (Mt 11,3 ff). Aus diesem Text
ergibt sich, daß in den Taten Jesu Christi indirekt Gott sichtbar wird. Es kann
hingewiesen werden auf die Machttaten, welche Jesus vollbrachte, indem er
Hungrige speiste, Kranke heilte und Tote erweckte. Da diese Heilstaten durch das
Wort vollbracht wurden, wird im Zusammenhang der Darstellung der Wortoffenbarung
darauf näher eingegangen werden. R. Pesch weist in seinem zweibändigen Werk »Das
Markus-Evangelium«, 1. Teil, 1976, besonders im 2. Teil (1977) nach, daß schon
in der von Markus zusammengestellten Überlieferung das Leben und Sterben Jesu
ihn als Messias offenbart, daß er sich selbst als solchen verstanden hat.
Paulus
kreist in seinen Briefen immer wieder um die Auferstehung Jesu. Er hat Jesus
geschichtlich im Leben wohl nicht gekannt, so daß für ihn nicht der Abtauf von
Jesu öffentlicher Wirksamkeit, sondern die Vollendung des Lebens auf Golgotha
und am Ostermorgen von Bedeutung sind. Von diesen Phänomenen aus fragt Paulus
immer wieder zurück, wie der
57
Gott
sein muß, der in dieser Weise handelt. Wenn Paulus in Tod und Auferstehung Jesu
eine Offenbarung Gottes sieht, so ist er dazu getrieben worden durch jenen
revolutionären Gesinnungsumschwung, der durch Gottes eigene Initiative in ihm
hervorgerufen worden ist. Zunächst ist es das Handeln Gottes in den Ereignissen
von Golgotha und vom Ostermorgen, das den Apostel gefangen nimmt. Aber sie
veranlassen ihn immer wieder zur erregenden Frage, wer denn dieser Jesus ist,
der so entscheidend in sein Leben eingegriffen hat, und wer der durch ihn
hindurch tätige Gott ist. Ist es der gleiche Gott, den er aus seinem
vorchristlichen Glauben kannte? Ist es der Gott, der zu Abraham und zu Mose
gesprochen hat?
Auch
nach dem Johannesevangelium hat sich Gott durch die Machttaten Jesu geoffenbart.
In diesem Evangelium sind die Machttaten und das Wortgeschehen so eng
miteinander verknüpft, daß das eine gewissermaßen natürlicherweise in das
andere übergeht.