2. Das Neue Testament

 

Das Neue Testament ist zwar beherrscht von der Verheißung und der Hoffnung auf die Totenerweckung. Daneben laufen jedoch Texte einher, wel­che eine Aussage zu machen scheinen über die »Zeit« zwischen dem Tode und der Totenerweckung. So heißt es bei Lukas (Lk 12,4): »Ich sage euch aber, mei­ne Freunde, fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber danach nichts zu tun vermögen. Ich will euch aber zeigen, vor wem ihr euch fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der nach dem Tode auch noch die Macht hat, in die Hölle zu werfen. Ja, ich sage

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euch, vor dem fürchtet euch.« Nach diesem Texte ist zwar das Fortleben der Geistseele nach dem Tode nicht unmittelbar ausgesagt. Es ist jedoch von einem Weiterleben nach dem Tode die Rede, ohne dass die Totenerweckung selbst genannt würde. Vielleicht darf man sagen, dass das von Matthäus (Mt 10,28) berich­tete Parallelwort eine interpretierende und aktualisie­rende Weiterführung der Lukasstelle ist. Bei Matthäus heißt es nämlich: »Fürchtet euch nicht vor denen, wel­che den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten ver­mögen. Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann.« Man kann auch hinweisen auf die Parabel vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lk 10,19-31). Der reiche Mann und der arme Lazarus befinden sich in der Scheol, aber jeweils in einem anderen Raum. Sie können jedoch miteinan­der sprechen. Lazarus kann indes dem Reichen nicht zu Hilfe kommen. In diesem Gleichnis fehlt jeder Aus­blick auf das Weltgericht.

Die Eschatologie ist hier individualisiert. Es bleibt al­lerdings die Frage, wie das Fortleben jenseits des To­des vor der Auferweckung von den Toten zu verste­hen ist. Von Gewicht ist die Stelle Lk 23,42f: Der reu­mütige Schächer stellt an Christus die Bitte: Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst. Er er­hält die Antwort: »Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.« Die Antwort über­bietet die Bitte. Jesus gibt die Zusicherung, dass der Schächer heute, also noch am gleichen Tage, im Para­diese, d.h. am Orte der Erquickung mit ihm bei Gott sein werde. Der Schächer erwartet nichts mehr von dieser Welt. Er hofft jedoch auf das Leben jenseits des irdischen Untergangs. Die Worte Jesu zeigen ihm, dass seine Hoffnung keine Illusion ist. In die gleiche Richtung weist das Wort, mit welchem Stephanus

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stirbt: »Herr Jesus, nimm meinen Geist auf« (Apg 7,59). Auch wenn für die Formulierung dieses Gebetes hellenistische Begrifflichkeit im Spiele sein sollte, so drückt sich in ihm doch der Glaube des Christen Ste-phanus aus. Denn Jesus selbst hat das Wort hinterlas­sen: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er sterben muss; und jeder, der da lebt im Glauben an mich, wird auf ewig nicht sterben« (Job 11,25f). Für Paulus bleibt die Hoffnung auf das Wiederkommen des Herrn sein gan­zes Leben hindurch lebendig. Erst gegen Ende seines Lebens, als er in der römischen Gefangenschaft damit rechnen muss, dass er stirbt, bevor Christus wieder­kommt, erklärt er: Ich habe das Verlangen, abzuschei­den und bei Christus zu sein (Phil 1,23). Der Tod ist al­so für den Apostel soviel wie Aufbruch zum Herrn. Das Fortleben nach dem Tode schon vor der Totener-weckung wird auch in 2 Kor 5,2-10 gelehrt. Selbst wenn Paulus im großen ganzen die allgemeine Auferweckung von den Toten, nicht die persönliche, indivi­duelle Unsterblichkeit proklamiert, darf man die beiden angeführten Stellen, vor allem jene im Philipperbrief, nicht geringschätzen. Paulus bietet kein logisch aus­gearbeitetes eschatologisches System. Insbesondere steht ihm noch keine hinreichende Begrifflichkeit zur Verfügung. Je nach der Situation legt er den Akzent auf die Auferweckung von den Toten oder auf das Fortleben jenseits des Todes vor der Auferstehung am »Jüngsten« Tag.

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