11. Kapitel

 

 Das Wort Gottes als reale Anrede

Wenn wir darangehen, das durch die ganze Heilige Schrift sich hindurchziehende Wort Gottes, welches Anfang und Ende begründet, das Offenbarungswort Gottes, zu analysieren, so ist zuerst zu bedenken, daß wir es mit einer Erscheinung zu tun haben, welche sich von dem durch die klassische griechische Philosophie geprägten Denken unterscheidet. Auch in diesem ist der Begriff »Wort«, Logos, zu Hause. Hier aber bedeutet er soviel wie Sinn oder Sinnhaftigkeit, welche im sinnenden Nachdenken erschlossen und erkannt wird. Wenn jedoch in der Heiligen Schrift vom »Worte Gottes« die Rede ist, so handelt es sich immer um eine unmittelbare Beeinflussung des Menschen durch Gott. In dem Worte Gottes wird der von Gott Angesprochene unmittelbar erfaßt.

Das Wort Gottes, in welchem Gott sich selbst an den Menschen wendet, hat alle jene Gestalten und Stufen, welche wir vorhin den menschlichen Worten zuschrieben. Es kann anrufen, ausrufen, belehren, informieren, drohen, warnen, verheißen und sich selbst an den Menschen mitteilen. Vor allem aber und in allen seinen Stufen ist es ein »Wort der Verheißung«. In diesem Ausdruck faßt der Apostel Paulus zusammen, was dem alttestamentlichen Gottesvolk zuzuschreiben ist (Röm 9,4). Es lebte auf der Stufe der Verheißung. Hoffnung ist die gebührende Antwort.

Dieses Wort ist an manchen Stellen der Heilsgeschichte in konzentrierter Form gesprochen worden, nämlich in der Berufung des Mose, in der Schaffung des Sinaibundes und den damit zusammenhängenden

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Ereignissen, in der Berufung der alttestamentlichen Propheten. Am Sinai ist es als Wort der Bundesstiftung und der Bundesweisung, an die Propheten als Wort der Bundesführung und der Bundesverheißung ergangen (H. Schlier). Es ist als Person in Jesus Christus erschienen. Unter den neutestamentlichen Schriftstellern haben Paulus und Johannes am meisten über das Wort Gottes reflektiert und es proklamiert. Die Apostelgeschichte könnte man geradezu die Geschichte des Wortes Gottes in der Urgemeinde nennen.

Wenn man allerdings fragt, was näherhin unter Gottes Wort zu verstehen ist, so läßt sich nicht verkennen, daß es sich um eine anthropomorphe Darstellung handelt. Sie dient dazu, die Personhaftigkeit Gottes und die Personhaftigkeit des von ihm gnadenhaft ergriffenen und beeinflußten Menschen zum Ausdruck zu bringen. Sie zeigt, daß sich eine Begegnung vollzieht, eine Begegnung des freien Gottes und des freien Menschen, ein Vorgang, welcher Distanz und Gemeinschaft, Ferne und Nähe zugleich in sich schließt, in welchem das unsägliche, im Menschen anwesende Geheimnis in die menschliche Erfahrung vorstößt, ohne den Menschen zu überwältigen. Hierbei ist von maßgeblicher Bedeutung, daß das Wort, welches der von Gott beeinflußte Mensch spricht, selber Wort Gottes genannt wird.

Für die Interpretation dieses Vorganges darf man an ein Problem unserer natürlichen Erkenntnis erinnern. Aus einer sehr langen Bemühung wissen wir, daß die uns bekannte Welt, in der wir leben, aus zwei Komponenten konstituiert ist: aus dem objektiv Gegebenen, aus dem Vorhandenen einerseits und aus unserem eigenen Bewußtsein andererseits. Wir können die Welt nicht erkennen und erfassen, wie sie an sich ist.

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Was uns vor das Auge tritt, ist vielmehr immer nur die von uns erkannte und durch unser Erkennen bestimmte Welt. Die heutige Mikrophysik schenkt uns hierfür einen aufschlußreichen, wissenschaftlichen Beitrag. Es zeigte sich nämlich, daß wir immer nur die von uns beeinflußten Urteilchen der Materie zu erkennen vermögen, daß wir aber schlechterdings diese Urteilchen, insofern sie einen nicht von uns bestimmten Seinsmodus haben, nicht zu erkennen vermögen. Wie sie ohne uns, wie sie »an sich« sind, wissen wir nicht. Wenn man sagt, daß Kant die Integrationskraft des Subjektiven in dem Erkenntnisvorgang übertrieben hat, so muß man hinzufügen, daß Thomas von Aquin nach der üblicherweise von seiner Lehre gegebenen Auslegung die Integrationskraft unseres Erkenntnisvermögens wohl unterschätzt, wenngleich keineswegs vergessen hat. Er sagt ja, daß wir die Gegenstände »modo nostro« erkennen. Beide Denker stimmen darin überein, daß nur die erkannte Welt unsere Welt ist. Diese Überlegungen zeigen uns, daß die Welt nicht einfach objektivistisch als das Bestehende verstanden werden kann, sondern als das auf Grund unseres eigenen Bemühens sich immer Ereignende. Die Welt ist das Ergebnis des uns Vorgegebenen und unserer eigenen Gestaltung. Vielleicht läßt sich dies aus einer Alltagserfahrung noch zugänglicher machen. Die Freundschaft oder die Liebe schenken dem Menschen ein Auge, mit dem er die Welt andere sieht, als er sie ohne dieses Auge sähe. Er erlebt sie in einem solchen Fall auf den anderen Menschen hin. Darin wird die Welt für ihn, den Erlebenden, selbst anders. In einer analogen Weise läßt sich jenes Phänomen, das wir Wort Gottes nennen, als das Ergebnis göttlichen und menschlichen Wirkens verstehen, wobei natürlich Gott als Gott und der Mensch als Geschöpf tätig

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sind, jeder in der ihm zukommenden Weise und Dynamik.

Unter dem Impuls der göttlichen Berufung und der göttlichen Gnade übersetzt der Berufene in einem unmittelbar geistigen Vorgang ohne nachsinnende Reflexion das, was Gott der Menschheit durch ihn mitteilen will, in das gesprochene menschliche Wort. Dieses Wort ist naturgemäß zeitgebunden und nimmt an der sozialen und kulturellen Situation sowie am persönlichen Temperament des von Gott ergriffenen Menschen teil. Dennoch kann man sagen, daß Gott es ist, welcher sein Wort in den Mund des Menschen legt. So wird das Wort Jahwes das Wort des Propheten (Jes 6,8; Jer 14,4 f; 23,21.32; 26,12.15). Sogar die Erregung Jahwes geht auf den Propheten über (Jes 6,11). Der Prophet redet daher wirklich Jahwes Wort (Num 23,13; 1 Sam 15.16; Jer 23,22). Deshalb verkündet er nur, was Jahwe sagt, und alles, was Jahwe sagt.

 

 

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