8. Kapitel

Das geschriebene Wort

 

Die bisher besprochenen Wortgestalten können sich im gesprochenen oder im geschriebenen und gedruckten Wort ereignen. Wir stoßen hier auf eine außerordentlich weittragende Problematik. Das Normale, d. h. nicht das Alltägliche und Gewöhnliche, sondern das der Norm am meisten Entsprechende ist die Wortgestalt der Sprache. Die Zerstreuung und die Verbreitung der Menschen über weite Räume hinweg und durch lange Zeiten hindurch zwingen dazu, denjenigen, die vom gesprochenen Worte nicht oder nicht mehr erreicht werden können, Information oder Anruf oder Proklamation oder Ausruf oder auch Selbstmitteilung durch das geschriebene und gedruckte Wort zukommen zu lassen. Schreiben und Drucken sind Ersatzmodi des Wortes. Durch diese These werden sie in

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ihrem Gewichte für die menschliche Gesellschaft nicht reduziert. Sie werden aber an dem zuständigen Maß gemessen. Sie sind Mittel, um das Feld der menschlichen Sprache zu vergrößern, und zwar in einer unermeßlichen Ausweitung. Sie sind ein notwendiger und wichtiger, ja ein unentbehrlicher Ersatz, aber eben nur Ersatz. Ihnen fehlt die Unmittelbarkeit der Begegnung. Weil sie ein Ersatz des gesprochenen Wortes sind, gilt für ihr Verständnis und ihren Vollzug naturgemäß mit der dem geschriebenen und dem gedruckten Wort entsprechenden Schattierung alles, was an Forderungen und Feststellungen für das gesprochene Wort gilt. Der wichtigste Unterschied liegt darin, daß der Hörer zum Leser wird und daher dem Beschauer ähnlich ist, welcher jederzeit wieder zu dem angeschauten Bilde zurückkehren kann. Der Leser kann jedoch nur dann richtig lesen, wenn er es in jener Haltung tut, welche für den Hörer charakteristisch ist. Am meisten gilt dies naturgemäß von jenen Worten, in denen das Menschliche vermittelt wird, weniger von mathematisch-physikalischen oder chemischen Formeln. Wenn der Leser z. B. den Satz liest: Ich liebe dich, in welchem sich die Mitteilung des Schreibenden ausdrückt und zusammenfaßt, kann er den Text nur dann sinnvoll aufnehmen, wenn er vor ihm nicht im eigentlichen Sinne verstummt, sondern schweigend die Antwort gibt: Ich liebe dich wieder. Dem gedruckten Wort fehlt allerdings bis zu einem gewissen Grade der dem gesprochenen innewohnende Impuls. Es hat indes auch einen Vorzug vor dem Gesprochenen, nämlich jenen der Dauer. Das Geschriebene und Gedruckte bleiben und können daher vom Leser zu jeder Zeit wieder hervorgezogen werden, während dem gesprochenen Worte wie dem Winde oder dem Sturme die Flüchtigkeit eigen ist, und es daher entschwindet, kaum daß

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 es gebildet worden ist. So kann das einmal Gesprochene in jeder neuen Situation aktualisiert werden.

Alle diese Überlegungen werden uns zu einem konkreteren Verständnis des Wortes Gottes behilflich sein.

 

 

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