10.
Kapitel
Letzte
Entscheidung im Tode?
1.
Darstellung
Ist es nicht eine unrealistische
Behauptung, dass dem Menschen im Tode die höchste Chance zur Verwirklichung
des Gottesreiches und seiner selbst gewährt wird und zwar durch den Vollzug
der Bußgesinnung, der Reue, der Liebe, des Vertrauens, der Hoffnung, der
Anbetung? Ist derartiges angesichts der Schwächung und der Lähmung der
menschlichen Kräfte nicht eine Illusion?
Wir können auf diese Frage wohl
folgendes sagen: Wenn unter theologischem Aspekt der Tod eine Begegnung des
Menschen mit Gott ist, insofern Gott den Menschen ruft und dieser die Antwort
des Gehorsams, der Bereitschaft und der Liebe gibt, wäre es verwunderlich,
wenn in dem Augenblick des Sterbens dem Menschen, entgegen der äußeren Optik,
nie die Möglichkeiten der Stellungnahme gegeben wären. Man braucht sich dabei
nicht von physiologischen Be-
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denken beunruhigen zu lassen. Man kann
wohl nicht die »Erfahrung« als Gegenargument anrufen, denn von dem Vorgang des
Sterbens kann kein Mensch eine Erfahrung im gewöhnlichen Sinne haben. Was
sich dabei im Inneren und hinter den physiologischen Vorgängen vollzieht, weiß
nur derjenige, der das Geschehen des Sterbens selbst erlebt, und zwar bis zur
letzten Neige. Wir werden annehmen dürfen, dass in dem Prozess der Auflösung
der irdischen leiblich-seelischen Einheit, dass mit der voranschreitenden Loslösung
von den irdischen Verstrickungen dem Menschen eine besondere Wachheit zuwächst,
eine Wachheit, in welcher er zu Gott Ja oder Nein sagen kann. Gott stellt den
Menschen in diesem Augenblicke durch seinen endgültigen Ruf, in sein
eigenes göttliches Leben einzutreten, noch einmal vor eine, vor die
letzte Entscheidung.
Wir dürfen damit rechnen, dass sich im
Augenblick des Todes alle Akte der Hingabe an Gott während des vorausgehenden
Lebens, alle Anstrengungen auf Gott hin, die Liebe zu Gott, der Gehorsam gegen
seine Aufträge nach der Analogie des Todes Jesu Christi auf Golgota in einen
letzten intensiven Hingabeakt zusammenfassen. Dies braucht keine Illusion zu
sein, sondern kann eine begründete Hoffnung darstellen.