5.
ABSCHNITT
Pilger-
und Vollendungskirche
Das Verhältnis der Pilgernden selbst zu
den Vollendeten vollzieht sich nach der Lehre der Kirche in zwei Stufen, in
der Stufe der Verehrung und in der Stufe der Anbetung Gottes. Die Anrufung der
Heiligen beginnt im 3. Jahrhundert. Sie ist zum erstenmal bezeugt von Hippolyt
von Rom (gest. ca.235). Zunächst bezog sie sich auf Märtyrer, Apostel und
Propheten. Seit dem 4. Jahrhundert wird sie ausgedehnt auf die Bekenner, auf die
Jungfrauen und auf die Engel.
Dabei wurde von Anfang an klar
unterschieden zwischen der Verehrung Christi und der Verehrung der Heiligen.
Letztlich ist die Verehrung der Heiligen eine Verehrung Gottes. Sie werden ja
verehrt um Gottes willen, weil sich in ihnen die allmächtige Liebe Gottes
durchgesetzt hat. Sie weisen also über sich selbst hinaus und hin auf Gott.
Gott verehren wir um seiner selbst willen. Über ihn hinaus gibt es keinen Weg.
In der Heiligenverehrung ist demgemäss immer Gott selbst gemeint und zwar
jeweils unter einem bestimmten Gesichtspunkt. Es ist mit Nachdruck zu betonen,
dass die Heiligen nicht etwa, wie von mancher religionsgeschichtlicher Seite
behauptet wird, die Plätze eingenommen haben, welche die alten Götter verlassen
mussten.
Wenn die »Heiligen« angerufen werden,
so hat dies den Sinn, dass die pilgernde Kirche sich mit den vollendeten Brüdern
und Schwestern in einer aktiven Heilsgemeinschaft durch Christus im Heiligen
Geist zu einem einzigen »Wir« verbunden weiß. In diesem trans-individuellen
»Wir« kommt den Heiligen insofern eine
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besondere Bedeutung zu, weil ihre Liebe
sowohl zu Christus als auch zu den noch pilgernden Brüdern von jeder
Selbstsucht und Eitelkeit geläutert ist. So ist die das »Wir« der
Wandergemeinde und der Vollendungsgemeinde in sich schließende
Gesamtgemeinschaft imstande, sich mit besonderer Intensität durch Christus im
Heiligen Geiste Gott dem Vater zuzuwenden.
Man kann fragen, ob es nötig ist, die
vollendeten Brüder und Schwestern in besonderer Weise an ihre noch pilgernden
Gefährten zu erinnern, damit sie sich dieser liebend annehmen.
Man darf dazu sagen: Die Bitte an die
Heiligen als an die schon bei Gott angekommenen Brüder und Schwestern
der einen Gottesfamilie ist nicht etwa nur Ausdruck der Sorge für das eigene
Heil, sondern im eigentlichen Sinne Form des Gotteslobes und der Dankbarkeit
für sein Heilswirken (siehe die Präfationen für die »Heiligen«). Sie dient
auf keine Weise dazu, das Interesse der Heiligen für die noch nicht Angekommenen
zu aktivieren, sondern öffnet umgekehrt das Herz der Betenden zum Danke und zum
Preis Christi und Gottes. Es gilt, was früher von der Bitte überhaupt gesagt
wurde: sie ist nicht ein Instrument, die Heiligen für uns zu interessieren und
den allwissenden Gott an uns zu erinnern, sondern ein Mittel, den betenden Pilger
zu befähigen, an dem Dialog teilzunehmen, den die Heiligen in fortwährender
Intensitätssteigerung durch Christus mit Gott führen. Innerhalb der Gemeinschaft
der Heiligen kommt Maria eine besondere Rolle zu (siehe Band 5,5 über die
Mariologie).
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