4. Kapitel
Das Alte Testament im Lichte
des Neuen
Für
den mit der kritisch-historischen Methode arbeitenden Exegeten erhebt sich die
Frage, ob der ursprüngliche, historische Sinn der alttestamentlichen Texte mit
dem christlich-theologischen identisch ist, oder ob nicht die christliche, d. h.
die von Jesus und den Aposteln sowie im weiteren Verlauf der Kirche die von der
christlichen Theologie vorgenommene Auslegung dem Alten Testament einen ihm
fremden Sinn unterlegt, dessen Fremdartigkeit gegenüber dem Alten Testament wir
nur deshalb nicht empfinden, weil wir uns an ihn gewöhnt haben. Die Frage
erscheint noch dringlicher, wenn wir bedenken, daß der Kern der
neutestamentlichen Offenbarung die Auferstehung Jesu und die Verheißung unserer
eigenen Aufer-
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weckung
ist, während das Alte Testament mit Ausnahme der letzten Bücher diesseitig
denkt und das Heil in der Gegenwärtigkeit Gottes in seinem Volke, im irdischen
Frieden, im Kinderreichtum, im Segen der Ernte und in einem langen Leben sieht.
Die Lösung dieses Problems ist äußerst schwierig und kann bei dem heutigen
Stand der Exegese noch nicht voll befriedigend gelingen. Sie dürfte jedoch in
folgender Richtung liegen: Das Alte Testament muß im Lichte des christlichen
Glaubens, d. h. im Lichte des auferweckten Jesus in seiner Ganzheit als Verheißung
verstanden werden. Der Inhalt der Verheißung ist Gottes gnädige Gegenwärtigkeit
und ein Leben in Frieden. Wie sich Gottes dynamische Gegenwart in der Zukunft an
seinem Volke auswirken werde und wie das Leben in Frieden und der Friede selbst
beschaffen sein werden, blieb dabei offen. Dies wurde erst durch das
Christuszeugnis geklärt.