17. Kapitel

 Christozentrische Sicht

 Die spannungsvolle Zusammengehörigkeit von »Gottesreich« und »Weltreich« sowie die klar gesehe­ne Verschiedenheit werden anschaubar in Jesus Chri­stus, in dem der ewige Logos Mensch, Welt, Ge­schichte. Zeit geworden ist. In und durch Jesus Chri­stus ist die innerweltliche Geschichte das Schicksal des unveränderlichen Gottes geworden. Trotzdem bleibt Gott Gott, die Welt Welt, der Mensch Mensch, das geschichtlich sich entfaltende Geschöpf Gottes, das durch Christus in Gottes eigene Existenz aufge­nommen ist. Das »Reich Gottes« liegt jenseits des »nestorianischen« Dualismus und der monophysitischen Identität.

 

18. Kapitel

Gefahr des menschlichen Selbstverlustes

 

Auch folgendes muss nachdrücklich betont werden. So sehr der Mensch von seiner Weltaufgabe bean­sprucht wird und sich ihr widmen muss, so wenig er

 

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sich ihr zu entziehen vermag, ohne seine christliche Existenz zu verletzen, so wäre es doch ein verderbli­cher menschlicher Rückschritt, wenn er sein eigenes Selbst an die Sachwelt, an die Dinge verlieren würde. Sein Selbst kann nur bewahrt werden, wenn sich mit der Aktion in Wissenschaft, Technik und Industrie die Selbstbesinnung, die Meditation und die Kontemplation verbinden, wenn also die Horizontalbewegung im­mer wieder durchkreuzt wird von der Vertikalbewe­gung (vgl. W. Heisenberg, Das Ganze und der Teil, Hamburg 1969).

Wenn die politische Theologie in diesem Problem­bereich aus ihren obersten Prinzipien der Gerechtigkeit und der Liebe glaubt, ein Reich der Freiheit »schaffen« zu können, und hierfür konkrete Anweisungen und Imperative für dessen Konturen geben will, dann über­schätzt sie ihre Möglichkeiten und verkennt ihren theologischen Sinn. Sie gerät mit einer solchen Me­thode in Widerspruch gerade zu dem II. Vatikanischen Konzil, das im Gegensatz zum Vorgehen gegenüber Galilei und im Unterschied zum Syllabus Pius IX. vom Jahre 1864 die relative, begrenzte, auch ihrerseits un­ter Gottes Anspruch stehende, aber nicht kirchlichen Weisungen unterworfene Autonomie der weltlichen Sachgebiete verkündet.

Die »politische« Theologie steht, im ganzen gese­hen, trotz ihrer prinzipiellen Unterscheidung von Got­tesreich und Weltreich, von Heilsgeschichte und Pro­fan­ge­schich­te, von Glaube und Politik in der Gefahr, falschen Identifikationen zum Opfer zu fallen und so sowohl die Politik als auch die Theologie zu verderben (siehe den »lntegralismus«, namentlich in Frankreich). Sie wird auch von der Versuchung bedroht, das ethisch-religiöse Auf und Ab in der Geschichte, die durch die menschliche Freiheit ermöglichten Gegenak-

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tionen gegen das Gottesreich zu verharmlosen und so einem überspitzten Weltoptimismus zu verfallen. Der Christ muss zu der Welt, insofern sie als Ort und Quell der Sünde verstanden wird, »Nein« sagen, so sehr er zu ihr als der Schöpfung »Ja« sagt. Das Verhalten des Christen gegenüber der Welt ist dialektisch. Wenn man nicht verhängnisvollen Pseudo-Hoffnungen an­heim­fallen will, darf man die rätselhafte Herrschaft, ja Vormacht des Bösen nicht vergessen, das von über­menschlichen Mächten ausgeht. Diese Erfahrung kann allerdings den Christen nicht entmutigen, mit al­len Kräften dem Bösen Widerstand zu leisten.

Eine allzu starke dialektische Annäherung und erst recht eine (wenn auch nur analoge) Identifizierung von »Gesellschaftsprozess« und »Heilsprozess« würde dem Sinn eines jeden dieser beiden Vorgänge zuwiderlau­fen. Mit Recht hat der evangelische Theologe J. Moltmann, Theologie der Hoffnung, München 1964, 313ff, in Auseinandersetzung mit E. Bloch erklärt: »Für die christliche Hoffnung gründen Hunger, Krieg, Aufbruch und Zukunftsbereitschaft in der Verborgenheit der Zukunft des Auferstandenen. Darum hat diese Hoffnung sich ein Gegenüber voraus, das weder ding­liche Vorhandenheit ist, auf der sie ruhen kann, noch die völlige Leerheit des Begriffs, wie in einem Hohl­raum, der horror vacui und mögliches Gelingen ent­hält, noch auch eine bloße Chiffre für das Hoffen sel­ber ist. Dieses Gegenüber wird als Verheißung Gottes vernommen und in der Zuversicht ergriffen, die auf die Treue Gottes setzt, der die Toten auferweckt und dem ruft, was nicht ist, dass es sei (Röm 4,17). Es ist der Gott der Hoffnung (Röm 15,6), nicht aber der Gott-Hoffnung, Deus spes, was Bloch sagt. Dieser Gott der Hoffnung, auf dessen Verheißung und Treue die Hoff­nung setzt, der aber nicht die Hoffnung selber ist, ist

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dem hoffenden, zukunftswilligen Menschen um eine Ewigkeit voraus; nämlich um genau die Ewigkeit sei­nes eigenen Todes und des Gerichtes, in dem nichts bleiben kann, was ist.«

 

  

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