9.
Kapitel
Verantwortung
der Kirche für die Welt
Die Kirche als Ganzes hat gegenüber den
geschichtlichen Ordnungsgestalten jene Aufgabe, welche wir vorher der
Theologie zuschrieben. Sie kann und muss dort sprechen und handeln, wo die
elementaren Rechte des Menschen, z.B. in bezug auf Leben und körper-
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liche Unversehrtheit, wo die menschliche
Freiheit und Menschenwürde mit Füßen getreten werden. Sie muss daher den
Krieg verurteilen, gegen Hunger, Elend, Unbildung, Unterdrückung kämpfen
(Konstitution über die Kirche in der Welt von heute vom 24.11.1965). Die Kirche
als solche, nämlich das gesamte Volk Gottes und in ihm wiederum die es nach
Christi Bestimmung repräsentierenden und leitenden Sprecher, die Träger der
kirchlichen Hierarchie, richten dabei ihre Botschaft mit anderer Verbindlichkeit
aus, als dies den Theologen zusteht. So ist der Kirche in ihrem prophetischen
Amt die Aufgabe der Kritik an gesellschaftlichen Zuständen auferlegt, wenn
diese der Würde des Menschen oder einer Gruppe widersprechen. Wenn die »politische
Theologie« der Kirche diese Funktion zuschreibt, so muss man ihr darin
rechtgeben. Es wäre jedoch eine Übertretung, wenn man die Kirche als
institutionalisierte Kritik verstünde. Durch eine solche Wesensbestimmung würde
die fundamentale Aufgabe der Kirche, die Christusbotschaft zu verkündigen,
verfälscht. Die Kirche muss zwar jeweils die gesellschaftlichen Bedingungen
beachten, unter denen sie ihre eschatologische Botschaft zu den Menschen tragen
kann. Aber das Entscheidende ist der Inhalt, den sie zu proklamieren hat. Es
steht ihr auch nicht zu, jede gesellschaftliche Form zu jeder Zeit mit dem
Messer der Kritik zu sezieren, da sich in einer solchen permanenten Abwertung
eines jeden Bestehenden das menschliche Leben weder in seiner individuellen noch
in seiner gesellschaftlichen Orientierung vollziehen lässt. Dies bedeutet
nicht, dass die Kirche dort ausweichen darf, wo ihr kritisches und richtendes
Wort infolge menschenunwürdiger Zustände geboten ist. Sie darf dabei auch
nicht nur leise und verschlüsselt sprechen, sondern muss klar und eindeutig
reden und handeln.
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