4.
Kapitel
Kein
Todesmystizismus
Es wäre allerdings
ein falscher Todesmystizismus, wenn man das Leben nur als einen einzigen in die
Länge gezogenen Sterbeprozess verstünde. Auf der anderen Seite würde es
jedoch eine Mechanisierung der Todesvorstellung bedeuten, wenn man den Tod nur
als das punktuelle Aufhören des Lebens auslegen wollte. Der Tod ist vielmehr
immerfort im Leben des Menschen gegenwärtig und wirksam. Gerade seine ständige
Anwesenheit ist charakteristisch für das menschliche Leben. Dieses ist ständig
ein Leben auf den Tod hin. Das ganze menschliche Leben ist immerfort ein
dialektischer Prozess zwischen Zeit und Ewigkeit bzw. Geschichte und Übergeschichtlichkeit.
In dem Ende aktualisiert sich endgültig, was während des ganzen Lebens
herangereift ist. Im Tode wird die Lebensernte eingebracht. Die Drangsale und
die Leiden sind zu verstehen als Ausdrucksgestalten dieser Situation. Sie sind
Vorzeichen des Sterbens (2 Kor 4,7-18). Sie sind keine biologischen oder
technischen Betriebsunfälle. In ihnen zeigt sich vielmehr der unlösliche und
immer gegenwärtige Zusammenhang zwischen der innerweltlichen und der überweltlichen
Situation des Menschen.
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