5.
ABSCHNITT
Der
Sinn der Selbsterschließung Gottes
1.
Kapitel
Grund
und Ziel
Was
den Sinn der göttlichen Offenbarung betrifft, also den Grund dafür, daß Gott
nicht in sich selbst ruhen bleibt, sondern über sich hinaus geht, daß er aus
seiner Verborgenheit hervortritt, liegt wohl darin, daß er den Menschen an
seiner eigenen Göttlichkeit Anteil gewähren will. Dies ist der Grund dafür,
daß der ewige Gottessohn menschliches Wesen angenommen hat und als Mensch in
unserer Welt existierte gleich wir, die Sünde ausgenommen. Das Hauptziel seines
Lebens war die Verklärung, die ihm in der Auferweckung zuteil wurde, die
Verwandlung also in eine ganz neue, bis dahin schlechterdings unbekannte,
leibhaftige menschliche Existenz. In dieser Verklärung lebt er fort in alle
Ewigkeit. In ihr ist er berufen zur Teilnahme an der Macht des himmlischen
Vaters. Alle Menschen sollen an seiner eigenen Verklärung teilnehmen. Es ist
also durch die Offenbarung den Menschen eine ewige Zukunft eröffnet, eine
Zukunft, welche der Zukunft Jesu Christi ähnlich ist. In Jesus Christus ist
diese Zukunft schon Gegenwart geworden, für uns alle ist sie noch
Zukunftsverheißung. Jeder, der an Jesus Christus glaubt, wird aber dieser
Zukunft teilhaftig. So hat jeder Mensch eine echte Hoffnung. Dies ist der Sinn
der göttlichen Selbsterschließung, ist also zugleich die Hoffnung des
Menschen. In der Selbsterschließung
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Gottes
wird die Zukunft eröffnet, nicht nur in einem Worte, sondern in der Tat. Der
Mensch, der an Jesus Christus glaubt, ist schon selbst real auf seine letzte
Zukunft hingeordnet. Und was er im irdischen Leben verborgen in sich trägt, die
Teilnahme an dem Auferstehungsleben, wird sich einmal offen an seiner Existenz
zeigen. Maria ist dieses Zukunftsziel schon geschenkt.
2.
Kapitel
Kirchliche
Texte
Wir können
diesen Sinn und diese Zielrichtung an zwei Texten der kirchlichen Lehre von der
Offenbarung verdeutlichen. Die gesamte kirchliche Lehre soll erst am Ende
unserer Überlegungen dargestellt werden. Für den Zweck, Sinn und Ziel der
Selbsterschließung Gottes verständlich zu machen, ist es notwendig, das Erste
und das Zweite Vatikanische Konzil miteinander zu vergleichen.
Zwischen den
beiden Konzilien obwaltet in unserer Frage eine sehr beachtliche
Verschiedenheit. Das Erste Vatikanum bewegt sich zum Teil zwar in den gleichen
Formulierungen wie das Zweite, es läßt sich aber nicht verkennen, daß bei ihm
der Ton auf der intellektuellen Wahrheit liegt, auf der intellektuellen übernatürlichen
Wahrheit, auf jener Wahrheit also, welche Gott dem Menschen erst zugänglich
machen mußte, damit er ihrer inne wird. Diese Wahrheit wird im Glaubensakt
bejaht. Der Glaubensakt bedeutet so eine Zustimmung zu der von Gott uns
erschlossenen
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Wahrheit
um Gottes willen. Der Glaube ist, so verstanden, ein Fürwahrhalten des Wahren
auf die Autorität des sich offenbarenden Gottes hin. Das Erste Vatikanische
Konzil war in seinen Aussagen vor allem apologetisch und polemisch ausgerichtet.
Es war ein Konzil, das der Absicht der Selbstverteidigung entsprang. Die Gegner,
gegen die es seine Aussagen machte, waren mannigfach. Sie hatten nur eines
gemeinsam: Die Ablehnung der göttlichen, durch die Kirche verkündeten
Offenbarung. Es war, um einen Fachterminus zu gebrauchen, ein
fundamentaltheologisch orientiertes Konzil. Hinter diesem Konzil steht die ganze
ideologische Entwicklung der Aufklärungszeit, insbesondere der deutsche
Idealismus und der Rationalismus des 19. Jahrhunderts.
Das Zweite
Vatikanische Konzil spricht zunächst nach innen. Es dient dem eigenen
Selbstverständnis, und erst aus diesem heraus spricht es nach außen. In seinem
Bestreben, die Offenbarung in ihrem vollen Sinne zu verstehen, bemüht es sich,
diese nicht bloß als ein Wort Gottes über sich selbst, als eine Lehre, als
eine Bereicherung und eine Korrektur des menschlichen Wissens, als eine Wahrheit
über Gott, sondern als ein Wort Gottes für uns, als ein Wort, als den Akt der
Selbstöffnung Gottes für den Menschen zu interpretieren. Gott schließt sich für
den Menschen auf, so daß der Mensch in seine geheimnisvolle Wirklichkeit
einzugehen vermag. Er sagt sich selbst den Menschen zu. Das Ziel dieser Selbstöffnung
Gottes ist die Teilnahme des Geschöpfes am göttlichen Leben, mit anderen
Worten: die Vergöttlichung der Schöpfung. Diese göttliche Absicht ist der
letzte Ursprungsgrund für die Selbstmitteilung an den Menschen. Die volle
Verwirklichung wird der Zukunft vorbehalten. Darum ist die göttliche
Selbstmitteilung immer zukunftsge-
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bunden. Die Verklärung ist das Telos der
göttlichen Offenbarung.
Auch das Erste
Vatikanische Konzil hat diese existentiellen Elemente nicht einfach ausgelassen.
Es gab ihnen aber nicht den starken Akzent wie das Zweite. Vielleicht ist es
nicht überflüssig, das hier Gemeinte noch einmal durch eine Erfahrung aus dem
Alltag zu veranschaulichen. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Mensch mit
seinen Bekannten ein Gespräch führt über irgendwelche interessanten Dinge und
Vorgänge in unserer Weit, ob er ihnen viele Neuigkeiten mitteilt, in welchen er
ihnen Informationen gibt, so daß sie vielleicht eine neue Sicht der gegenwärtigen
Weltlage gewinnen, oder aber, ob er ihnen im Gespräch sein Herz öffnet und
ihnen an seinen Freuden und Leiden, an seinen Sorgen und Hoffnungen Anteil gewährt.
In dem letzten Fall kommt es zu einem wirklichen persönlichen Austausch.
Es wäre natürlich
auch denkbar, daß Gott ohne den langen Weg durch die Geschichte hindurch die
absolute Zukunft des Menschen unmittelbar herbeigeführt hätte, das heißt, daß
er sich ohne die Bewegung in der Horizontalen sogleich in einer vertikalen
Bewegung unmittelbar gewährt hätte. Der Grund, warum Gott die Geschichte als
Umweg zur absoluten Zukunft gewählt hat, ist in ein tiefes Geheimnis eingehüllt.
Wir können hierüber keine gültigen Aussagen machen, weil Gott uns seine Gründe
nicht geoffenbart hat. Wir können jedoch vermuten, daß Gott die Dynamik liebt.
Sonst hätte er sie wohl nicht gewählt, daß ihm nicht die Statik am Herzen
liegt, sondern das Werden als der Weg zur Vollendung, ohne daß er selbst ein
Werdender ist oder auch nur sein kann. Vielleicht liegt der Grund für die göttliche
Vorliebe für das Dynamische in seiner später zu schildernden Eigentümlichkeit
als ab-
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solutes
Tun im Sinne der schöpferischen Liebe. Jede Offenbarung ist eine Wegstrecke auf
dem endlosen Weg in die absolute Zukunft hinein.
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