9. Kapitel
Das
innergöttliche Wort
Das
menschliche Wort läßt sich von seiner letzten Wurzel her nur verstehen, wenn
man es als den Ausdruck und die Erscheinung jenes Wortes interpretiert, das Gott
selbst in seinem Gottesleben spricht. Wie es im ersten Johannesbrief heißt (1
Joh 4,8), ist Gott die Liebe. Er ist diese naturgemäß nicht in überlegener
Einsamkeit, sondern in der Weise des Gesprächs. Die Liebe, als welche Gott von
Johannes charakterisiert wird, muß zunächst verstanden werden als eine schöpferische
Tat des absoluten, des göttlichen Geistes bezüglich der Kreatur. In diesem Tun
spiegelt sich jedoch ein innergöttlicher Vorgang. Gott erkennt sich in der
Weite und Tiefe seines Seins und spricht sich, ohne dadurch einem
Entwicklungsprozeß nach der These Hegels zu unterliegen, völlig und adäquat
in einem Worte aus, welches das absolute Sein in sich enthält und umgreift.
Gott geht geradezu darin auf, dieses Wort der Selbstaussage zu sprechen. Wir
nennen ihn unter diesem Aspekt in der Theologie üblicherweise die erste göttliche
Person, wenngleich das Wort »erste« und sogar noch mehr das Wort »Person« in
diesem Zusammenhang von einer schweren Bedeu-
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tungshypothek
belastet sind. Weil das von Gott im Vollzug seines göttlichen Lebens ausgesagte
Wort seinerseits wiederum subsistent ist und als Person in der Selbstaussage
Gottes hervorgebracht wird, können wir Gott in einem analogen Sinn auch »Vater«
nennen. Das von Gott in dieser Weise durch die Selbstaussage gebildete Wort hat
die unbegreifliche Eigentümlichkeit, daß es sich wiederum liebend und
erkennend dem Vater zuwendet, daß es also den Charakter der Antwort hat. Es ist
ausgesagtes Wort und sich zurückwendende Antwort in einem. Wenn wir die Ausdrücke
»Vater« und »Sohn« verwenden, können wir sagen, daß sie ein ewig erfülltes,
nie abreißendes oder abnehmendes beseligendes Gespräch führen. Ja, sie sind,
wie wir an dieser Stelle verkürzt behaupten können, nichts anderes als ein
subsistierendes Gespräch. Dieses Gespräch entströmt der Liebe, als welche
Gott charakterisiert ist, und gipfelt zugleich in der die himmlischen Gesprächspartner
verbindenden ewigen Liebe. Die Liebe als der Vater-Gott ist der quellenlos strömende
Quellgrund des Gespräches (Bonaventura). Die Liebe ist zugleich dessen selige
Ausdrucksgestalt. Insofern die himmlische Liebe die Atmosphäre, die Frucht und
das Zeichen des göttlichen Gespräches ist, nennen wir sie den Heiligen Geist.
So erweist sich Gott, die letzte und absolute, in dem Innersten und Tiefsten des
Menschen lebende und ihm zugleich transzendente Wirklichkeit, als ein ewiges
Liebesgespräch.
Wenn
wir den Menschen durch seine Worthaftigkeit charakterisieren, so bedeutet dies,
daß er worthaft ist auf Grund seiner Teilnahme an dem Geheimnis des ewigen
Liebesgespräches, welches wir Gott heißen. Das menschliche Wort ist ein Echo
aus diesem Gespräch. Dadurch gewinnt es seine hohe Würde.
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