13. Kapitel

 

Marxistische Zukunftstheorie und Theologie

 

 

Man kann nicht leugnen, dass der Marxismus kräfti­ge Impulse für die innergeschichtliche Gesellschafts­ord­nung gibt, welche prinzipiell durch Freiheit und Ge­rechtigkeit geprägt sein will. Für den gläubigen Men­schen bleiben jedoch die weittragenden Fragen, ob sich die atheistische Grundorientierung von der vom Marxismus propagierten innerweltlichen Gesell­schafts­ordnung trennen lässt und ob der einzelne in dem Evolutionsprozess nicht der Gesamtgesellschaft geopfert wird. In der Praxis erhalten diese Fragen, wie jedermann sehen kann, eine deutliche Antwort.

 

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Auf der anderen Seite erklärt ein so einflussreicher Philosoph der Frankfurter Schule wie Max Horkheimer, dass die Probleme der Welt ohne theologischen Einfluss nicht gelöst werden können. Namentlich nennt er die Unmöglichkeit, Freiheit und Gleichheit zugleich zu realisieren. Wenn man Gleichheit erlangen wolle, müsse man die Freiheit einschränken. Wenn man aber die Freiheit belassen wolle, dann gebe es keine Gleich­heit mehr. Er meinte, dies gelte auch für die Staaten der freien westlichen Welt. Der Staat überziehe den Ein­zelnen zwar mit einem diesem willkommenen sozialen Netz, beschränke aber damit zwangsläufig seine Frei­heit. Er nehme ihm seine Sorge um Existenz und Zu­kunft durch Zwangsmaßnahmen ab. Er erklärt: »Ich glaube, dass die Menschen ... in dieser verwalteten Welt ihre Freiheit nicht werden frei entfalten können, sondern sie werden sich an rationalistische Regeln an­passen und sie werden schließlich diesen Regeln in­stinktiv gehorchen. Die Menschen dieser zukünftigen Welt werden Automaten sein.« Er ist der Überzeu­gung, dass die moderne Wissenschaft zu dieser Ein­grenzung der Freiheit wesentlich beiträgt. Sie gibt dem Menschen zwar ein außerordentlich reiches Wis­sen, aber keine Orientierung in der Welt. Weiterhin sagt er: »Politik, die, sei es höchst unreflektiert, Theo­logie nicht in sich bewahrt, bleibt, wie geschickt sie sein mag, letzten Endes Geschäft... Vom Standpunkt des Positivismus aus gesehen, lässt sich keine morali­sche Politik ableiten. Rein wissenschaftlich betrachtet, ist der Hass bei aller sozialfunktionellen Differenz nicht schlechter als die Liebe. Es gibt keine logisch zwingen­de Begründung dafür, warum ich nicht hassen soll, wenn ich mir dadurch im gesellschaftlichen Leben kei­ne Nachteile zuziehe ... Der Positivismus findet keine die Menschen transzendierende Instanz, die zwischen

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Hilfsbereitschaft und Profitgier, Güte und Grausam­keit, Habgier und Selbsthingabe unterscheidet. Auch die Logik bleibt stumm. Sie erkennt der moralischen Gesinnung keinen Vorrang zu. Alle Versuche, die Mo­ral anstatt durch den Hinblick auf ein Jenseits auf irdi­sche Klugheit zu begründen ... beruhen auf harmonistischen Illusionen. Alles, was mit Moral zusammen­hängt, geht letzten Endes auf Theologie zurück.«

Es besteht also im gegenwärtigen Denken ein aus­wegloses Dilemma. Adorno und Horkheimer von der Frankfurter Schule kommen zu der unausweichlichen Alternative, entweder für die Bezogenheit des Men­schen auf Gott in dem Sinne eine Losung zu finden, dass sie erklären, man solle seine Anliegen so regeln, als ob es Gott gäbe, oder sich mit der Absurdität abzu­finden, dass es überhaupt keine Lösung gibt. Das Er­gebnis dieses Denkens ist also die Vorstellung, dass das Leben des Menschen an sich sinnlos ist, dass er aber mit dem Leben besser zurechtkommt, wenn er sich einer religiösen Illusion hingibt. Niemand kann be­zweifeln, dass auf diesem Wege am Ende die reine Ab­surdität steht (nach Hugo Staudinger, Rheinischer Merkur, 1981, Nr. 5, S. 8). Staudinger ist der Mei­nung, dass es das bleibende Verdienst der Frankfurter Schule sei, den geistigen Hintergrund des gegenwärti­gen Dilemmas und der Futurologie aufgewiesen zu ha­ben, allerdings ohne eine Lösung vorlegen zu können.

Weil die irdischen Sachbereiche infolge ihres Ge­schöpfcharakters theologische Aussagen erlauben und fordern, ist es kein ihr Wesen beeinträchtigendes, sondern ein aus diesem folgendes Unternehmen, wenn die Theologie die irdischen Ordnungen an dem Verhältnis zu Gott und an ihrer Tragweite für die absolu­te Zukunft misst. Es wäre allerdings nicht nur ein unbilli­ges, sondern ein untheologisches Unterfangen, wenn

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die Theologie für die irdische Geschichte jene vollkom­menen Gestalten und Formen fordern wollte, welche in der absoluten Zukunft gelten. Sie würde in einem sol­chen unangemessenen Richterspruch vergessen, dass die Theologie der Weg, nicht das Ziel ist. Sie würde ins­besondere den Unterschied zwischen Immanenz und Transzendenz vernachlässigen und daher die Notwen­digkeit des Todes als des Übergangs in das Vollkomme­ne, d.h. die Christologie, aus dem Spiele lassen.

 

  

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