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Gottesgericht im Selbstgericht
Einmal ist es Gott, der den Menschen die
Gnade zu einer solchen radikalen Selbsterkenntnis schenkt. Wenn die These von
Boros richtig ist, kann diese von Gott gewährte, bis auf den letzten Grund
gehende Selbsterkenntnis zur Bekehrung oder auch zur immerwährenden Ablehnung
Gottes führen. In dem Selbsturteil des Menschen spricht also Gott sein Urteil
aus.
Ein zweiter Gesichtspunkt kommt dazu. Der
Mensch misst sich in dieser Selbstentscheidung und muss sich messen am Maßstab
Gottes oder vielmehr an dem in Jesus Christus erschienenen Maßstab Gottes, an
der in Christus verwirklichten Liebe, Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes. An
der Todesgrenze kommt der Mensch nicht mehr mit irdischen Entscheidungen und
Initiativen weiter. Er muss, was er aus seinem Le-
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ben gemacht hat, was er sich und seinen
Mitmenschen schuldig geblieben ist, im Lichte des göttlichen Heilsplanes
beurteilen. Niemand kann ihn davon befreien. Diese Überlegung schließt in
sich, dass dem Menschen seine letzte und entscheidende, schicksalsbestimmende
Selbstbeurteilung nicht von außen wie von einer fremden Macht autoritär
aufgezwungen wird, der er sich beugen muss, ohne entrinnen zu können, dass er
vielmehr im Lichte Gottes in voller Klarheit einsieht, was er gewählt hat und wählt.
In eigener klarer Erkenntnis und in voller Überzeugung übernimmt er das
immerwährende Leben der Liebe oder das immerwährende Leben der aufrührerischen,
antitheistischen Autonomie und Selbstverschlossenheit (siehe mein 1948
erschienenes Werk »Von den Letzten Dingen«, Münster, Regensberg, S.397ff).
Alle Handlungen und Motive seines Lebens,
auch die während des irdischen Lebensverlaufes kaum beachteten, treten vor sein
Auge. Er kennt jede Einzelheit und das aus den Einzelentscheidungen zusammengewobene
Ganze des Lebens mit seinem geistigen Auge in voller Klarheit. Diese Erkenntnis
ist nicht nach der Art einer Lebensbilanz zu verstehen. Denn das Entscheidende
in diesem Augenblick ist der Zustand des Glaubens und der Liebe, in welchem sich
der Mensch eben in jener Situation befindet. Da mag es sein, dass er durch Buße
und Reue auch für die schlimmsten Taten seines Lebens Verzeihung gefunden hat
und vor Gott als ein Glaubender und Liebender erscheint. Insofern sich der
Mensch ohne Verhüllungen, ohne Entschuldigungen unmittelbar nach seinem Tode
so sieht, wie er ist, ohne von sich wegschauen zu können, ist er sein eigener
Richter. Gottes Gericht ist ein Selbstgericht. Insofern er aber sich im Lichte
Gottes beurteilt, oder in Trostlosigkeit, dem er nicht in
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die Dunkelheit oder in
den Schatten auszuweichen vermag, vollzieht sich in seinem Selbstgericht das Gericht
Gottes. In dem Lichte der Wahrheit kennt er auch das ihm zukommende Schicksal,
das Schicksal ewiger Liebe oder das Schicksal ewiger Einsamkeit. Er nimmt dies
aus innerer Einsicht und Bereitwilligkeit an.