15.
Kapitel
Grenze
der »politischen« Theologie
Sofern die politische Theologie jeweils
gegenwärtige, politisch-gesellschaftliche Missstände an dem Maßstab der
Menschenwürde zu beurteilen sucht und auf Besserung abzielt, ist sie im Recht.
Sie erfüllt damit nichts anderes als jenes Wort, welches gegenüber
menschenunwürdigen Unterdrückungen und Ausbeutungen jeglicher Art von dem
Gottesgläubigen immer gesprochen werden muss: »Es ist dir nicht erlaubt« (Mt
14,4). Sie ist im Recht, wenn sie die kirchliche Verkündigung auch als
gesellschaftskritische und gesellschaftsbildende Kraft fordert und so
das Freund-Feind-Schema als geschichtsbildendes Element eliminiert. Sie kann
jedoch nicht der Dauerkritik huldigen, weil so jedes menschliche kontinuierliche
Leben zerstört würde.
Auf Abwege gerät sie,
wenn sie die Funktion der Kirche auf institutionalisierte Gesellschaftskritik
reduzierte und über die Kritik hinaus positive Lösungen und Anweisungen
bieten und diese für allein berechtigt und verpflichtend erklären wollte.
Sie vergäße dabei, dass es die christliche Politik oder Gesellschaft oder
Wirtschaftsform oder Kultur im exklusiven Sinn nicht gibt, ferner, dass weder
die Theologie noch eine andere geistige Bewegung ein fertiges Rezept für die
Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft haben kann.
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