16. Kapitel
Die
Deutefunktion des Gotteswortes
Wenn
wir darangehen, die Funktion des Gotteswortes im Menschenwort zu interpretieren,
so stoßen wir auf ein Doppeltes. Das Wort Gottes vollzieht die Funktion der
Deutung und die Funktion der Handlung. Diese beiden Funktionen allerdings lassen
sich nicht mechanisch voneinander trennen. Sie integrieren sich vielmehr in ein
unlösliches Ganzes. Aber wir können in diesem Ganzen die zwei genannten
Funktionen unterscheiden. Wie wir früher gesehen haben, vollzieht Gott seine
Selbsterschließung durch geschichtliches Handeln. Es wäre jedoch eine große Täuschung,
wenn man schon aus der bloßen Faktizität eines geschichtlichen Ereignisses
dessen Offenbarungscharakter erkennen wollte. Auch wenn man die göttliche
Offenbarung als Geschichte versteht, kann man dennoch nicht aus dem
Geschichtszusammenhang als solchem, aus dem Gefälle der geschichtlichen
Ereignisse, die in Abraham einsetzende und in Christus zur Vollendung gekommene
göttliche Selbstmitteilung erfahren. Man kann nicht einfachhin sagen, daß der
Glaube prinzipiell und wesenhaft Vertrauen auf Ge-
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schichte,
daß er Hingabe an vergangene Taten Gottes und darin ein universales,
geschichtlich-konkretes Hoffen auf das künftige Tun Gottes ist. Wenn der Glaube
an Gott auch seinen elementaren Grund in der Geschichte hat und nicht in
metaphysischen Belehrungen, so kann er doch nur aus der durch das Wort
gedeuteten Geschichte erwachsen. Ob ein geschichtliches Faktum als Offenbarung
Gottes (im übernatürlichen Sinn) auszulegen ist oder als eine Fügung des die
Welt voranbringenden, nie abreißenden schöpferischen Tuns Gottes (auch dies
bedeutet natürlich eine gewisse göttliche Selbstöffnung, aber nicht in jener
Weise, in der Gott Abraham ergriffen hat und durch Christus endgültig und unüberholbar
hervorgetreten ist), wird nur durch das deutende Wort entschieden. Dieses Wort
schafft die Differenz zwischen den Offenbarungstaten Gottes im strengen Sinn und
dem sonstigen schöpferischen göttlichen Wirken.
In
unserem Zusammenhang sei zunächst die Aussagefunktion, die Deutefunktion des
Wortes aufgedeckt. In dem Worte Gottes nimmt Gott selbst diese Auslegung vor. Da
werden z. B. politische Katastrophen als Gottesgerichte interpretiert. Die
Propheten proklamieren seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. immer wieder, daß
politisch-wirtschaftliche Katastrophen heilshafte Heimsuchungen Gottes sind. Ein
solcher Sinn der Geschichte erschließt sich nur durch das verkündete Wort
Jahwes. Wie sollte man ohne dieses deutende Wort erkennen, daß sich die
Geschichte Israels von jener der übrigen Völker unterscheidet? Auch die
Philister und die Syrer sind befreit worden, die ersten aus Kaphtor, die zweiten
aus Kir (Am 9,7).
Selbst
der Tod und die Auferstehung Jesu Christi sind ohne das Wort der Verkündigung
nicht verständlich .Wie schon öfters betont wurde, gab es in jener
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Zeit
nicht wenige Hinrichtungen durch die Kreuzigung. Die Erscheinungen Jesu nach
seinem Tode könnten an sich auch als Visionen oder Illusionen mißverstanden
werden, wenn nicht das Wort der Verkündigung den wahren Sachverhalt aufdecken würde.
Wie die Heilige Schrift zeigt, kann das Kreuz Jesu verhöhnt werden als das Ende
eines falschen Propheten. Die Osterbotschaft kann dadurch in Zweifel gezogen
werden, daß man das Gerücht ausstreut, die Jünger hätten den Leichnam
heimlich aus dem Grabe entwendet. Allein durch das deutende Wort, und zwar
sowohl durch das eigene Wort Jesu selbst als auch durch die theologische
Reflexion über ihn werden die Heilsereignisse in das rechte Licht gesetzt. Wir
sehen an den paulinischen Briefen, mit welch unablässiger Sorge Paulus das
Ereignis des Kreuzes als die Gestalt des göttlichen Heilsplanes und die
Auferstehung als das Urdatum des christlichen Glaubens zu verstehen, auszulegen
und zu verkündigen sucht. Der Glaube kommt nach Paulus vom Hören, nicht vom
Sehen (Röm 10,17; vgl. Joh 20,29). Gegen diese Funktion des Wortes spricht
nicht die Tatsache, daß Christus bei Johannes erklärt: Wenn ihr mir nicht
glaubt, so glaubt den Werken (Joh 10,38). Sowohl nach Joh 10,38 als auch nach
Joh 5,36-47 sind zwar die Werke eine Bestätigung seiner Worte. Sie werden aber
ihrerseits wieder nur verständlich durch sein Wort. Nur durch dieses können
sie als Werke erkannt werden, welche er als Gesandter des Vaters vollbringt. Daß
sie Zeugnis geben für ihn und daß durch sie der Vater selbst für ihn Zeugnis
gibt, wird erst durch das Wort gesichert.
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