11.
Kapitel
Zukunft
der Kirche und Zukunft der Welt
Innerhalb der Kirche wurde die durch
Christus eingeleitete Bewegung der Gesamtmenschheit und darüber hinaus
der gesamten Schöpfung auf einen Vollendungszustand in den ersten Jahrhunderten
mit großer Energie verkündet (Klemens von Rom, Erster Brief 15,3; 42,3; 2.
Klemensbrief 6,9; 11,7; 12,1f; 17,5; Barnabasbrief 7,11; 21,1; Pastor Hermae IX
12,5,8; 15,2f usw.). Diese eschatologische Schau des Ganzen trat jedoch
im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zugunsten des individuellen Schicksals
zurück. Was die Kirche bis vor kurzem zu dem Problemkreis geäußert hat,
betraf mehr das Individuum, die Einzelperson als das Ganze der Menschheit. Papst
Benedikt XII. hat im Jahre 1336 gegenüber einigen Thesen, welche sein Vorgänger,
Johannes XXII., in mehreren Predigten in Avignon aufstellte, verbindlich
gelehrt, dass jeder einzelne Mensch nach seinem Tode sogleich sein ewiges Los
antreten werde (DS 1000f).
12.
Kapitel
Das
Ganze und der Einzelne
Damit war der Theologie für lange Zeit
ein Weg gewiesen, auf welchem nicht mehr das Ganze, sondern der Einzelne oder
vielmehr alle Einzelnen vor den Blick
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treten. Erst in unserer Zeit hat sich im
Zusammenhang mit dem neuen Interesse für die biblische Theologie und aufgrund
von historischen Forschungen und philosophischen Anstößen das Auge wieder
der Gesamt- Wirklichkeit als einer Alleinheit zugewandt. Der Einzelne wurde in
dieser Kollektivschau weder übersehen, noch geringgeschätzt. Es wird jedoch
erkannt, dass der Einzelne seine Existenz nicht als isolierter Einzelgänger,
sondern nur als Glied, als Mitexistierender, also in der Gemeinschaft zu
vollziehen vermag.
Diese von der Theologie in den letzten
Jahrzehnten immer deutlicher ausgearbeitete Lehre wurde vom II. Vatikanischen
Konzil aufgenommen. Was das Konzil hierüber sagt, ist mit der Äußerung vom
Jahre 1336 die zweite Aussage kirchenamtlicher und verbindlicher Art. Während
die Kirche damals, durch die zeitbedingte Situation provoziert, das
individuelle Schicksal in das Licht rückte, stellt sie heute, durch die moderne
Situation mit ihrem neuen Sinn für die eine Menschheitsfamilie
herausgefordert, aus dem Gesamtkomplex der Offenbarung die kollektive Vollendung
in den Vordergrund. Die beiden kirchlichen Äußerungen integrieren sich
zu dem einheitlichen Ganzen der Offenbarung. Dabei wird erst durch die heutige
Aussage der Kirche die von der Schrift selbst geforderte Perspektive erreicht.
Der Ton liegt nämlich auf dem gesellschaftlichen, nicht auf dem
individuellen Element, so wichtig dieses ist. Es handelt sich um komplementäre
Sichten, wobei dem Einzelnen naturgemäß sein eigenes Schicksal besonders am
Herzen liegt.
Infolge des engen Zusammenhangs zwischen
Kirche und Reich Gottes kann man nicht von dem einen reden, ohne von dem
anderen zu sprechen. Daraus ergibt sich, dass die geschichtliche Bewegung der
Kirche aus ihrer jeweiligen Gegenwart in die Zukunft sowie
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das Vorankommen der Gottesherrschaft in
der Welt ineinander greifen. Die Vollendung der Gottesherrschaft in der
absoluten Zukunft wird schicksalhaft sein für die Kirche. Als hierarchisch
verfasste Gemeinschaft wird die Kirche mit dem Ende der Geschichte selbst zu
Ende gehen. Denn in jener zukünftigen Vollendung wird es der Vermittlung und
der Zeichen der Gottesherrschaft nicht mehr bedürfen. Insofern jedoch die
Kirche die Gemeinschaft derer ist, welche sich unter die Herrschaft Gottes
stellen und in sie eingehen, wird sie mit dem Ende der Geschichte nicht nur
nicht zu Ende gehen, sondern selber ihre Vollendung erreichen. Dabei wird sich
zeigen, dass nicht nur jene, die während des Verlaufes der Geschichte in den
Reihen der Kirche als Getaufte gelebt haben, sondern alle Gott suchenden
Menschen jener Zukunftsgemeinschaft angehören. Diese Überlegungen enthalten
die Tatsache, dass die Kirche selbst als das wirksame Heilszeichen der
Gottesherrschaft bis zum Ende der Geschichte lebendig bleiben und bis dahin
Werkzeug Gottes für das Voranbringen seiner Herrschaft sein wird, dass sie sich
bis zur letzten Stunde der Geschichte zu mühen hat, durch ihre Wortverkündigung,
durch ihre Zeichensetzung, durch ihre Christusnachfolge Gott in dieser Welt zu
proklamieren und zu bezeugen, dass sie aber dabei, wenngleich sie immer das
Gleiche sagen muss, dieses Gleiche immer wieder in einer anderen Weise sagen
muss, damit es gehört wird.
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