6. Kapitel

 Der Tod als Gottes Ruf

zum Austritt aus der irdi­schen Zeit

Wenn der Mensch im Tode den Ruf Gottes erfährt, so erfährt er darin seine Geschöpflichkeit, seine End­lich­keit und Begrenztheit, die Vergänglichkeit und die Nichtigkeit alles menschlichen Daseins, vor allem aber seine Sündigkeit. Die irdische Daseinsform geht im Tod unerbittlich zu Ende. Eine völlig neue, bis dahin unbekannte Existenzform hebt an. Der Tod ist ja nicht bloß die Öffnung einer Tür, durch welche der Sterben­de hindurchgeht, um jenseits des Tores in einem neu­en Raum das Leben fortzusetzen. Der Tod stellt viel­mehr eine geheimnisvolle, vor seinem Ereignis nicht erfahrbare Verwandlung dar. Die uns vertraute und geliebte Existenzform lässt sich durch keine Macht der Erde zurückhalten oder zurückrufen. Durch den Tod verlässt der Mensch nicht nur die Geschichte im allge­meinen, sondern im besonderen den Kreis der Familie und der Freunde. Darin liegt seine Bitterkeit.

Die Zeit im Sinne aufeinanderfolgender und mitein­ander verbundener Zeitabschnitte hört für immer auf. Er lebt nicht mehr in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Tod ist der Austritt aus der irdischen Zeit und der Eingang in das »Aevum«. Dies ist allerdings, wie Thomas von Aquin erklärt, fähig, Änderungen zu erfahren und erfährt sie auch, nicht in kontinuierlicher Zeithaftigkeit, sondern in unberechenbaren Existenzschüben.

80

  

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band VI-2