19.
Kapitel
Zusammenschau
H. Maier, Politische
Theologie? In: Stimmen der Zeit 183, 1969, 82f, sagt in ausgewogener Weise zu
dem fraglichen Problem: »Die historische Realität der Kirche zeigt gegenüber
diesem dogmatisch-politischen Anspruch ein sehr viel differenzierteres Bild.
Hier scheint die Kirche sowohl in der Gemeinschaft einbezogen und verstrickt,
wie von ihr freigesetzt, oft beides zur gleichen Zeit. Die Vielfalt ihrer
scheinbar einheitlichen sozialen Erscheinung erlaubt ihr eine Fülle von
Haltungen, ein Nebeneinander von Identifikationen und Distanz, Verflechtung
und Selbständigkeit, Gleichsinnigkeit und Phasenverschiebung im Verhältnis
zur geschichtlichen Welt. Sie kann ihr quietistisch duldend gegenüber treten
(wie die frühen Christen), sich von ihr isolieren (wie das ältere Mönchtum),
sie richten und zur Ordnung rufen (wie Ambrosius), ihre wankende Ordnung schützen
(wie Gregor der Große), sie in kritischer Freiheit umgestalten (wie die Reformpäpste
im Investiturstreit), sie leidend annehmen (wie Luther), sie christlich
durchformen (wie Calvin und Ignatius). Niemals war und ist die Kirche als ganze
mit allen Gliedern gleichmäßig im Zeitlichen engagiert und
33
etabliert, immer bewegen sich einzelne
Gruppen von der existierenden Gesellschaft weg, um neue Realisierungen
christlichen Lebens zu versuchen, immer zerbrechen Establishments, rücken
prophetische Kräfte von den Rändern in die Mitte, lockern sich alte Verbindungen
zur Gesellschaft, um neuen Platz zu machen. Aber ebenso wenig lebt die Kirche je
ausschließlich in einer eschatologischen Zukunft, in einer institutionalisierten
Distanz von der Gesellschaft, ebenso wenig ist sie je völlig unabhängig von
den Formen ihrer geschichtlichen und politischen Umwelt. Immer ist in der
Kirche zugleich die Stunde Konstantins und die Stunde Gregors VII.: Die Kirche
darf auf Einheit mit Staat und Gesellschaft hoffen, sie hat aber auch die Trennung
nicht zu fürchten; denn ihr Heil steht jenseits der Hoffnung auf den gläubigen
und jenseits der Furcht vor dem ungläubigen Staat.« (Siehe auch H.Maier,
Kirche-Staat-Gesellschaft, in Hochland 60, 1967/68, 201—220 ... Derselbe, Der
Christ in der Demokratie, Augsburg 1968. Derselbe, Revolution und Kirche,
Freiburg 1965. H. Hoefnagels, Kirche in veränderter Welt, Essen 1964. K. Rahner,
Marxistische Utopie und christliche Zukunft des Menschen, in: Garaudy, Metz,
Rahner, Dialog, Hamburg 1966. J.B. Metz, Zur Theologie der Welt, Mainz-München
1968. Derselbe, in: Concilium 4, 1968, 403-411. Derselbe, Christliche Religion
und gesellschaftliche Praxis. Drei Diskussionsthesen, in: Schöpfertum und
Freiheit, Dokumente der Paulusgesellschaft, Bd. XIX, Kongress von Marienbad, München
1968, 29 bis 41. K. Forster, Die Kirche und die moderne Gesellschaft, in: Die
Sendung 5, 1969, 3-15).
Man kann fragen, ob
durch den Eintritt in die absolute Zukunft die Geschichte der Menschen aufgehoben
und beendigt sein wird. Die Frage lässt sich mit Ja
34
und Nein beantworten:
mit Ja, insofern die jetzige, zeithafte Gestalt der Geschichte ein Ende findet,
mit Nein, insofern nicht die Bewegung selbst zu Ende gehen wird. Sie schwingt
vielmehr hinüber in eine neue Form. Sie wird, um ein Wort Augustins zu gebrauchen,
in ein Ende ohne Ende eintreten. Das Ende wird sich darin zeigen, dass die
Unheilsmächte Sünde und Tod und alles, was mit ihnen zusammenhängt, Krieg,
Unterdrückung, Unfriede, Hass, Mord, Neid, Angst, Hunger und Verzweiflung,
hinweggenommen werden. Dies wird der Erde selbst zu einer neuen Gestalt
verhelfen. Die Bewegung wird jedoch nicht zum Stillstand kommen, sondern in ständiger
Intensivierung des Lebens weiter vorankommen, nicht in zeitlicher Kontinuität,
sondern in unberechenbaren Intensivierungsschüben, gemäß dem freien göttlichen
Liebeswillen.
35