2.
Letzte Ausreifung durch Gottes Gnade
Insofern der Tod die letzte Ausreifung
eines menschlichen Lebens bedingt, kann man das Sterben die letzte, dem Menschen
in seiner individuellen Situation zugängliche, gottgewirkte
Selbstverwirklichung nennen. Dies heißt nicht, dass der Mensch im Tode in einer
letzten trotzigen Verachtung oder in Gleichgültigkeit und Ignorierung des
Todes zu sich selbst steht. Dies würde geradezu eine widergöttliche Verfestigung,
eine radikale antitheistische Autonomie, eine letzte Verhärtung gegen Gott in
sich schließen. Die Selbstverwirklichung besteht vielmehr darin, dass der Gott
zugehörige, für Gott offene, zum letzten Gehorsam gegen Gottes Ruf bereite
Mensch seine ausgereifte Existenz gewinnt. In der vorbehaltlosen Hingabe an
Gott gewinnt er sich selbst, seine volle Identität.
Es ist verständlich, dass sich im Lichte
der unendlichen Liebe Gottes im Laufe der Geschichte die Meinung entwickelt
hat, dass es für jene, welche die Schwelle vom Tode in das andere Leben in der
Verschlossenheit gegen Gott überschritten haben, auch jenseits der
Todeslinie noch eine Entscheidungsmöglichkeit für Gott geben müsse. Gottes
ewiger Heilsplan könne an keiner Stelle scheitern. In der alten Kirche haben
Origenes und in einer etwas zurückhaltenderen
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Weise einige Theologen im Bannkreis
seines Einflusses (z. B. Didymus der Blinde, Gregor von Nyssa, in einer
abgeschwächten Form auch Ambrosius) die Ansicht vertreten, dass Gott den
Menschen auch nahe dem Tode noch eine Chance der Bekehrung offen halte, dass
umgekehrt die Menschen, wenn ihnen die Augen für die wahren Zusammenhänge
aufgingen, an ihrer widergöttlichen Autonomie nicht für immer festhalten würden.
Die Erlösung wäre nach dieser Ansicht nicht vollkommen, wenn es Menschen gäbe,
die für immer in der Empörung gegen Gott leben würden. Origenes wurde zu
dieser Apokatastasislehre durch die christologische Grundstruktur seines Denkens
veranlasst.