3.
Kapitel
Biblische
Lehre
1.
Das Alte Testament
Die Andeutungen, welche die Schrift
liefert, sind zunächst dunkel gehalten und treten erst gegen Ende des AT in ein
freundlicheres Licht. Die biblische Vorstellung von der Wesens-Einheit des
Menschen hat im AT viele Jahrhunderte hindurch kein klares Bild von dem
Fortleben eines menschlichen Elementes nach dem Tode hervortreten lassen. Man
war jedoch überzeugt, dass der Mensch, auch wenn er zur Erde zurückkehrt,
von der er genommen ist, weiter existiert (Gen 15,15; 28,8; 35,18.29; 49,32; Prd
12,17). Die Toten steigen nach dem damaligen Weltbild in die Unterwelt, in die
Scheol hinab (z.B. Gen 37,35; Jes 38,10; Ps 15,10; Joh 14,13).
Es ist logisch nicht auflösbar, wie auf
der einen Seite die Toten in den Gräbern ruhen, worauf man größtes Gewicht
legte, auf der anderen Seite aber in der Unterwelt ein freudloses und
lichtloses Dasein führen können. Wenn auch ein Unterschied angenommen wird
zwischen dem Leben der Bösen und dem Leben der Guten, so gilt doch für alle:
»Wird man in Gräbern von deiner Güte erzählen? ... Können deine Wunder in
der Finsternis erkannt werden oder deine Gerechtigkeit im Lande des Vergessens?«
(Ps 88,11).
Erst in der hellenistischen Zeit lichtet
sich das Schicksal der Toten. Hier erfahren wir in neuplatonischer
Begrifflichkeit, dass Gott die Menschen zu unvergänglichem Sein geschaffen
und zu Bildern seines eigenen Wesens gemacht hat (Weish 2,10-23). Sie ru-
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hen in Frieden. Denn
sie leben in der Hand Gottes (Weish 3,1-9; vgl. Mk 12,38-45). An diesen Stellen
wird zwar formal nicht von der »Unsterblichkeit« der Seele gesprochen. Es wird
jedoch ein den Tod überdauerndes Leben und zwar nicht nur ein Vorhandensein,
sondern echtes, inhaltlich gefülltes Fortleben in der Begegnung mit Gott verkündet.
Der Glaube an die Auferweckung von den Toten, der sich von der gleichen Zeit
an immer mehr durchgesetzt hat, bis er in der Zeit Christi bei den orthodoxen
Juden Allgemeingut geworden ist, schließt nicht aus, dass die Texte in den
Weisheitsbüchern ein seliges Leben bei Gott schon vor der Auferstehung von den
Toten bezeugen. Das biblisch bezeugte Weiterleben nach dem Tode ist also nicht
nur eine mechanische Weiterdauer, sondern eine Begegnung mit Gott. Unvergänglichkeit
und Unsterblichkeit bedeuten in der Bibel keineswegs das Gleiche. Der Tote, der
nicht »in Christus« bzw. »in Gott« lebt, muss sein eigenes Totsein, sein
eigenes Nichtsein als wesenloses Dasein erfahren, dem er nicht entrinnen kann.