8. Kapitel

 

 

Die Darstellungsweise

in der Heiligen Schrift

 

 

a) Der menschliche Autor

Für die Auslegung der kanonischen Schriften ist es wichtig, nicht nur zu wissen, daß der Heilige Geist im Hintergrund steht, sondern auch, welcher Mensch der irdische Autor ist und in welcher Situation er schrieb. Dies führt dazu, die literarische Eigenart einer jeden kanonischen Schrift zu bestimmen und die hermeneutischen Regeln anzuwenden.

Hierauf hat kirchenamtlich zum erstenmal Pius XII. in seiner Enzyklika »Divino afflante Spiritu« (1943) aufmerksam gemacht (DS 3826); »Der Literalsinn einer Stelle liegt bei den Worten und Schriften altorientalischer Autoren oft nicht so klar zutage, wie bei unseren Schriftstellern. Was die alten Orientalen mit ihren Worten ausdrücken wollten, läßt sich nicht durch die bloßen Regeln der Grammatik oder der Philologie oder allein aus dem Zusammenhang bestimmen; der Exeget muß sozusagen im Geiste zurückkehren in jene fernen Jahrhunderte des Orients und mit Hilfe der Geschichte, der Archäologie, der Ethnologie und anderer

150

 

Wissenschaften genau bestimmen, welche literarischen Arten die Schriftsteller jener alten Zeit anwenden wollten und in Wirklichkeit anwandten. Die alten Orientalen bedienen sich nämlich zum Ausdruck ihrer Gedanken nicht immer der gleichen Formen und Sprechweisen wie wir, sondern vielmehr derjenigen, die bei den Menschen ihrer Zeit und ihres Landes üblich waren. Welches diese Redeformen waren, kann der Exeget nicht apriori feststellen, sondern nur mit Hilfe einer sorgfältigen Durchforschung der altorientalischen Literatur.« »Um den heutigen Erfordernissen der Bibelwissenschaft zu entsprechen, muß deshalb der katholische Exeget bei der Auslegung der Heiligen Schrift und beim Nachweis ihrer Irrtumslosigkeit auch dieses Hilfsmittel in kluger Weise benutzen und zusehen, was die Redegattung oder literarische Art, die der heilige Schriftsteller gebraucht, für die richtige und zutreffende Erklärung bedeutet, und er soll überzeugt sein, daß er diese Seite seiner Aufgabe nicht ohne größeren Nachteil für die katholische Exegese vernachlässigen darf.«

Sodann betont die Enzyklika, daß der Autor sich jeder damals üblichen literarischen Gattung bedienen könne, um die überlieferte Offenbarung darzustellen, etwa einer Erzählung, eines Berichtes, einer Prophetie, eines Hymnus, eines Gedichtes, eines religiösen Romans, einer ausschmückenden Paraphrase oder sonstiger Literaturgattungen.

Die gleiche These wird vom Zweiten Vatikanischen Konzil vertreten. Die Darstellung wird sich auch richten nach den Zeitumständen, nach den Adressaten, nach der Gesamtkultur, in der das Schriftstück abgefaßt wird. Dies wird besonders deutlich in den Psalmen, die bald in jubelnder Freude, bald in tiefer Niedergeschlagenheit verfaßt sind. Dabei ist vom Verfas-

151

 

ser im allgemeinen nicht die Zeitsituation selbst aufgenommen, sein Werk zeigt vielmehr, daß er und wie weit er unter dem Einfluß der Situation steht. So ist seine Darstellung bedingt durch die geistig-subjektive Erfassung eines Sachverhaltes. Darauf hat schon Aurelius Augustinus aufmerksam gemacht. Unter diesem Aspekt könnte man mit Hermann Gunkel sagen, daß die durch die Umstände bedingte Darstellung, die ihren Sitz im Leben nicht bloß des einzelnen Autors, sondern der Gemeinschaft hat, in der er lebt, durch die Situation geprägt ist. Seine Werke sind auch soziologisch bedingt, nicht nur, insofern sie einer Gemeinschaft zugeordnet sind, sondern auch, indem sie aus dem die Gemeinschaft beherrschenden Geist hinsichtlich ihrer Formgebung hervorgewachsen sind.

So verbindet sich die historisch-kritische Methode [Sprachanalyse) mit der hermeneutischen.

b) Text aus dem II. Vatik. Konzil

Was diese letzte insbesonders betrifft, so handelt es sich bei ihr um objektive Sachverhalte, wenngleich auch das subjektive Element eine Rolle spielt. Gerade diese letztere kommt dabei sehr stark zur Geltung, wenn das Zweite Vatikanische Konzil erklärt, daß für das Verständnis der Heiligen Schrift die Erfahrung eine große Rolle spielt. Es betont in Nr. 8 (DV), daß die Erfahrung wächst zum Verständnis der überlieferten Worte und Dinge durch das Nachsinnen und durch das Studium der Gläubigen, durch innere Einsicht, die aus geistlicher Verwandtschaft mit dem im Text Gesagten steht. Man kann für diesen Vorgang darauf hinweisen, daß Israel in der Zeit des Alten Bundes Gottes Wege mit dem Menschen an sich erfahren hat (Nr. 4). Auch den Aposteln ist in der Verherrlichung

152

 

Christi nach seinem Tode und aus dem Lichte des Heiligen Geistes neue Erfahrung zugeflossen, welche sie zu einem volleren Verständnis dessen, was Christus ihnen hinterlassen hat, geführt hat. Gerade die Betonung dieser subjektiven Betätigung könnte allerdings den Einwand wecken, daß die Interpretation des objektiven Textsinns verloren geht und daß an der Stelle der Wissenschaft die Frömmigkeit und die Meditation tritt. Dieser Einwand läßt sich jedoch ausräumen durch den Hinweis auf die Einheit aller heiligen Schriften. Jeder Bestandteil des Alten und des Neuen Testamentes bildet zwar eine Größe für sich selbst, aber alle zusammen konvergieren auf einen Einheitspunkt, nämlich auf Jesus Christus. Man darf weiterhin verweisen auf die Wirkungsgeschichte der Heiligen Schrift. Auch diese bzw. die Überlieferung bestätigt, daß es im Grunde genommen immer die gleiche Mitte ist, um welche alle Schriften kreisen, nämlich Jesus Christus. Was sich in dieser Konvergenz nicht einordnen läßt, muß ausgeschieden werden. Berechtigt dazu ist das ganze Volk Gottes, in diesem aber in entscheidender Weise das kirchliche Lehramt. Das Zweite Vatikanische Konzil stellt diesen Sachverhalt in der Konstitution über die Offenbarung in Nr. 13 folgendermaßen dar: »In der Heiligen Schrift offenbart sich unbeschadet der Wahrheit und Heiligkeit Gottes eine wunderbare Herablassung der ewigen Weisheit, damit wir die unsagbare Menschenfreundlichkeit Gottes kennenlernen und erfahren, wie sehr er sich aus Sorge für unser Geschlecht in seinem Worte herabgelassen hat. Denn Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschenschwachen Fleisches dem Menschen ähnlich geworden ist.«

153

 

   Im letzten Abschnitt von Nr. 12 sagt das Konzil: »Da die Heilige Schrift in dem Geiste gelesen und ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, daß man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, mit Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift.« Man darf nicht übersehen, daß Christus nicht nur die Konvergenzwirklichkeit aller Bibelinterpretationen ist, sondern auch jene lebendige Mitte, von der aus das Leben in der Kirche immerfort genährt wird. Man kann in einer überspitzten Weise sagen, die Auslegung, welche die Kirche vollbringt, ist die Selbstauslegung Jesu Christi bzw. die Auslegung des Heiligen Geistes. In dieser Auslegung führt der Heilige Geist die Kirche in alle Wahrheit, d. h. in das Tun und Reden, in den ganzen Jesus Christus ein. Jesus Christus aber und der von ihm in die Kirche gesandte Heilige Geist sind gegenwärtig bis zum Ende aller Zeiten. So spielt für die Hermeneutik die Überlieferung eine grundlegende Rolle. So kann H.-G. Gadamer sagen: »Das Verstehen ist selber nicht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als ein Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart ständig vermitteln.«

154

 

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis