14. Kapitel

 

Kritik der rein irdischen Formen

 

Was von jeder theologischen Erkenntnis gilt, dass sie nämlich Stückwerk ist, muss auch von den Bemühun­gen um die rechte Gestalt der irdischen Ordnungen be­hauptet werden. Das Vollkommene muss zwar immer angestrebt, kann aber nie erreicht werden. Das Reich Gottes wird nie in den irdischen Ordnungen voll ver­wirklicht, ja, auch nicht in der Kirche. Auch die Verhei­ßungen Christi stellen kein vollkommenes Menschen­reich in Aussicht.

Die binnenweltlichen Ordnungen bedürfen immer wieder der Kritik, damit sie der Gefahr der Selbstver­schließung und der durch die kulturelle Entwicklung überholten, gewohnheitsmäßigen Beharrung auf ei­nem einmal erreichten Zustand entrissen werden.

Als notwendige und aktive Gesellschaftskritik ver­steht sich heute die sogenannte »politische Theologie«. Der Ausdruck ist zwar missverständlich, weil er leicht im Sinne jener alten politischen Theologie

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verstanden werden kann, welche die Identität von Staat und Kirche, von Politik und Religion vertritt. Die heutige politische Theologie lehnt jedoch trotz ihrer Belastung durch den überlieferten, geschichtlich ge­prägten Terminus die Identität ab.

Sie will das Gegenteil lehren. Sie spricht von einem »eschatologischen Vorbehalt« und meint damit die Absolutheit der christlichen Zukunftshoffnung und die Relativität bzw. die Vorläufigkeit der innerweltlichen Zukunftsbemühungen. Aus der Zusammenschau die­ser beiden Elemente erwächst ihre Gesellschaftskritik. Hierbei sind zwei Einsichten maßgebend, dass nämlich die irdischen Ordnungen zwar nur vorläufigen Charak­ter haben, dass sie aber in ihrer Vorläufigkeit notwendi­ge analoge Vorgestalten der endgültigen Zukunft sind und sein sollen, wobei der Unähnlichkeitscharakter nachdrücklich zu betonen und anzuerkennen ist. Gera­de diese zweite These schließt aus, dass die geschicht­lichen, irdischen Ordnungen sich zu der absoluten Zu­kunft entwickeln können. Es ist vielmehr zu bedenken, dass das, was Freiheit, Gerechtigkeit und Friede ge­nannt wird, analog identisch ist mit dem, was diese Worte in theologisch-eschatologischer Sicht bedeu­ten. Ebenso ist sicher, dass politischer Unfriede und ir­dische Ungerechtigkeit das Kommen des Gottesrei­ches und seiner absoluten Zukunft letztlich nicht hin­dern können (C.Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, 1922. K. L. Schmidt, Die Polis in Kirche und Welt, 1939. J. Ratzinger, Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche, 1954. A. Erhardt, Politische Metaphysik von Solon bis Augustinus l, 1959. C.Bauer, Deutscher Katholizismus, 1964. N.Moody, Church in Society, in: Catholic Social and Political Thougth and Moovement 1789-1950, 1953).

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