2.
Die Meinung von Boros
Ein Schüler von Karl Rahner, L. Boros,
versucht, auf unsere Frage eine Antwort zu geben, die von nicht wenigen
Theologen übernommen, von den meisten jedoch abgelehnt wurde. Er stützt sich
auf die namentlich von Teilhard de Chardin vertretene Dynamik der evolutiven
Welt in ihren zwei gegenläufigen Bewegun-
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gen. Sie lassen sich beschreiben als
ansteigende Verinnerlichung der Energie und entsprechenden entropischen
Verbrauch an äußerer Energie. Diese beiden Bewegungen finden im menschlichen
Leben nach ihm statt. Nur dadurch, dass der Mensch in die Welt mit ihren
physischen und seelischen Regionen sich hineinbegebe, gewinne er sein eigenes
Selbstsein, seine Identität. Nur so erobere er sich die Welt mit ihren vielfältigen
Bezügen. Er wächst, wie man sagen kann, in die Welt hinein. Diese wiederum
verinnere sich dem Menschen. Er werde reif durch deren aktive Gestaltung
und im passiven Leiden an ihr. So sei ein Stück Welt aufgrund dieser
Verinnerlichung bleibend in ihm aufgehoben. Leib und damit Geschichte und Welt
werden im Tode nicht einfach abgestreift, sondern kommen hier gerade in ihrem
eigentlichen ontologischen Sinne im Subjekt zur Vollendung. Dies bringe ein
tieferes Hineingehen in die Mitmenschlichkeit, in den Leib Christi, in die
communio sanctorum mit sich. So komme der Mensch im Tode zur Vollendung. Ein
solches Überschreiten der Todesgrenze könne geradezu als Auferstehung des
Menschen verstanden werden (nach der Darstellung von G.Greshake G. Lohfink,
Naherwartung, Auferstehung, Unsterblichkeit, 3.Aufl., 1978, 115ff).
In diesem Sinne kann der Tod in
menschlicher Freiheit übernommen werden. Wenn der Mensch im Tode auch Gottes
Verfügung über sich selbst erleidet, so ist doch auch die Möglichkeit einer höchsten
Freiheitstat eröffnet, durch welche er den Tod als Vollendung in Gott annimmt
oder in einem letzten Protest an sich selbst festhält. So kann der Tod der höchste
Akt des Menschen sein, indem er in Freiheit sein Dasein vollzieht. Er gibt die
Möglichkeit zum ersten vollpersönlichen Akt des Menschen. Der Mensch habe
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folge der Befreiung des Geistes von den
Fesseln der Materialität und der Zeitlichkeit die Fähigkeit zu einer freien
Entscheidung für oder gegen Gott.
Gegen diese Entscheidungsmöglichkeit im
Tode werden von G. Greshake, an den sich die vorhergehenden Ausführungen über
Boros anschließen, schwere Einwendungen erhoben. Er beruft sich darauf, dass
der Tod immer die Ernte des ganzen Lebens einbringt, so dass eine etwaige
Entscheidung im Tode vorbestimmt ist durch den ganzen Lebenslauf. Die
Entscheidungshypothese von Boros würde daher die Stunde des Todes überfrachten.
Einer Freiheitsentscheidung gegen den Ablauf der ganzen vorausgehenden
Geschichte sei der geschichtsmächtige Boden entzogen.
Man darf zu diesem Einwand folgendes
sagen. Die von Boros vertretene These wird wohl nicht als eine allgemeingültige
Norm verstanden werden können. Für ihre häufig sich realisierende Möglichkeit
sprechen jedoch gute Überlegungen. Der Einwand beruht offensichtlich auf
einem vagen Grundsatz. Nach der Bibel und auch nach der ganzen kirchlichen
Tradition ist selbst dem größten Sünder eine Bekehrung auf Gott hin möglich.
Wie die Lebensgeschichte mancher Menschen zeigt, sind sogar derartig
unerwartete plötzliche Bekehrungen nicht selten. Die Gnade Gottes lässt sich
nicht berechnen. Ihre Möglichkeiten unterliegen keiner Begrenzung. Wie soll im
Tode nicht möglich sein, was für das menschliche Leben in seinem irdischen
Verlauf mit Sicherheit für möglich gehalten werden muss, eben die Bekehrung?
Es wird durch den erhobenen Einwand ein Element aus unserer weltlichen,
namentlich aus der politischen Erfahrung in die des Glaubens transponiert. In
der Politik allerdings wird die Äußerung, die ein Politiker einmal gemacht
hat, ihm das ganze Leben hindurch nachlaufen, auch wenn er selbst längst nicht
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mehr zu ihr steht. Hier hält man eine
Bekehrung für unmöglich, ja vielfach sogar für unerwünscht.
Wir können indes damit rechnen, dass
sich im Augenblick des Todes (man soll und kann diesen Augenblick nicht
segmentieren) alle Akte der Hingabe an Gott während des vorausgehenden Lebens,
alle Anstrengungen auf Gott hin nach der Analogie des Todes Jesu Christi in
einer letzten intensiven Hingabe zusammenfassen. Es ist sicher keine Utopie,
sondern entspricht dem Bilde Gottes in der Schrift, wenn wir an nehmen, dass
er in seinem Ruf dem Sünder auch jene Hilfe zuspricht, deren der Mensch in
dieser schweren und entscheidenden Stunde bedarf. Gott tut das Unerwartete.
Der Ruf Gottes ist ja der Akt einer letzten Selbstmitteilung Gottes an den
Menschen. Diese kommt nur dann nicht zum Ziele, wenn der Mensch in dieser
entscheidenden Situation Gott zurückweist und einem Leben der Gemeinschaft mit
Gott, des Dialoges mit ihm, ein Leben in einer kalten, autonomen Einsamkeit
vorzieht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in dieser Stunde des ausweglosen
Leides auch ein solcher, der während seines Lebens dem Umgang mit Gott aus dem
Wege gegangen ist, sich für den liebenden Dialog mit ihm entscheidet.
Wir werden ohne Bedenken annehmen dürfen,
dass auch ihm die Gnade Gottes für eine solche positive Entscheidung nicht
fehlt. Es bedarf allerdings eines außerordentlichen Aufwandes von einer nur
durch Gottes Gnade möglichen Kraft, damit nach einem Leben, das rücksichtslos
gegen Gott und Gewissen gestaltet war, plötzlich die ganze Vergangenheit
verneint und das Leben in der letzten Sekunde in die rechte Richtung gewiesen
wird. Dennoch gilt, dass diese letzte Tat möglich ist und das kommende Leben
prägt. Eine gegenteilige Meinung würde in die Gefahr des De-
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terminismus geraten und die Gnade Gottes
und die von Gottes Gnade getragene Bekehrungsmöglichkeit unterschätzen. Eine
solche Schranke würde dem Menschenmaß statt des Gottesmaßes den Vorzug
geben. Man darf an das Wort Augustins erinnern, dass man an keinem Menschen
verzweifeln darf, solange er atmet, sperat dum spirat.
Es wäre jedoch sträfliche und gefährliche
Vermessenheit, wenn man in der Hoffnung auf die Vergebungsmöglichkeit in
der letzten Stunde sündigen würde.