6. Modernes Lebensgefühl

 

Aus einem anderen Lebensgefühl, nämlich aus der Vorstellung, dass in einem einzigen Leben nicht die Fülle und die Gegensätzlichkeit des Ganzen sich ver­wirklichen kann, sind die Wiederkehrgedanken der deutschen Klassik geboren. Im Gegensatz zu der indi­schen Vorstellung wird die Reinkarnation in den abendländischen Systemen als Ausdruck der Uner­schöpflichkeit und Vielfältigkeit des Lebens verstan­den und erhofft. Bei Nietzsche steht die These von der Wiederkehr aller Dinge im engen Zusammenhang mit seiner Lehre vom Übermenschen. Dieser ist nach ihm jene menschliche Gestalt, welche den gesamten Kos-

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mos, die Wahrheit und die Sittlichkeit, die Natur und die Geschichte in souveräner Überlegenheit erschafft. Damit der Übermensch die gesamte Wirklichkeit in sei­nen schöpferischen Griff bekommt, muss das Vergan­gene in ständigem Kreislauf sich so bewegen, dass es vor ihn hintritt und seinem Zugriff ausgeliefert ist. Die ewige Wiederkehr ermöglicht so das Werden des Übermenschen und gibt ihm zugleich die rechte Chan­ce für sein Leben als Übermensch. Über die ewige Wiederkehr des »kleinen« Menschen ist Nietzsche al­lerdings zutiefst bestürzt.

  

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