11. Das Miteinander der Pilger und der

     bei Gott Angekommenen (communio sanctorum)

Die noch auf der Wanderschaft in die letzte Zukunft lebenden Gottesgläubigen blicken auf die schon Ange­kommenen in vorauseilender Erwartung hin, wie um­ge­kehrt diese zurückschauen auf die Brüder und Schwes­tern, die noch nachkommen. So besteht zwi­schen den Pilgernden und den Angekommenen eine enge Gemeinschaft.

Wir drücken dies mit dem Worte von der »commu­nio sanctorum« aus. Dieses Wort, zum ersten Mal feststellbar bei Niketas von Remesiana (gest. nach 414), ist im 4. Jahrhundert in das Apostolische Glau­bens­be­kenntnis aufgenommen worden und stellt da­her einen integralen Inhalt des kirchlichen Glaubens­be­kennt­nisses dar. Es bedeutet ursprünglich eine Ge­mein­schaft im Besitze heiliger Güter, nicht die Ge­mein­schaft von Personen. Es hat jedoch bald auch die­sen Sinn angenommen, so dass es sowohl die Gemein­schaft der Heiligen als auch die Gemeinschaft im Heili­gen bedeutet (siehe die Enzyklika »Mystici Corporis« Pius XII; vgl. 1 Kor 12,25f; Eph 6,18f; Röm 1,7f; 12,4; 15,3f).

Die Gemeinschaft der »Heiligen« hat ihren Grund in Christus. In und durch Christus gehören die Vollende­ten und die Pilgernden zusammen. Ich habe dies in der 2. - 5. Aufl. meiner Katholischen Dogmatik III, 1, 601 folgendermaßen ausgedrückt: »Das Gebet, welches die Kirche und ihre Glieder durch Christus vor dem Va­ter im Himmel aussprechen, wird aufgenommen von

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denen, welche mit Christus vor dem Angesichte des Vaters stehen, wird mit der Kraft und Innigkeit ihrer Liebe erfüllt und so als gereinigte und geheiligte Bitte zum Vater hingetragen: Christus bleibt der eine Mitt­ler. Er ist es, durch welchen wir zum Vater sprechen. Aber wenn er unser Gebet in sein Herz, in seine Liebe aufnimmt und vor den Vater hinträgt, tut er es als Haupt aller mit ihm in innigster Gemeinschaft Stehen­den, aller von seinem Leben durchströmten Heiligen. Die Be­wegung dieser Liebe teilt sich daher ihnen allen mit. Sie sprechen mit ihm das Wort der Liebe, mit dem er den Vater für uns bittet. An der Bitte Christi nehmen also alle Heiligen Anteil. So wird die Bitte, welche der einzelne durch Christus dem Vater darbringt, eine Bit­te der ganzen Christusgemeinschaft. Diesen Sachver­halt nimmt die Kirche in ihr gläubiges Bewusstsein auf, wenn sie dort, wo sie ihres Hauptes gedenkt, auch die Glieder nennt (Präfation und Kanon in der Messe) ... Sie wendet sich den mit Christus herrschenden, voll­endeten Brüdern und Schwestern zu, auf dass diese unser Schicksal in ihre Liebe aufnehmen und in dem Gebet, das sie immerfort in Christus dem Vater dar­bringen, unsere Namen nennen.«

Von diesem Passus sagt der evangelische Theologe P. Althaus (Die christliche Wahrheit, II, 1948, S. 310), dass ihn auch ein evangelischer Christ mitsprechen kann. An der gleichen Stelle (S. 310) stellt er die evan­gelische Überzeugung folgendermaßen dar: »Damit sind wir auf die Frage geführt, ob und in welchem Sin­ne die Gemeinschaft in der Kirche Christi, das priesterliche Dasein füreinander über die Grenze der irdischen Gemeinde hinübergreift und auch die Vollendeten ein­schließt. Der Lebensstand der Abgerufenen jenseits des Todes ist uns verborgen. »Schlafen« sie noch bis zum Tage Christi oder ist er für sie schon angebro-

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chen? Wir wissen es nicht und stehen hier an der un­verrückbaren Grenze unseres irdischen Erkennens. Gewiss ist also nur der Dienst, den die »Heiligen« uns tun mit dem Bilde ihres Lebens und Sterbens (Hebr 13,7), mit ihrem Zeugnis von Christus. Sie haben für uns priesterliche Bedeutung durch ihr irdisches Sein und Werk. Paul Gerhardt verrichtet priesterlichen Dienst an uns allen durch seine Lieder, die wir lesen und singen. Dieser Bedeutung der »Heiligen« wird evangelisches Allerheiligen in erster Linie gedenken. Alles andere ist uns verhüllt. Wir können nur sagen: wenn die Abgerufenen schon jetzt bei Christus, von seinem Leben erfüllt leben, dann werden sie ebenso wie er vor Gott zu uns stehen und unseren Kampf des Glaubens mit sorgender Liebe begleiten.« Nun folgt er dem Text aus meinem Werke. Dann fährt Althaus fort: »Die Erfahrung der Kirche als Gemeinschaft ist nicht an die Grenzen der Kirchentümer gebunden, sondern durchkreuzt sie. Christus ruft und hält uns auch durch Christen oder »Heilige« anderen Kirchentumes. Ja, auch ein fremdes Kirchentum als solches kann mit seinen besonderen Gaben und Kräften uns zu einem Zeugnis von der Fülle Christi werden, wie wir ein solches aus unserer Kirche allein nicht hören. Die Seelsorge der Kirche Christi an uns geschieht nicht nur aus unserer eigenen Kirchengemeinschaft heraus, sondern aus allen. Der Geist Gottes spricht durch die evangelische Kirche und Theologie zu der römisch­katho­li­schen, aber unleugbar auch durch die katholi­sche zu uns.« Hier wird die ökumenische Nähe und Verbundenheit besonders deutlich.

  

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