9. Kapitel

Angst und Hoffnung

Der Ruf Gottes als der personhaften Liebe kann dem Tode das Unheimliche und Furchtbare nicht wegneh­men. Infolgedessen wird ihm auch der Gläubige, ja ge­rade er, in Angst entgegenschauen. Der Ungläubige, der Atheist, der Nihilist, die sich fragen, was nach dem Tode kommt, werden von einer solchen Angst weni­ger bedrängt. Sie können höchstens von der Erfah­rung beunruhigt werden, dass sie ein begonnenes Werk nicht mehr weiterführen können, dass sie etwas Wichtiges unerledigt liegen lassen müssen, dass ihr Le­ben und ihr Wirken ein Torso bleibt. Kein Mensch kann das Haus, dessen Bau er begonnen hat, in einem wirklichen Sinn zu Ende bauen (Goethe). Er muss es anderen als Stückwerk hinterlassen, vielleicht sogar mit dem niederdrückenden Bewusstsein, dass, was er in langjähriger Mühe zu schaffen versuchte, von ande­ren wieder niedergerissen und völlig anders aufgerich­tet wird.

 

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Der Glaube sieht im Tode jenen Augenblick, in wel­chem er Gott begegnet, den Augenblick, dem er ein ganzes Leben lang mit bewusster oder unbewusster Spannung und Erwartung entgegengeschritten ist. Er wartet auf das Urteil Gottes über ihn und über sein Pla­nen und Handeln. Diese Angst kann nur in liebendem Vertrauen getragen und bewältigt werden. Das Ster­ben des Glaubenden ist ein Sterben im Herrn (Apg 14,3; 1 Thess 4,16; 1 Kor 15,15), ein Sterben, das kei­ne Verurteilung mit sich bringt, weil jeder, der lebt und an Christus glaubt, in Ewigkeit nicht sterben wird (Job 11,25f; vgl. 2 Tim 2,11; Röm 5,8). Gott vermag auch das Unfertige auf uns unbekannten Wegen zur Ganz­heit zu vervollständigen.

Wenngleich Gott ein unergründliches Geheimnis ist, so vernimmt der Glaubende doch die Aufforderung, sich nicht in den Abgrund der Angst vor Gott fallen zu lassen. Christus sagt in der Stunde des Abschieds: »Habt Vertrauen zu Gott und habt Vertrauen zu mir« (Joh 14,1). Christus verheißt in jener Stunde den Sei­nigen Lebenshilfe und Lebenssicherheit. Er verheißt ihnen kein ruhiges Dasein innerhalb der Geschichte, wohl aber ein Leben der Freude in Gott. So wird die Angst verwandelt in das Leben der Erwartung; Der Herr kommt. Im 1. Johannesbrief wird der Anruf Jesu zum Ver­­trauen auf den Vater und auf ihn selbst ausge­deutet, wenn es heißt: »Furcht gibt es in der Liebe nicht, denn wenn die Liebe ganz vollendet ist, wird die Furcht vertrieben. Die Furcht macht Pein und darum ist, wer fürchtet, in der Liebe noch nicht vollendet« (1 Job 4,18). Wer freilich könnte diese vollendete Liebe im Leben erreichen? Sie würde volle Sündelosigkeit bedeuten. Johannes weiß, dass es kein Durchschnitts­sterblicher dazu bringt. Wollte es einer von sich be­haupten, müsste er sich das Verdikt gefallen lassen, ein

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Lügner zu sein, einer also, der sich und andere täuscht (1 Joh 1,8). Es bleibt aber jedem im Angesichte des Todes das Vertrauen und die Hoffnung. Mit diesen Kräften lässt sich die unvermeidliche Todesangst be­stehen. Ja, wer dem rufenden Gott so entgegengeht, kann sagen: Wie herrlich ist es, in die Hände des le­bendigen Gottes zu fallen (H. Fries).

  

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